Predigten in der Osterzeit - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

7. Sonntag der Osterzeit - Lesejahr C (Joh 17,20-26)

In jener Zeit erhob Jesus seine Augen zum Himmel und betete: Heiliger Vater, ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben. Alle sollen eins sein: Wie du, Vater in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast; denn sie sollen eins sein, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet sein in der Einheit, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und die Meinen ebenso geliebt hast wie mich. Vater, ich will, dass alle, die du mir gegeben hast, dort bei mir sind, wo ich bin. Sie sollen meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast, weil du mich schon geliebt hast vor der Erschaffung der Welt. Gerechter Vater, die Welt hat mich nicht erkannt, ich aber habe dich erkannt, und sie haben erkannt, dass du mich gesandt hast. Ich habe ihnen deinen Namen bekannt gemacht und werde ihn bekannt machen, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen ist und damit ich in ihnen bin. (Joh 17,20-26)

Liebe Schwestern und Brüder,

sie mag ja schon ihren Reiz haben, so eine Allee, so eine von den kunstvoll angelegten, so eine, wie man sie vor allem in der Barockzeit gepflegt hat, eine Allee, in der jeder Baum gleich aussieht, absolut gleich; die gleiche Form, die gleiche Größe, der gleiche Wuchs. Es mag ja schon seinen Reiz haben, an einem warmen Sommertag durch solch eine Barockallee zu schlendern, dann, wenn sie in voller Pracht steht, wenn die Bäume alle in Form geschnitten sind, und so wachsen, wie sich die Gärtner das vorgestellt haben. Dann mag solch eine Allee durchaus ihre ganz eigene Faszination ausstrahlen. Wenn es dann soweit ist.

Man darf nur nicht vorher hinschauen! Dann etwa, wenn die Bäume geschnitten werden.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich erschrocken bin, als ich zum ersten Mal als kleines Kind erlebt habe, wie man gegen Jahresende solche Bäume zurückgeschnitten hat. Was von diesen prächtigen und stolzen Bäumen da noch übriggeblieben ist: Ein kahler Stamm mit einigen Stummeln. Ganz brutal hat man die ansonsten doch so starken Äste auf winzige Stummel gestutzt. Es war mir auf eine ganz eigentümliche Art, ganz weh ums Herz.

Das also war der Preis für diese sommerliche Harmonie. Nichts durfte stehen bleiben, was den einen Baum vom anderen hätte unterscheiden können. Nichts Herausragendes wurde übriggelassen. Alles was charakteristisch hätte sein können, fiel der Schere zum Opfer.

Es mag ja sein, dass das Endergebnis eine gewisse Faszination ausübt, der Weg dorthin stößt mich ab. Zumal er mich äußerst unangenehm an andere Versuche solcher Gleichmacherei erinnert. Und zwar an Versuche von Gleichmacherei, bei denen dann nicht etwa Bäume beschnitten werden, bei denen man vielmehr versucht hat, Menschen zu beschneiden - und nicht nur in ihren Rechten.

An Beispielen für solche Versuche mangelt es in unserer Geschichte ja weiß Gott nicht. Sie alle kennen solche Versuche, Menschen gleichzuschalten, Versuche, die immer wieder die Harmonie fest geschlossener Reihen beschert haben.

Denken Sie nur etwa, an die Aufmärsche in den Stadien des ehemaligen Ostblocks. Mir fallen da immer wieder jene gewaltigen Bilder ein, die bei feierlichen Anlässen mit farbigen Tüchern auf die Zuschauertribünen der Sportarenen gezaubert wurden. Das war schon faszinierend, wenn dann Zehntausende etwa mit bunten Tüchern riesige Bilder auf die Zuschauerränge gezaubert haben. Wenn dann wie von Geisterhand bewegt von Tausenden von Händen kunstvoll komponiert, die Staatssymbole, oder selbst die Portraits der jeweiligen Führer erschienen. Ein faszinierendes Bild, noch weit faszinierender, als so eine zurechtgestutzte Baumallee, eine Harmonie, erzeugt dadurch, dass Tausende nichts anderes taten, als auf Kommando ihre Hände zu heben. Eine Harmonie aber, die nur erreicht werden konnte, um den Preis der Preisgabe jeglicher Individualität, und das nicht nur für die Stunden der Feierlichkeiten in jenen Stadien.

Zugegeben, die Gefahr, sich von solchen Bildern blenden zu lassen, ist nicht gering. Und viele fallen auf die Faszination solcher vordergründiger Harmonie nur allzu leicht herein. So wundert es mich nicht, dass auch in unserer Kirche die Faszination einer solch gleichgeschalteten Harmonie immer wieder eine Gefahr darstellt. An den verschiedensten Ecken in unserer Kirche begegnet man schließlich immer wieder diesem Träumen von einer Kirche der völligen Harmonie, einer Kirche ohne Drewer- und Ranke-Heinemänner, einer Kirche, in der wirklich alle das gleiche glauben, einer wie der andere. Eine Kirche, die geschlossen dasteht, die wirklich nur mit einer Stimme spricht.

Und solche Träume, die haben dann ja anscheinend auch noch die Autorität des Evangeliums auf ihrer Seite. Ich brauche da nur an die Stelle zu denken, die wir eben gehört haben: "Ihr sollt vollendet sein in der Einheit, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast!"

Ausgehend von solchen Worten Jesu, sagt mancher im Vollton der Überzeugung: Da haben wir's ja, da haben wir ja sogar den Beleg dafür, dass Jesus genau solch eine Einheit unter den Christen will. Eine einige Kirche, in der es keinen Streit gibt, keine ewigen Diskussionen, keine Querdenker und keine Parteiungen.

Mag ja sein, dass solche Träume durchaus etwas für sich haben, wenn ich mir nur nicht so sicher wäre, dass Jesus genau diese Art von Einheit hier nicht meint! Wenn Gott das wirklich gewollt hätte, wenn er wirklich die Einheit der fest geschlossenen Reihen für seine Kirche beabsichtigt hätte, dann hätte er es von vorne herein anders anstellen müssen. Dann hätte er den Menschen schon einmal nicht als Individuum erschaffen dürfen. Er hätte nicht sagen dürfen, dass er jeden einzelnen von uns genau so haben möchte, wie wir sind, mit unseren Fehlern und Schwächen, genauso wie mit unseren Stärken und Fähigkeiten, mit unserem je eigenen Gesicht eben!

Wenn Gott die Einheitlichkeit der Menschheit wollte, dann bräuchte er nicht jedem von uns einzeln nachzugehen, dann würde er nicht jedem einzelnen von uns genau die gleiche Frage stellen, die er damals dem Petrus gestellt hat, die Frage "Liebst du mich!" nämlich. Einheitlichkeit braucht nämlich keine Liebe!

Einheitlichkeit braucht die Schere dessen, der die Bäume zurückschneidet und Herausragendes zurückstutzt. Wer die Liebe des Menschen sucht, der sucht keine menschengemachte Einheitlichkeit, der sucht keine Uniformität.

Der sucht die Einheit, die entsteht, wenn Menschen von jemandem ergriffen sind, wenn viele Menschen begreifen, dass da jemand ist, der ihre Liebe Wert ist, und dass dieser jemand, dieser Gott, so etwas wie die Mitte darstellt, die Mitte unseres Lebens.

Und wenn sich diese Menschen dann aufmachen, wenn sie aus allen Richtungen zusammenkommen, immer mehr auf diese Mitte zugehen, wenn sie alle danach streben, diesem gemeinsamen Mittelpunkt möglichst nahe zu kommen, dann werden sie zwangsläufig auch sich selbst untereinander immer näherkommen.

Nicht in einer Einheit der fest geschlossenen Reihen, nicht in einer Einheit, die wie bei den Bäumen in unserer Allee alles Herausragende stutzt und solange beschneidet, bis nur noch der uniforme Kern vorhanden ist. Sie werden sich in einer Einheit finden, die einzig und allein in dieser gemeinsamen Mitte begründet ist.

Martin Buber bringt es in einer seiner einzigartigen Formulierungen auf den Punkt. Er schreibt:

"Wenn Menschen eine lebendige Mitte haben, um die sie gereiht sind, dann entsteht Gemeinschaft zwischen ihnen."

So also werden sie wirklich eins! Nicht in der Uniformität, sondern in Gemeinschaft, in einer Gemeinschaft, die ihre Wurzeln letztlich in der Liebe hat, in Gottes Liebe nämlich!

Amen.

(gehalten am 24. Mai 1998 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

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