Predigten in der Österl. Bußzeit - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

3. Sonntag der Fastenzeit - Lesejahr B (Ex 20,1-17)

In jenen Tagen sprach Gott auf dem Berg Sinai alle diese Worte: Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus. Du sollst neben mir keine anderen Götter haben. Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgend etwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde. Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen. Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation; bei denen, die mich lieben und auf meine Gebote achten, erweise ich Tausenden meine Huld. Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der Herr lässt den nicht ungestraft, der seinen Namen missbraucht. Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig! Sechs Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du, dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin, dein Vieh und der Fremde, der in deinen Stadtbereichen Wohnrecht hat. Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel, Erde und Meer gemacht und alles, was dazugehört; am siebten Tag ruhte er. Darum hat der Herr den Sabbattag gesegnet und ihn für heilig erklärt. Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt. Du sollst nicht morden. Du sollst nicht die Ehe brechen. Du sollst nicht stehlen. Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen. Du sollst nicht nach dem Haus deines Nächsten verlangen. Du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen, nach seinem Sklaven oder seiner Sklavin, seinem Rind oder seinem Esel oder nach irgend etwas, das deinem Nächsten gehört. (Ex 20,1-17)

Wie beginnen die zehn Gebote?

Liebe Schwestern und Brüder,

soll ich die Probe aufs Exempel machen? Ich könnte ja jetzt das Mikrophon durchgeben und Sie fangen einfach mal an.

Womit geht es los? Wie lauten die zehn Gebote?

Nun, ich gehe jetzt einmal positiv davon aus, dass die meisten, die zehn Gebote noch zusammenbekommen. Und bin mir ziemlich sicher, dass fast alle von Ihnen sagen würden, die zehn Gebote beginnen mit:

"Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!"

So lautet schließlich das erste Gebot, wie Sie es in der Schule gelernt haben. Und damit hätten Sie durchaus richtig wiedergegeben, was Ihnen im Religionsunterricht beigebracht wurde.

"Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!"

Aber so geht es nicht los. Das ist nicht der Anfang. Der Dekalog, dieses ganz zentrale Wort der Bibel, beginnt nicht mit dem Wort "Du". Der Dekalog beginnt mit "Ich", und so haben Sie ihn eben als Lesung auch gehört.

"Ich bin Jahwe, dein Gott."

Das ist der Anfang. Gott erzählt zuallererst von sich: "Ich bin Jahwe," ich bin der - und nichts anderes bedeutet dieser Name - der, der immer für dich da ist, wann, wo und wie es auch sei. "Ich bin dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus." Der Gott, der dich in Freiheit gesetzt, dir jenes Leben geschenkt hat, das du kennen und lieben gelernt hast, der dich stets begleitet, dich hört, dir alles gegeben hat und gibt, was du zum Leben brauchst. Nichts hast du aus dir selbst heraus, alles hast du von mir. "Ich bin dein Gott!"

Das ist der Anfang der... und jetzt scheue ich mich schon fast, den Ausdruck "zehn Gebote" zu verwenden. Denn dieser Text ist soviel mehr, als nur Gebot. Es handelt sich um die Charta des Gottesbundes, jenes Bundes, den Gott mit den Menschen, geschlossen hat - mit Ihnen genauso wie mit mir.

Und das ist von wegen eine Forderung, von wegen irgendwelche Anordnungen, nicht einmal nur Verheißung. Zuallererst ist es die Erinnerung daran, was dieser Gott schon alles für uns getan hat.

Und daran denken Sie jetzt einmal: Machen Sie die Augen zu und stellen Sie sich vor, was alles in Ihrem Leben wirklich geglückt ist, was Sie geschafft und gemeistert haben, was gerade noch einmal gut gegangen ist, und wo Sie im Rückblick ganz deutlich spüren können, dass dieser Gott seine Finger mit im Spiel gehabt hat.

Denken Sie jetzt genau da dran. Und dann fragen Sie sich, bei all dem, was Gott für uns, für mich ganz persönlich, in meinem Leben schon gewirkt hat, ob sie da überhaupt noch anders können - man müsste ja vollkommen verblödet sein, jetzt noch irgendwelchen anderen Göttern nachzulaufen.

Genau das sagt jener Satz, den wir als erstes Gebot bezeichnen. Natürlich ist das "Du sollst keine anderen Götter neben mir haben", nicht falsch übersetzt, aber es wird immer wieder völlig falsch verstanden.

Das ist kein Gebot, das ist kein Befehl, das ist nicht einmal eine Anordnung. Auch die hebräische Sprache kennt den Imperativ, die Befehlsform. Und ausgerechnet hier, an dieser Stelle, genauso wie im ganzen Dekalog, verwendet die Bibel diese Form nicht. Hier seht der einfache Imperfekt, der immer verwendet wird, wenn es um Dinge geht, die jetzt und auf Zukunft hin wirken und Bedeutung haben; und der natürlich mit du sollst, übersetzt werden kann, aber genau so mit du tust es ja, jetzt und du wirst es auch zukünftig ganz selbstverständlich tun, weil alles andere Schwachsinn wäre.

Wenn Sie dem Sinn dieses ersten Gebotes nachspüren wollen, dann übersetzen Sie sinnrichtig eigentlich nur: Ich bin dein Gott, ich hab das alles für dich getan, denke daran, und dann wirst du gar keine anderen Götter neben mir haben. Du wirst es gar nicht können, denn du wirst gar nicht auf die Idee kommen, so etwas Hirnverbranntes zu tun, und du wirst meinen Namen heilig halten, und meinen Ruhetag, und du wirst die Menschen, die dir das Leben schenkten, die Generation vor dir, achten und ehren weil nur so das Miteinander von Menschen gelingen kann. Du wirst all das tun, weil du begreifst, dass es sonst in eine Katastrophe hineinmünden muss, weil es anders gar nicht geht, weil das die einzige Möglichkeit ist, wie menschliches Leben zu einem wirklich geglückten Leben werden kann. Denn um nichts anderes geht es diesem Gott, dem, der die Menschen aus dem Sklavenhaus herausgeführt hat, der uns als freie und glückliche Menschen sehen möchte, der alles für uns tut, was wir zum Leben brauchen. Um nichts anderes geht es ihm, als darum, dass unser Leben zum erfüllten Leben wird, dass wir mit all seinen Geschöpfen in Frieden und Zufriedenheit leben können - an seiner Hand.

Das sind keine Gebote, erst recht keine Verbote, es sind keine Anordnungen, die man erfüllt haben muss, um seinen Lohn zu erhalten. Wir haben hier nicht die Aufnahmebedingung für die Himmel vor uns. Es ist die reine Konsequenz aus der Einsicht, dass dieser Gott es gut mit uns meint. Es ist die Konsequenz, die jeder ganz automatisch ziehen muss, der diesem Gott glaubt.

Wer es nicht tut, ist nicht einfach nur ungehorsam - er hat diesen Gott nicht begriffen. Er hat nicht begriffen, dass Gott uns nicht einengen und unser Leben nie beschweren möchte. Ihm ist noch lange nicht klar geworden, das Gott nur das Beste für uns will, dass seine Wegweisung nicht von viel Schönem abhält, sondern einzig und allein ein erfülltes und geglücktes Leben garantieren möchte. Wer dieser Wegweisung nicht folgt, der kann offenbar noch nicht glauben - nicht glauben, dass dies wirklich der richtige Weg ist, ja dass es einen anderen nicht einmal gibt.

Wer meint einen anderen Weg einschlagen zu müssen oder auch nur zu können, der traut Gottes Wegweisung offenbar nicht. Der nimmt Gott offenbar nicht ab, dass dieser Weg nicht nur gut, sondern wirklich der beste für uns ist. Und letztlich heißt das, dass er diesem Gott im Grunde sein Jahwe-Sein nicht abnimmt. Er glaubt im Letzten nicht wirklich, dass dieser Gott es gut mit mir meint und dass er wirklich der ist, der für uns da ist, und zwar wann, wo und wie es auch sei.

Amen.

(gehalten am 19. März 2006 in der Pauluskirche, Bruchsal)

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