Predigten im Jahreskreis - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

2. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr B (1 Sam 3,3b-10. 19)

In jenen Tagen schlief der junge Samuel im Tempel des Herrn, wo die Lade Gottes stand. Da rief der Herr den Samuel, und Samuel antwortete: Hier bin ich. Dann lief er zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Eli erwiderte: Ich habe dich nicht gerufen. Geh wieder schlafen! Da ging er und legte sich wieder schlafen. Der Herr rief noch einmal: Samuel! Samuel stand auf und ging zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Eli erwiderte: Ich habe dich nicht gerufen, mein Sohn. Geh wieder schlafen! Samuel kannte den Herrn noch nicht, und das Wort des Herrn war ihm noch nicht offenbart worden. Da rief der Herr den Samuel wieder, zum drittenmal. Er stand auf und ging zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Da merkte Eli, dass der Herr den Knaben gerufen hatte. Eli sagte zu Samuel: Geh, leg dich schlafen! Wenn er dich wieder ruft, dann antworte: Rede, Herr; denn dein Diener hört. Samuel ging und legte sich an seinem Platz nieder. Da kam der Herr, trat zu ihm heran und rief wie die vorigen Male: Samuel, Samuel! Und Samuel antwortete: Rede, denn dein Diener hört. Samuel wuchs heran, und der Herr war mit ihm und ließ keines von all seinen Worten unerfüllt. (1 Sam 3,3b-10. 19)

Irgendwie sind da ja alle ein wenig schwer von Begriff. Anders kann man es ja schon gar nicht mehr sagen.

Drei Mal muss Gott den Samuel rufen, bis der endlich begreift.

Aber was noch viel schlimmer ist: Erst beim dritten Mal blickt selbst der große Eli, der doch die Geschicke Israels in Händen hält, langsam durch.

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn es noch öfter passiert wäre, dann wäre der Text der heutigen Lesung regelrecht langweilig geworden.

Ist ja jetzt schon ziemlich an der Grenze: "Hier bin ich, du hast mich gerufen. - Ich hab dich nicht gerufen, geh wieder schlafen." Und noch mal: "Hier bin ich, du hast mich gerufen. - Ich hab dich nicht gerufen, geh wieder schlafen." Und dann noch mal: "Hier bin ich."

Wenn es jetzt wieder einfach nur geheißen hätte: "Geh wieder schlafen!" - es wäre ja nicht mehr zum Aushalten gewesen. Der Text wäre dann an Langeweilefaktor kaum noch zu überbieten.

Und vermutlich hätte man schon Kürzungen und ein paar Streichungen vornehmen müssen, damit man ihn heute überhaupt noch vorlesen kann, ohne dass die Leute dabei einschlafen.

Der Einzige, dem es bei all dem offenbar nicht langweilig zu werden scheint, ist Gott.

So wie da in der Bibel erzählt wird, kann man sich ganz gut vorstellen, dass der nicht nur noch ein viertes, sondern auch ein fünftes, ja sogar ein sechstes Mal rufen würde.

Wenn Sie sich das mit der Stimme Gottes so vorstellen, als würde man einen Schrank aufmachen und da ruft plötzlich jemand heraus, dann hätten Sie recht, das ist Blödsinn, so funktioniert das nicht. Und wenn Sie meinen, dass Gott so rufen würde, dass man ihn mit einem Kassettenrecorder aufnehmen könnte, dann müsste ich Ihnen auch zustimmen. So ruft Gott natürlich auch nicht - so hat er noch nie gerufen.

Aber er ruft. Und er tut es auch heute. Er tut es nur anders als es sich viele vorstellen.

Schauen Sie sich den Samuel an: Wie im Traum vernimmt er den Ruf Gottes. Die Bibel spricht nicht davon, dass Samuel plötzlich eine laute, klar vernehmbare Botschaft bekommen hätte. Gott spricht, aber wie in einem Traum.

Wer meint, Gott würde ihn so ansprechen, dass völlig klar und über jeden Zweifel erhaben ganz eindeutig Gottes Stimme vernehmbar ist, der wird ihn vermutlich nie zu hören bekommen.

Aber so hat ihn, glaube ich, auch noch kaum ein Mensch wirklich gehört. Gott spricht nämlich ganz anders - meist gar nicht mit Worten, meist auf eine Art und Weise, dass mir erst nach längerer Zeit ganz langsam bewusst wird: Ja, stimmt, das scheinst du mir sagen zu wollen.

Gott bricht in Ereignissen, Erlebnissen und manchmal auch durch sogenannte Schicksalsschläge in unser Leben ein, manchmal bestätigend, manchmal bremsend oder auch korrigierend. Direkt vernehmen kann man ihn wahrscheinlich gar nicht.

Dem Samuel war es wie im Traum. Manchmal ist es, als spräche er durch andere Menschen - denn in denen begegnet er uns ja. Und häufig helfen uns andere auch erst wirklich auf die Sprünge, vermögen wir allein die Dinge gar nicht so recht einzuordnen, so wie Samuel ohne die Hilfe Elis wohl nie darauf gekommen wäre, dass Gott in sein Leben einbricht und wirklich etwas von ihm will.

Aber genau so, wie dem Samuel langsam klar wurde, dass er eine Geschichte mit Gott hat, dass Gott eine Botschaft für ihn hat, die er nur zu verstehen lernen muss, dass Gott vernehmbar ist, wenn man nur gelernt hat, die Zeichen, die er setzt, richtig zu deuten, genauso, spricht Gott auch heute. Wir müssen es nur entdecken lernen.

Hoffentlich haben Sie Ihren Eli schon gefunden, denn Gott spricht auch zu Ihnen. Er hat auch mit Ihnen etwas vor.

Manchmal entdecken wir Menschen das ganz instinktiv. Manchmal spüren wir es erst, nachdem wir uns lange dagegen gesträubt haben und dann am Ende doch einsehen mussten, dass das, was er da als Pfad für mich gedacht hat, genau mein Weg ist.

Egal wie es auch sei, er ruft einen jeden von uns, jeden und jede auf je eigene Weise. Ganz egal ob Mann oder Frau, jung oder alt, hier oder dort.

Wir müssen es nur zu verstehen lernen.

Auf immer wieder neue Weise und stets ganz persönlich - in die eigene Lebenswirklichkeit übersetzt - sagt er zu einem jeden von uns: "Komm, folge mir nach!"

(gehalten am 14./15. Januar 2006 in der Antonius- und Pauluskirche, Bruchsal)

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