Predigten im Jahreskreis - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

3. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr B (Mk 1,14-20)

Nachdem man Johannes den Täufer ins Gefängnis geworfen hatte, ging Jesus wieder nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium! Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah er Simon und Andreas, den Bruder des Simon, die auf dem See ihr Netz auswarfen; sie waren nämlich Fischer. Da sagte er zu ihnen: Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen. Sogleich ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm. Als er ein Stück weiterging, sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus; und seinen Bruder Johannes; sie waren im Boot und richteten ihre Netze her. Sofort rief er sie, und sie ließen ihren Vater Zebedäus mit seinen Tagelöhnern im Boot zurück und folgten Jesus nach. (Mk 1,14-20)

Es war Fasnacht - großes Narrentreffen und ich durfte dabei sein. Ich war damals noch ziemlich klein und sicher auch nicht der mutigste. Denn als der Umzug endlich kam - ich erinnere mich noch ganz deutlich daran - da hab' mich immer mehr zwischen den Beinen meines Vaters verkrochen. Die vorüberziehenden Gruppen machten mir Angst. Und ganz besonders eine Gruppe. Eine nämlich, die hatte ein riesiges Netz dabei. Schon von weitem hatte ich sie beobachten können. Ich sah ganz deutlich, wie sie immer wieder am Straßenrand jemanden mitgenommen haben, einfach jemanden aus der Reihe herauszogen und in dieses riesige Netz hinein geworfen haben.

Dass meine Angst vor dieser Gruppe ziemlich unbegründet war, das hab' ich natürlich damals noch nicht so recht realisiert. Diese Narren mit ihrem Netz, die hatten natürlich viel mehr Interesse an den jungen Damen unter den Zuschauern, als an einem kleinen, verängstigten Jungen, der da am Straßenrand stand.

Aber eines ist mir schon damals aufgefallen. Irgend etwas konnte mit diesem Netz nicht ganz stimmen. Ich hatte gewaltige Angst davor, aber all die Mädchen, die nun mit diesem großen Netz gefangen wurden, die sahen überhaupt nicht traurig aus. Ganz im Gegenteil: sie kreischten vor Vergnügen. Für alle, die da im Netz mitgeschleift wurden, schien das Ganze eine mord's Gaudi zu sein. Sie lachten und kreischten sie waren vergnügt, obwohl sie doch als 'Gefangene' mitgeschleppt wurden und dabei zappelten, wie die Fische im Netz.

Liebe Schwestern und Brüder,

An dieses Netz und diese Narren mit ihren "Gefangenen", an dieses Bild muss ich immer wieder denken, wenn ich das Wort von den "Menschenfischern" lese. Das waren die ersten Menschenfischer, die mir in meinem Leben begegnet sind. Und sie haben ein Bild in mir geprägt, das - denke ich - ganz untypisch ist für die Empfindungen, die man normalerweise mit einem Netz verbindet.

Das Gefangensein im Netz als riesige Gaudi - typisch ist diese Vorstellung sicherlich nicht. Denn ein Netz, das ist ansonsten doch eine ganz ernste Sache! Wenn ich normalerweise an ein Netz denke oder mir gar vorstelle, dass jemand damit auf mich los geht, dass mich jemand darin fangen möchte, dann kommen da ganz andere Empfindungen hoch. In aller Regel hat es nämlich überhaupt nichts mit einer Gaudi zu tun, wenn man eingefangen wird. Und ich weiß nicht, ob diese Mädchen beim Umzug damals auch dann noch so fröhlich gewesen wären, wenn sie nicht genau gewusst hätten, dass man sie an der nächstbesten Straßenecke wieder laufen lässt. Jemandem ins Netz zu gehen, das ist normalerweise nämlich eine todernste Sache!

Und ich verstehe daher ganz gut, wenn das Wort von den Menschenfischern für viele heutzutage absolut nichts mit Evangelium und froher Botschaft zu tun hat. Wenn da jemand nach Menschen fischt, dann klingt das bedrohlich, dann macht das Angst - und ganz besonders wenn es Gott ist, der da fischt, denn der hat sicher nicht vor, seinen Fang an der nächsten Ecke wieder laufen zu lassen.

Ein Gott, der nach Menschen fischt, der macht Angst, der wirkt mindestens so bedrohlich, wie diese Narren mit ihrem großen Netz damals für den kleinen Jungen am Straßenrand. Nur hatte sich dieser kleine Junge ja in diesem Netz getäuscht. Das habe ich von damals mitgenommen. Ich hatte Angst vor einem Netz, vor dem ich eigentlich gar keine Angst zu haben brauchte, ganz im Gegenteil, denen, die damit zu hatten, schien dieses Netz ja sogar Freude zu bereiten. Das habe ich von damals mitgenommen. Ich habe mitgenommen, dass Netz anscheinend nicht gleich Netz ist. Anscheinend gibt es Netze, die nicht bedrohlich sind, anscheinend gibt es Netze vor denen ich alles andere, nur keine Angst zu haben brauche.

Sicher, Gott fängt uns; Er fängt uns in seinem Netz. Aber er fängt uns damit nicht ein, er fängt uns auf. Sicher, er spannt ein Netz aus, aber dieses Netz ist keine Stolperfalle, dieses Netz sichert den Abgrund. Sein Fischzug, der zunächst einmal so erschreckend aussehen mag, der entpuppt sich, für den, der es zu entdecken gelernt hat, der genauer hinsehen kann, der entpuppt sich für den, als unsere Rettung!

Gott fängt nicht ein, Gott fängt auf. Er fängt uns auf im Netz seiner Liebe! Er wacht sorgsam darüber, dass niemand von uns verloren geht! Und er tut dies auch dann, wenn wir bisweilen, vor ihm davonlaufen!

"Wenn ich zum Himmel flöge,
ich könnt dir nicht entfliehn,
wenn ich zum Abgrund zöge,
ich fände dich darin.
Trüg mich das Morgenrot
bis zu der Erde Enden
du hieltest mich in Händen
im Leben und im Tod!"

Amen.

(gehalten am 24./25. Januar 1997 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

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