Predigten in der Österl. Bußzeit - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

5. Sonntag der Fastenzeit - Lesejahr B (Joh 12,20-33)

In jener Zeit  traten einige Griechen, die beim Osterfest in Jerusalem Gott anbeten wollten, an Philippus heran, der aus Betsaida in Galiläa stammte, und sagten zu ihm: Herr, wir möchten Jesus sehen. Philippus ging und sagte es Andreas; Andreas und Philippus gingen und sagten es Jesus. Jesus aber antwortete ihnen: Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht wird. Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht auf die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht. Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben. Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach; und wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein. Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn ehren. Jetzt ist meine Seele erschüttert. Was soll ich sagen: Vater, rette mich aus dieser Stunde? Aber deshalb bin ich in diese Stunde gekommen. Vater, verherrliche deinen Namen! Da kam eine Stimme vom Himmel: Ich habe ihn schon verherrlicht und werde ihn wieder verherrlichen. Die Menge, die dabeistand und das hörte, sagte: Es hat gedonnert. Andere sagten: Ein Engel hat zu ihm geredet. Jesus antwortete und sagte: Nicht mir galt diese Stimme, sondern euch. Jetzt wird Gericht gehalten über diese Welt; jetzt wird der Herrscher dieser Welt hinausgeworfen werden. Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen. Das sagte er, um anzudeuten, auf welche Weise er sterben werde. (Joh 12,20-33)

Wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein!

Liebe Schwestern und Brüder,

dieses Wort Jesu ist für uns Programm. Dort sollen wir sein, dort, wo er ist.

Das ist nichts Neues, deswegen sind Sie heute vermutlich ja auch hier. Warum sollten Sie sonst am Sonntag im Gottesdienst sein. Wir folgen der Einladung Jesu. Wir wollen ihm nahe sein, ihm begegnen - schlicht und ergreifend dort sein, wo er ist.

Nur erlauben Sie mir die ketzerische Frage. Wäre er heute denn jetzt auch hier?

Nein, keine Angst. Ich weiß, dass Christus in der Eucharistie, in seinem Wort, mitten unter uns ist. Ich weiß, dass er uns zugesagt hat, dass er dort ist, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind. Ich frage jetzt ja auch nicht, ob wir Christus hier im Gottesdienst begegnen oder nicht. Darum geht es nicht.

Ich frage nach ihm, ich frage danach, ob dieser Jesus von Nazareth, wenn er heute leben würde, jetzt als Mensch auf der Welt wäre, ob der denn heute auch hier wäre, hier, in Weingarten in St. Michael. Säße er jetzt auch hier in der Kirchenbank?

Vielleicht hätte er jetzt ja schon Schwierigkeiten, wenn er sich entscheiden müsste, entscheiden, ob er jetzt hier in diesen Gottesdienst ginge, oder gleich nebenan in die evangelische Kirche.

Und wäre er wirklich hier mitten unter uns jetzt doch ordentlich zum Sonntagsgottesdienst hergerichteten Menschen? Irgendwie würde er doch schon komisch auffallen, mit langen Haaren, barfuß in Sandalen…

Und würde er sich wohlfühlen in unserem doch recht bürgerlichen Milieu? Damals hat er sich ja auch eher mit denen abgegeben, auf die andere mit Finger gezeigt haben, von denen sie gesagt haben, sie seien Huren und Zöllner, Fresser und Säufer.

Vielleicht wäre er jetzt ja eher in der Karlsruher Innenstadt, hinten beim Bahnhof, in irgendeiner Unterführung, wo es zum Übernachten immer noch recht kalt ist, und sich jetzt wohl mehr als ein Obdachloser hin verkrochen hat.

Oder er wäre in der Durlacher Allee, dort im Flüchtlingslager, wo diejenigen Unterschlupf gefunden haben, die gerade noch ihr nacktes Leben hierhergeschleppt haben, und von denen viele sagen, sie seien nur aus wirtschaftlicher Not hier. Doch was ist das schon für ein Wort: Wirtschaftliche Not. Armut heißt das, Perspektivelosigkeit. Was an viel größerer Not kann es überhaupt geben?

Ich fürchte fast, wenn er heute durch unser Land ziehen würde, er wäre jetzt kaum hier zu finden. Seien wir froh, dass wir seine Zusicherung schriftlich haben, dass er uns hier tatsächlich begegnet. Seien wir froh, dass er selbst uns das zugesagt hat, dass er uns zugesagt hat, dass er hier bei uns ist, wir könnten ihnen sonst leicht vergeblich hier suchen. Denn von seiner Art her, von dem was ihm wichtig war, wenn es danach geht, dann würden mir jetzt sicher eine ganze Reihe anderer Orte einfallen, an denen er viel eher zu finden wäre.

Orte, an denen er auch die wissen möchte, die ihm folgen wollen. Denn genau dort -, nicht nur im Gottesdienst -, genau dort wo Menschen Not leiden, in den ärmsten Brüdern und Schwestern, genau dort begegnen wir ihm nicht minder. Und vielleicht - manchmal überkommt mich dieser ketzerische Gedanke - vielleicht begegnen wir ihm dort sogar noch sehr viel unmittelbarer.

Es ist zumindest ab und an einen Gedanken Wert, vor allem dann, wenn wir uns wieder einmal anschicken dort sein zu wollen, wo er ist.

Denn, "Wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein!" Dieses Wort Jesu ist für uns Programm.

(gehalten am 21./22. März 2015 in St. Michael, Weingarten (Baden))

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Str. 54, D-76131 Karlsruhe,
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