Predigten im Jahreskreis - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

Fasnachtssonntag =
7. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr B (Mk 2,1-12)

Als er einige Tage später nach Kafarnaum zurückkam, wurde bekannt, dass er wieder zu Hause war. Und es versammelten sich so viele Menschen, dass nicht einmal mehr vor der Tür Platz war; und er verkündete ihnen das Wort. Da brachte man einen Gelähmten zu ihm; er wurde von vier Männern getragen. Weil sie ihn aber wegen der vielen Leute nicht bis zu Jesus bringen konnten, deckten sie dort, wo Jesus war, das Dach ab, schlugen die Decke durch und ließen den Gelähmten auf seiner Tragbahre durch die Öffnung hinab. Als Jesus ihren Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben! Einige Schriftgelehrte aber, die dort saßen, dachten im stillen: Wie kann dieser Mensch so reden? Er lästert Gott. Wer kann Sünden vergeben außer dem einen Gott? Jesus erkannte sofort, was sie dachten, und sagte zu ihnen: Was für Gedanken habt ihr im Herzen? Ist es leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Deine Sünden sind dir vergeben!, oder zu sagen: Steh auf, nimm deine Tragbahre, und geh umher? Ihr sollt aber erkennen, dass der Menschensohn die Vollmacht hat, hier auf der Erde Sünden zu vergeben. Und er sagte zu dem Gelähmten: Ich sage dir: Steh auf, nimm deine Tragbahre, und geh nach Hause! Der Mann stand sofort auf, nahm seine Tragbahre und ging vor aller Augen weg. Da gerieten alle außer sich; sie priesen Gott und sagten: So etwas haben wir noch nie gesehen. (Mk 2,1-12)

Nur einen Tag lang wollte ich,
einen Tag lang lediglich,
diese Fähigkeit mal haben.
Sie wäre eine der größten Gaben,
die ich mir überhaupt denken kann:
Zu wissen nämlich, was Frau oder Mann
jetzt im Augenblick grad denkt.

Ob das Lächeln das sie schenkt
wirklich ernst gemeint ist oder nicht,
ob er tatsächlich ein großes Licht
oder doch eher ein Hochstapler ist.

Bekäm für jene kurze Frist
ich diese Kraft einmal geschenkt
mit der Gott selbst unsere Welt lenkt
das wäre eine tolle Geschichte.

Schau ich nur auf all die Berichte
die zeigen, was diese Fähigkeit
dem Menschen an Überlegenheit
dem andern gegenüber verleiht.
Es war gar eine Unmöglichkeit,
Jesus in eine Falle zu locken.
Kein Pharisäer konnte ihn schocken.
Niemandem ging er auf den Leim,
denn Unheil bemerkte er schon im Keim.
Und das Evangelium kennt auch den Grund
und tut denselben unverblümt kund:
Ganz egal, welche Mühe sie sich machten,
Jesus erkannte bereits, was sie dachten.

Was könnte ich alles damit vollbringen,
was alles in richtige Bahnen zwingen,
wenn ich wüsste was andere tatsächlich denken.
Was alles könnt ich dann insgeheim lenken!?

Ich wüsste in jedem Geschäft sofort
ob der wirklich nette Verkäufer dort
beim Empfehlen der teureren Variante,
die ich zuvor überhaupt nicht kannte,
mir einen ehrlich gemeintem Rat
und wirklich das bessere Fabrikat
ehrlichen Herzens empfohlen hat.
Ob sein Rat also eine gute Tat,
oder ob er einzig und allein im Sinn
gehabt hat den deutlich höheren Gewinn.

Ich wüsste beispielsweise bei Taufgesprächen,
bei denen die Eltern ja fest versprechen
ihre Kinder im Glauben zu erziehen,
ob das auch stimmt. Denn oft mir schien
als würden die Eltern an solchen Tagen
wirklich alles versprechen und alles sagen,
selbst das Blaue vom Himmel herunter lügen
und sich dabei selber am meisten betrügen,
nur damit der Form Genüge getan
und ihr Kind getauft werden kann.

Und bei Trauungen erst, wie oft frag ich mich,
wenns wieder mal wird ach so feierlich:
die beiden, die jetzt in der Kirche feiern
und die Antworten weder sprechen noch leiern -
weil sie schon lange gar nicht mehr wissen
was sie denn eigentlich Antworten müssen -
wollen die jetzt wirklich vor Gott hintreten,
oder haben die mich etwa nicht nur gebeten
diese Feier zu halten im Kirchenraum,
weils halt so schön ist und eben ein Traum?
Wie oft spielt Glaube da kaum eine Rolle
und den Pfarrer - auch wenn er jetzt schmolle -
den brauchts eben nur - wie zum Kleben den Kleister -
als halt notwendigen Zeremonienmeister.

Wie viele mich wohl innerlich schon verlachten?
Ich wüsste so gerne, was sie wirklich dachten.

Wenn ich das könnte, die Fähigkeit hätte,
dann wäre ich über kurz oder lang - jede Wette -
selbst wenn ich wäre ohne jegliche Ambitionen
der gefragteste Mann bei den Vereinten Nationen.

Was hätten all deren Waffeninspektoren
mich dann wohl am Ende beschworen,
ihnen zu verraten, was denn genau
Saddam Hussein - angeblich so schlau -
in seinen Arsenalen hatte versteckt.
Haben sie wirklich alles entdeckt?
Was hat er wohl alles vor der Welt verschwiegen?
Oder hat sich der Westen gar verstiegen
und er ist gar nicht jener Bösewicht,
der letztlich nur wäre darauf erpicht,
den Rest der Welt zu unterdrücken.
Vielleicht macht ja Elefanten aus Mücken
eine gewaltige Propagandaindustrie.

Erfahren werden wir es nie,
weil wir Gedanken nicht lesen können -

Oh würde man es mir einmal gönnen.
Ich flöge sofort mit der Lufthansa
ohne Umwege nach den USA.
Und ich versuchte ganz konsequent
zu ergründen was deren Präsident;
denn tatsächlich bezweckt.

Geht es ihm wirklich ganz korrekt
um Kampf gegen Terror und Gewalt?
Meint er tatsächlich, dass man halt
keine andere Möglichkeit hat
als gegen den irakischen Staat
mit Truppen, mit Marine und mit Heer,
einem Großaufgebot an Militär,
vorgehen zu müssen, damit sich am Ende
wirklich ergibt eine große Wende
zu mehr Menschlichkeit und Demokratie?
Ist das wirklich seine Philosophie?
Oder geht es, wie manche unterstellen
eigentlich nur um die Erdölquellen?

All das wüsste ich, wenn es mir möglich wäre,
zu durchdringen der Gedanken Barriere.
Ich wüsste alle Antworten, und fände sie blind,
auch auf Fragen, die absolut rätselhaft sind.
Denn ich frag mich: Vom CIA, ihr Kameraden,
als Saddam Hussein und Osama Bin Laden
ihr mit viel Geld überhaupt erst groß gemacht;
was habt ihr euch dabei denn gedacht?

Nicht alles wär' aber zu ergründen selbst dann
wenns einen gibt, der Gedanken lesen kann.
Zu unserer Regierung, nach Berlin,
da zum Beispiel ging ich gar nicht erst hin.
So wie man da sitzt und unser Geschick jetzt lenkt -
glaubt da wirklich jemand, dass da einer was denkt?

Aber nach Rom zu gehen, in den Vatikan,
von diesem Plan wäre ich angetan
Vielleicht könnte ich dort dann ja erfahren
was in den nächsten vier, fünf Jahren
man zu tun gedenkt gegen den Stau an Reformen
bezüglich der vielen so überholten Normen.
Wenn ichs verstünde, ihre Gedanken zu erspähen,
vielleicht würde ich dann ja endlich verstehen,
was da vorgeht in so einigen Köpfen,
dass man unbedingt festhält an alten Zöpfen.
Vieles bei uns nicht zum Besten steht,
weil man sich dort so wenig bewegt.

Dass es bei uns nicht mehr Pfarrer hat -,
ganz ehrlich - liegt doch auch am Zölibat.
Natürlich nennt man uns da profund
manchen ganz gewichtigen Grund.
Doch die Gründe, die keiner kennt
und deswegen auch niemand so richtig nennt,
die würden mich einmal interessieren.
Ich möchte gar nichts hineininterpretieren -
doch manchmal hat es gar den Schein,
dass bei manchem klaren "Nein"
am Ende mehr dahinter steckt
als man öffentlich aufdeckt.

Vielleicht ist ja mancher, der Entscheidungen fällt,
gegen die Heirat von Pfarrern nur eingestellt,
weil er geworden ist zu einem verbitterten Mann,
der sich letztlich nicht damit abfinden kann,
dass, was ihm damals nicht war vergönnt,
heut' etwa jeder machen könnt.

Ich würd' Ihnen das alles ganz gern verkünden,
könnte ich die Gedanken der Menschen ergründen.

Nur einen Tag lang wollte ich,
einen Tag lang lediglich,
diese Fähigkeit mal haben.

Aber länger wollt ich sie nicht, diese Gaben.
Sie länger zu haben, hielt ich kaum aus.
Sie gar immer zu haben, wäre ein Graus.
Immer zu wissen, was andere meinen,
nie mehr zu bleiben, bei dem was sie scheinen,
auf Dauer macht das das Leben beschwerlich,
für immer wäre mir das wohl zu ehrlich.

Gern bleib ich manchmal beim schönen Schein
und bilde zum Beispiel ganz einfach mir ein,
dass Sie mich alle unheimlich mögen,
Ihr letztes Hemd für mich auszögen,
und dass sie mich alle finden ganz gut.
Sie wissen ja gar nicht wie gut das tut.
Wenn ich immer gleich wüsste, was Sie denn denken,
ich würd' mir dabei ja sonst was verrenken.

Drum werde ich Sie nun auch gar nicht erst fragen,
bei all dem, was ich heut vorgetragen,
was Ihnen wohl dabei für Gedanken jetzt kamen,
sondern sage ganz einfach und ganz schnell nur: Amen.

(gehalten am 22./23. Februar 2003 in den Kirchen der Seelsorgeeinheit St. Peter, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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