Predigten in der Österl. Bußzeit - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

4. Sonntag der Fastenzeit - Lesejahr B (Eph 2,4-10)

Brüder! Gott, der voll Erbarmen ist, hat uns, die wir infolge unserer Sünden tot waren, in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, zusammen mit Christus wieder lebendig gemacht. Aus Gnade seid ihr gerettet. Er hat uns mit Christus auferweckt und uns zusammen mit ihm einen Platz im Himmel gegeben. Dadurch, dass er in Christus Jesus gütig an uns handelte, wollte er den kommenden Zeiten den überfließenden Reichtum seiner Gnade zeigen. Denn aus Gnade seid ihr durch den Glauben gerettet, nicht aus eigener Kraft - Gott hat es geschenkt -‚ nicht aufgrund eurer Werke, damit keiner sich rühmen kann. Seine Geschöpfe sind wir, in Christus Jesus dazu geschaffen, in unserem Leben die guten Werke zu tun, die Gott für uns im voraus bereitet hat. (Eph 2,4-10)

Abends in einem Lokal: Alles sieht schon recht voll aus. Kaum dass die Türe aufgeht, eilt der Ober auch schon herbei und empfängt die Ankömmlinge mit einem fragenden Blick - und vor allem bereits mit dem Satz auf den Lippen, dass es ihm entsetzlich leid täte, aber an diesem Abend schon alles belegt sei. Glücklich, wer dann sagen kann: "Für uns wurde reserviert!" Das Abendessen ist dann gesichert; und vor allem: Der gemütliche Abend ist gerettet. Es ist nämlich reserviert.

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn die Plätze schon einmal reserviert sind, dann kann eigentlich fast gar nichts mehr schief gehen, dann ist man vor bösen Überraschungen gefeit und bestens abgesichert. Das weiß jeder von uns. Und deshalb wird kaum jemand eine wichtige Feier planen ohne die entsprechenden Plätze im Lokal auch wirklich reserviert zu haben. Und wenn es sich um ganz besondere Anlässe handelt, dann lässt man sich die Reservierung am Besten auch bestätigen.

Solch ein Bestätigung für einen ganz besonderen Anlass, die haben sie gerade eben bekommen. Die Lesung aus dem Epheserbrief, die wir eben gehört haben, das ist eine Reservierungsbestätigung. Und allem voran jener eine Satz: "Gott hat uns mit Christus auferweckt und uns zusammen mit ihm einen Platz im Himmel gegeben."

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Wir haben schon jetzt einen Patz im Himmel. Für uns ist reserviert.

Fort mit der Angst, dass uns am Ende die Türe vor der Nase zugeschlagen werden könnte. Wer sich an Christus hält, der hat auch einen Platz bei ihm, für den ist dieser Platz schon jetzt reserviert, dem ist der Himmel sicher - so sicher, dass wir davon sprechen können, schon jetzt Mitbürger in diesem Reich der Himmel zu sein. Oder wie Jesus es sagt: Das Reich Gottes ist unter uns schon angebrochen!

Diese Reservierungsbestätigung Gottes finden Sie mancherorts sogar ganz anschaulich, gleichsam in Stein umgesetzt. Im 18. Jahrhundert etwa hat man die Räume, in denen sich Christen versammeln, so ausgestaltet, als seien sie schon ein Stück von diesem Himmel.

Bei unserer Peterskirche zum Beispiel haben die Menschen damals versucht, diesen Himmel gleichsam auf die Erde herunterzuholen. So wird für alle, die dort zusammenkommen, ganz deutlich gemacht, dass uns Gott selbst in Jesus Christus schon einen Platz in diesem Himmel gegeben hat. Wer in der Peterskirche sitzt, der kann sich schon fast wie im Himmel fühlen.

Und das ist ein großartiges Gefühl, eine umwerfende Botschaft und etwas, über das wir uns nie genug freuen können. Wir sollten darüber eines nur nicht vergessen: Die Reservierung ist noch nicht das Fest! Trotz aller Plätze im Himmel - wir sind immer noch auf der Erde!

Die Plätze mögen bereitet sein, das Ziel haben wir bereits vor Augen, aber es ist noch ein ganz schönes Stück Weg, bis wir dort angelangt sind. Und da gilt es aufzubrechen, sich auf den Weg zu machen und vorwärts zu gehen.

Das aber ist etwas, was in unseren Gemeinden und in unserer Kirche manchmal übersehen wird. Gerade was unseren Glauben und unsere kirchliche Praxis angeht tun wir nämlich manchmal so, als bräuchte sich gar nichts mehr zu ändern, als sei alles schon seit Ewigkeiten so, wie es sein müsste. Da tun wir manchmal so, als seien wir schon am Ziel angelangt und bräuchten gar nicht mehr weiter zu gehen.

Wir haben aber erst reserviert, der Festtag selbst steht noch aus. Und um zum Fest zu gelangen, da müssen wir noch ein ganz schönes Stück des Weges gehen! Wer aber unterwegs sein will, der muss Veränderungen in Kauf nehmen, sonst tritt er am Ende nur auf der Stelle.

Es ist schon wieder ein halbes Jahrhundert her, dass diese Einsicht in unserer Kirche neu aufgebrochen ist. In der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts hatte man diese Notwendigkeit wieder neu erkannt - eine Zeit, die durch das zweite Vatikanische Konzil geprägt war, und in der Kirche eine Lebendigkeit und Frische ausstrahlte, wie selten einmal in ihrer Geschichte.

Viele von Ihnen, die heute hier mitfeiern, sind gerade von dieser Zeit geprägt worden.

Und es ist nicht von ungefähr, dass man gerade damals damit begann auch unsere Kirchen ein wenig anders zu bauen. Man baute nicht mehr den himmlischen Festsaal auf Erden, man baute jetzt Kirchen, die daran erinnerten, dass wir als Gottesvolk unterwegs sind, unterwegs auf einer Wanderschaft, hin zu dem Ziel, das uns Jesus Christus bereitet hat.

Viele der Kirchen, die damals entstanden sind, erinnern deshalb an ein Zelt. Auch unsere Pauluskirche hat von außen betrachtet - vor allem im Verein mit den Dächern des Pfarrzentrums - diese Form.

Ein Zelt aber, das ist keine dauerhafte Behausung. Es lädt nicht dazu ein, sich auf ewig dort einzurichten. Ein Zelt bietet Schutz und Geborgenheit, Zuflucht und Sicherheit, aber es gaukelt einem nicht vor, dass man das Ziel der Reise schon erreicht hätte - und vor allem nicht, dass schon alles in Ordnung wäre.

Kirchen wie die Pauluskirche machen uns deutlich, dass wir als Gemeinde und Kirche in dieser Welt noch auf dem Weg sind, sie täuschen uns nicht darüber hinweg, dass sich noch vieles tun muss, bis auch aus der Kirche Ungerechtigkeit und Versagen, Machtkämpfe und Intrigen verschwunden sind. Sie beschönigen nicht, dass selbst unsere Hierarchie weit weniger heilig ist, als ihr Name andeuten könnte.

Kirchen wie St. Paul mögen nüchtern sein, aber sie sind ehrlich. Und deshalb sind sie wichtig, gerade in unserer Zeit!

Unsere Peterskirche hat ihre Bedeutung: Sie weist uns über unseren Alltag hinaus und stellt uns das Ziel vor Augen.

St. Paul holt uns auf den Boden zurück und macht uns deutlich, dass es nach dem miteinander Feiern auch wieder aufzubrechen gilt, dass wir als wanderndes Gottesvolk unterwegs sind, unterwegs, auf einem gemeinsamen Weg; einem Weg, von dem keiner letztlich weiß, durch welche tiefen Täler, durch welche Wüsten und durch welche morastigen Sümpfe er uns noch führen wird; einem Weg aber, von dem wir ganz sicher sein dürfen, wohin er uns führt. Jesus Christus selbst nämlich stellt uns das Ziel vor Augen.

Und was noch viel wichtiger ist: Er lässt uns wissen, dass die Plätze dort, die Plätze mit Christus im Himmel, schon heute für uns bereitstehen. Für uns ist reserviert.

Amen.

(gehalten am 1./2. April 2000 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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