Predigten im Jahreskreis - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

2. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr B (Joh 1,35-42)

In jener Zeit stand Johannes am Jordan, wo er taufte, und zwei seiner Jünger standen bei ihm. Als Jesus vorüberging, richtete Johannes seinen Blick auf ihn und sagte: Seht das Lamm Gottes! Die beiden Jünger hörten, was er sagte, und folgten Jesus. Jesus aber wandte sich um, und als er sah, dass sie ihm folgten, fragte er sie: Was wollt ihr? Sie sagten zu ihm: Rabbi - das heißt übersetzt: Meister -, wo wohnst du? Er antwortete: Kommt und seht. Da gingen sie mit und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm; es war um die zehnte Stunde. Andreas, der Bruder des Simon Petrus, war einer der beiden, die das Wort des Johannes gehört hatten und Jesus gefolgt waren. Dieser traf zuerst seinen Bruder Simon und sagte zu ihm: Wir haben den Messias gefunden. Messias heißt übersetzt: der Gesalbte - Christus. Er führte ihn zu Jesus. Jesus blickte ihn an und sagte: Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst Kephas heißen. Kephas bedeutet: Fels - Petrus. (Joh 1,35-42)

Die Szene hat etwas Peinliches.

Da geht Jesus am Jordan entlang und merkt offenbar, dass ihm plötzlich zwei Gestalten hinterherschleichen. Er dreht sich um und fragt: "Was wollt Ihr?"

Liebe Schwestern und Brüder,

da fühlen sich zwei richtiggehend ertappt. Und ich kann mir gut vorstellen, dass die recht verdattert dagestanden sind.

Was sagt man denn jetzt auch? Die Aktion war ja alles andere als geplant. Die beiden Jünger des Johannes sind ja offenbar ganz spontan losgelaufen, als der Täufer auf Jesus deutete und sagte: Das ist der, den ich meine. Groß überlegt haben die sich dabei wohl kaum etwas. Und dann dreht sich der plötzlich um und fragt: "Was wollt Ihr?"

Ja, was wollten sie denn? Ich glaube, das wussten die beiden selber nicht.

"Meister, wo wohnst Du?" plapperten sie los. Als ob es ihnen um die Adresse gegangen wäre. Ihre überlieferte Antwort klingt irgendwie eigen, verlegen und einfach so dahergesagt - so als wäre ihnen einfach nichts Besseres eingefallen.

"Was wollt Ihr?"

Hätten Sie eine bessere Antwort?

Ich bin mir nicht sicher. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt eine Antwort geben könnte. Was will ich eigentlich? Was erwarte ich von diesem Jesus? Gesundheit? Reicht mir das? Glück im Leben? Zufriedenheit? Ist das schon alles? Um was geht es denn eigentlich? Das Reich Gottes - was genau ist das?

Ich denke, ich hätte Jesus eine ähnlich unbeholfene Antwort gegeben, wenn er sich plötzlich umgedreht und mir diese Frage gestellt hätte. Meine Antwort wäre wohl genau so dumm gewesen wie die der beiden Jünger.

Ich kann nur hoffen, dass ich dann auch so klug wie sie reagiert hätte. Auf seine Einladung - "Kommt und seht!" - sind sie nämlich einfach mitgegangen. Und sie sind bei ihm geblieben; und - wie man aus dem weiteren Verlauf des Evangeliums weiß - nicht nur für diesen einen Tag.

Vielleicht kann man die wirkliche Antwort auch nur dann finden, dann nämlich, wenn man einfach seine Nähe sucht, wenn man sich mit diesem Jesus auf den Weg macht, wenn man sich von ihm begleiten lässt, an seiner Seite durch das Leben geht.

Es wird dann vielleicht jeden Tag ganz anders aussehen, das, was man von ihm erwartet, was man sich erhofft und was man wirklich braucht. Es wird vielleicht für jeden Augenblick meines Lebens eine andere Antwort geben auf die Frage, "Was will ich denn eigentlich?" Und ich werde vielleicht immer wieder anders umschreiben, wer er für mich ist und welche Bedeutung er für mich hat.

Das heutige Evangelium macht dabei deutlich, dass dies ganz in Ordnung so ist. Es geht nämlich nicht darum, gescheite Antworten geben zu können, nicht einmal darum, die richtigen Fragen zu stellen. Es geht in erster Linie darum, seine Nähe zu suchen, ihm zu folgen.

Ich werde dann vermutlich trotzdem nicht umfassend beschreiben können, wer er für mich ist und was ich mir von ihm wirklich erwarte und ausmale. Ich werde nicht wirklich mehr wissen. Aber ich werde etwas spüren. Eines werde ich, je länger ich mit ihm unterwegs bin, hoffentlich umso nachdrücklicher spüren: Ich werde erleben, wie wichtig es ist, dass er in meiner Nähe ist, und ich werde spüren, was ich an diesem Jesus habe.

Amen.

(gehalten am 14./15. Januar 2012 in der Peters- und Antoniuskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
Tel.: +49 (0721) 82105171, E-Mail: kontakt@joerg-sieger.de.