Predigten in der Adventszeit - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

2. Adventssonntag - Lesejahr B (Mk 1,1-8)

Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes: Es begann, wie es beim Propheten Jesaja steht: Ich sende meinen Boten vor dir her; er soll den Weg für dich bahnen. Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen! So trat Johannes der Täufer in der Wüste auf und verkündete Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden. Ganz Judäa und alle Einwohner Jerusalems zogen zu ihm hinaus; sie bekannten ihre Sünden und ließen sich im Jordan von ihm taufen. Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften, und er lebte von Heuschrecken und wildem Honig. Er verkündete: Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich; ich bin es nicht wert, mich zu bücken, um ihm die Schuhe aufzuschnüren. Ich habe euch nur mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen. (Mk 1,1-8)

Ich habe mich daran erinnert, wie ich im Flugzeug saß und wie dann unter mir die unendlichen Weiten der Wüste auftauchten. Da habe ich mir auszumalen versucht, wie das wohl sein mag: Allein in einer Wüste zu stehen; ringsherum kilometerweit nichts anderes als Sand und Geröll - und dann in einer Wüste stehen und rufen...

Liebe Schwestern und Brüder,

"Eine Stimme ruft in der Wüste...", heißt es im heutigen Evangelium. Wer in aller Welt soll solch einen Ruf denn hören? In der Wüste gibt es Sand und unendlich viel Geröll, aber da ist meilenweit keine Menschenseele, die auch nur irgendetwas hören könnte.

Einen aussichtsloseren Platz, um eine Botschaft zu verkünden, kann ich mir gar nicht vorstellen. Wer soll einen Ruf in der Wüste denn hören, geschweige denn ihm auch noch folgen?

Und da soll ich dem Markus-Evangelium abnehmen, dass auf den Ruf des Johannes hin ganz Judäa und alle Einwohner Jerusalems zu ihm hinausgezogen sind und ihre Sünden bekannt haben? Will Markus uns das denn tatsächlich glauben machen? Das widerspricht nicht nur aller Logik, es spottet darüber hinaus jeglicher Vernunft. In der Wüste hat Johannes alle erreicht, nur nicht die Massen.

Auch dem Evangelisten Markus müsste das doch eigentlich klar gewesen sein. Warum aber schildert er uns dann die Predigt des Johannes auf solch unwirkliche und widersprüchliche Weise? Warum verwendet er diese bildhafte Darstellung und erzählt nicht einfach genau das, was sich damals eben zugetragen hat?

Nun vielleicht, weil er uns vermutlich auf keine andere Weise so klar machen konnte, was er eigentlich zum Ausdruck bringen wollte:

Da verkündet einer eine Botschaft und legt sich keine Strategie zurecht, entwickelt nicht zuerst ein Marketingkonzept, ja geht zu allem Überfluss auch noch dorthin, wo mit der größten Wahrscheinlichkeit auch nur die allerwenigsten hören werden, was er zu sagen hat, und nichtsdestoweniger alle, restlos alle erfahren davon - und sie reagieren auch noch.

Nach menschlichem Ermessen war mit der Verkündigung des Johannes kein Blumentopf zu gewinnen. Aber wo Gott es will, dort wird sogar ein stummer Schrei in der Wüste zu einem Fanal, das durchschlagender wirkt als jedes neuzeitliche Marketingkonzept.

Vielleicht ist genau das die Botschaft des heutigen Evangeliums für uns. Eine gute Botschaft für all diejenigen, die sich - wie Johannes damals - als einsame Rufer in der Wüste vorkommen:

Für all diejenigen etwa, die heute in unseren Beton- und Asphaltwüsten "Bereitet dem Herrn den Weg" rufen, und die das Gefühl haben, dass sich nichts, aber auch gar nichts daraufhin regt, für alle, die sich in unserer Gesellschaft darum mühen, Inhalte und Werte, Menschlichkeit und Barmherzigkeit hochzuhalten und sich dabei fühlen, wie jemand dessen Stimme ungehört in der Ferne verklingt, für die Lehrer, die in unseren Schulwüsten etwa ihre Botschaft manchmal brüllen könnten, ohne das Gefühl loszuwerden, dass kein Mensch davon Notiz nimmt.

Das heutige Evangelium macht uns deutlich, dass Gott manchmal gerade auf diese einsamen Stimmen in der Wüste setzt. Auch wenn unser Verstand schon lange ganz deutlich sagt, dass unser Engagement eigentlich sinnlos und ohne jede Aussicht auf auch nur den kleinsten Erfolg ist, das heutige Evangelium lässt durchblicken, dass auf solchem Fundament unser Gott durchaus zu bauen versteht. 

Vielleicht sucht er manchmal ja gerade diejenigen, die sich nicht zuerst ihre Chancen ausrechnen oder solange an Konzepten und Programmen feilen, bis auch alle Unwägbarkeiten ausgeschlossen sind; vielleicht sucht er ja gerade diejenigen, die einfach rufen, und das auch dann noch, wenn es eigentlich schon aussichtslos zu sein scheint. Vielleicht braucht er gar nicht mehr. Vielleicht braucht er manchmal ganz einfach nur Menschen, die eben rufen.

Dass seine Botschaft auch gehört wird, darüber brauchen wir uns dann den Kopf nicht zu zerbrechen. Dass jemand hört, darum wird er sich nämlich - das sagt mir das heutige Evangelium - am Ende selber kümmern.

Amen.

(gehalten am 4./5. Dezember 1999 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

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