Predigten in der Adventszeit - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

1. Adventssonntag - Lesejahr B (1 Kor 1,3-9)

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Ich danke Gott jederzeit euretwegen für die Gnade Gottes, die euch in Christus Jesus geschenkt wurde, dass ihr an allem reich geworden seid in ihm, an aller Rede und aller Erkenntnis. Denn das Zeugnis über Christus wurde bei euch gefestigt, so dass euch keine Gnadengabe fehlt, während ihr auf die Offenbarung Jesu Christi, unseres Herrn, wartet. Er wird euch auch festigen bis ans Ende, so dass ihr schuldlos dasteht am Tag Jesu, unseres Herrn. Treu ist Gott, durch den ihr berufen worden seid zur Gemeinschaft mit seinem Sohn Jesus Christus, unserem Herrn. (1 Kor 1,3-9)

Hand aufs Herz - wenn die Kinder größer sind, wenn sie aus dem Alter raus sind, dass sie voller Ungeduld die Zeit schier nicht mehr erwarten können bis zur Bescherung am Heiligen Abend, wenn die Kinder älter geworden sind, was bleibt dann noch von der Erwartung in der Adventszeit?

Liebe Schwestern und Brüder,

wir erwarten doch eigentlich gar nichts.

Schön, es ist toll, wenn Menschen an uns denken und wir an Weihnachten beschenkt werden. Es ist schön, wenn die Familie an den Feiertagen wieder einmal zusammenkommt. Manche fiebern sicher auch darauf hin, aber das hat mit der Adventszeit ja nur bedingt zu tun. Die ist dann häufig ja nichts anderes als die viel zu kurze Zeit der Vorbereitung, des Richtens, Machens und trotzdem Nicht-rechtzeitig-fertig-Werdens.

Warum freut sich dann aber alle Welt oder doch fast jeder und jede auf diese irgendwie besondere Zeit? Reine Sentimentalität? Einfach wegen der Lieder, der Stimmung und der Geschichten? Kann irgendwie doch nicht sein, oder?

Nein, ich denke, dass Lieder, Geschichten und Stimmung zur Erklärung nicht reichen. Da muss noch etwas anderes sein, was jenen besonderen Charakter dieser Zeit ausmacht. Und je mehr ich darüber nachdenke - vielleicht hängt es ja tatsächlich mit den Kerzen zusammen.

Kerzen umgibt nämlich schon von allein irgendwie eine ganz besondere Aura. Sie waren immer schon mehr als eine einfache Lichtquelle. Mit einer Kerze besiegte man die Finsternis. Durch die Jahrhunderte hindurch nahm der Schein einer Kerze den Menschen die Angst: die Angst in der Dunkelheit, in einem dunklen Raum vor den Schatten der Nacht. Eine Kerzenflamme nahm der Finsternis immer auch ein wenig von ihrer Bedrohung.

Und dieses Gefühl, dieses Empfinden steckt ganz tief in uns drin. Wir entzünden Kerzen und fühlen uns dabei geborgen. Schon das allein macht das Kerzenlicht zu etwas Besonderem.

Für uns Christen kommt - bewusst oder unbewusst - aber noch einmal etwas hinzu: Wir spüren in diesem Licht die Nähe dessen, für den diese Kerzen nicht zuletzt als Symbol stehen. Denn Kerzen sind Symbol, Symbol für diesen Christus, den wir glauben, der sein Leben für uns hingegeben hat, der es - wie die Kerze ihr eigenes Wachs - verschenkt hat, verschenkt an uns, um Licht für diese Welt zu sein.

Um dieses Licht versammeln sich Menschen in der Adventszeit. Sie warten nicht mehr, denn sie sind schon nicht mehr allein. Unsere Adventszeit ist letztlich nicht mehr Zeit des Wartens und auch nicht der Erwartung. Wir haben nämlich alles, was wir erwarten können, doch schon lange bekommen. Die Gnade Gottes ist uns schon längst geschenkt, wie Paulus es sagt.

Wir sitzen nicht da und warten wie bestellt und nicht abgeholt. Wir gehen unseren Weg auf ein Ziel zu - das wir, das ist richtig, zugegebenermaßen noch nicht erreicht haben. Aber indem wir uns diesem Ziel nähern, machen wir uns bewusst, und das ganz besonders in dieser Zeit, dass wir auf diesem Weg begleitet sind, dass Gott diesen Weg mit uns geht. Er festigt uns, er stärkt uns bis ans Ende unserer Tage, sagt Paulus. Denn er ist treu. Und in dieser Treue steht er zu uns, egal, was auch geschieht.

In der Adventszeit wird uns das neu bewusst gemacht. Nicht zuletzt durch die Kerzen und besonders durch die, die wir am Adventskranz entzünden. Wir entzünden ein Licht, das die Furcht vor der Dunkelheit mindert, das uns die Angst vor dem Alleinsein nimmt, das uns die Nähe Gottes wieder neu vor Augen führt.

Ein ganz besonderes Licht in einer eben irgendwie besonderen Zeit.

Amen.

(gehalten am 26./27. November 2011 in der Paulus- und Antoniuskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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