Predigten in der Osterzeit - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

6. Sonntag der Osterzeit - Lesejahr C (Apg 15,1-2. 22-29)

In jenen Tagen kamen einige Leute von Judäa herab und lehrten die Brüder: Wenn ihr euch nicht nach dem Brauch des Mose beschneiden lasst, könnt ihr nicht gerettet werden. Nach großer Aufregung und heftigen Auseinandersetzungen zwischen ihnen und Paulus und Barnabas beschloss man, Paulus und Barnabas und einige andere von ihnen sollten wegen dieser Streitfrage zu den Aposteln und den Ältesten nach Jerusalem hinaufgehen. Da beschlossen die Apostel und die Ältesten zusammen mit der ganzen Gemeinde, Männer aus ihrer Mitte auszuwählen und sie zusammen mit Paulus und Barnabas nach Antiochia zu senden, nämlich Judas, genannt Barsabbas, und Silas, führende Männer unter den Brüdern. Sie gaben ihnen folgendes Schreiben mit: Die Apostel und die Ältesten, eure Brüder, grüßen die Brüder aus dem Heidentum in Antiochia, in Syrien und Zilizien. Wir haben gehört, dass einige von uns, denen wir keinen Auftrag erteilt haben, euch mit ihren Reden beunruhigt und eure Gemüter erregt haben. Deshalb haben wir uns geeinigt und beschlossen, Männer auszuwählen und zusammen mit unseren lieben Brüdern Barnabas und Paulus zu euch zu schicken, die beide für den Namen Jesu Christi, unseres Herrn, ihr Leben eingesetzt haben. Wir haben Judas und Silas abgesandt, die euch das Gleiche auch mündlich mitteilen sollen. Denn der Heilige Geist und wir haben beschlossen, euch keine weitere Last aufzuerlegen als diese notwendigen Dinge: Götzenopferfleisch, Blut, Ersticktes und Unzucht zu meiden. Wenn ihr euch davor hütet, handelt ihr richtig. Lebt wohl! (Apg 15,1-2. 22-29)

Warum gibt es eigentlich keine Dankandacht am Erstkommunionstag mehr? Die war doch so wichtig!

Und warum beichten Erstkommunionkinder andernorts mehrfach vor und sogar auch noch nach der Erstkommunion und hier ist das nicht so?

Und dann stehen die sogar beim Hochgebet! Wie nach den Wandlungsworten die meisten hier aufstehen! Und der Pfarrer findet das auch noch gut so. Ist denn Knien nicht so wichtig?

Liebe Schwestern und Brüder,

Sie kennen das: Kaum ist etwas anders, als man das von früher her gewohnt war, gibt es endlose Diskussionen und Widerspruch en masse. Würde es nach manchen Menschen gehen, dann dürfte sich nie etwas ändern - vor allem nicht in Gottesdienst und Kirche. Da gibt es gleich Widerspruch und heftigen Protest.

Tun sich unsere Kirchenleitungen deshalb so schwer, Dinge anzupacken, neue Wege zu probieren, längst notwendige Reformen wirklich anzugehen? Bleibt man deshalb so vehement bei dem, was man eben gewohnt ist? So nach dem Motto: Wenn etwas mal richtig gewesen ist, dann kann es jetzt ja wohl kaum falsch sein - obschon sich alles verändert hat, obschon die Welt eine andere geworden ist, obschon es überall neue Herausforderungen gibt und deshalb vermutlich auch neue Antworten bräuchte.

Vieles, was notwendig wäre, wird einfach nicht angegangen. Und häufig schlicht und ergreifend aus Angst: Angst davor, dass Menschen nicht mitgehen würden, Angst vor denen, die sich lautstark zu Wort melden würden, Angst einfach davor, dass sich zu vieles am Ende verändern würde.

Und deshalb bleiben sie liegen, die Reformen, die unsere Kirche so dringend bräuchte. Von regelrechtem Reformstau spricht man ja.

Die Lesung, die wir eben gehört haben, handelt von einer ganz ähnlichen Situation. Auch damals gab es neue Herausforderungen, benötigte es neue Antworten und musste auf eine veränderte Situation reagiert werden.

In Antiochien hat man nicht gewartet. Man hat nicht danach gefragt, wann man in Jerusalem jetzt wohl eine Lösung für das Problem finden werde. Man hat nicht darauf gewartet, bis sich andernorts etwas getan hatte. Man hat einfach selbständig Lösungen gesucht und sie umgesetzt.

Natürlich standen sie umgehend da, diejenigen, die sagten: "Das kann man doch nicht machen, wo kämen wir denn da hin!" Aber man hat sich dadurch nicht beirren lassen. In Antiochien hat man offenbar darum gewusst, dass Lösungen nur vor Ort gefunden werden. Und dass man mutig daran gehen muss, solche Lösungen auch umzusetzen. Dass man daran gehen muss, und nicht einfach warten kann, bis andere es für einen tun.

Lernen wir von Antiochien. Machen wir aus Bruchsal ein Stück Antiochia. Setzen wir um, was wir für notwendig erkannt haben. Und tun wir es einfach. Tun wir es, weil es nötig ist. Und weil wir am biblischen Beispiel sehen, dass sich ohne solches Engagement nichts bewegen würde, noch nie bewegt hat - von Anfang an nicht.

Und tun wir es genau so, wie es die Jünger in Antiochien auch getan haben. Orientieren wir uns einfach an Jesus und fragen uns, wie er es angehen würde. Orientieren wir uns an ihm, überall dort, wo Vorschriften über den Menschen gehen, wo falschverstandener Gehorsam oder fehlgeleitete Pflichterfüllung über Menschlichkeit, Erbarmen, und Mitleid gestellt werden. Überall dort, wo uralte Zöpfe, Menschen mittlerweile die Luft abschnüren, Leben niederdrücken und eng machen.

Natürlich werden sich sofort Menschen melden, die beklagen, dass da Altes über Bord geworfen werde. Scheuen wir die Auseinandersetzung nicht, wagen wir den Dialog und begeben wir uns so auf die Suche nach tragfähigen Lösungen. Und bauen wir ganz fest darauf, dass dieser biblische Weg zu Lösungen führt, die der Geist wirkt.

Denn nicht die, dürfen die Oberhand behalten, die alles beim Alten lassen möchten. Und erst recht nicht diejenigen, die das Rad am liebsten zurückdrehen wollten. Es dürfen nicht die den Ton angeben, die jeden Morgen neue Vorschriften erfinden und am Abend die alten verschärfen.

Der Geist muss die Oberhand haben, ihn müssen wir wirken lassen. Und was er will, das haben wir eben gehört. Sein Grundsatz ist in der Lesung deutlich geworden. So ist es schließlich biblisch verbürgt: der Heilige Geist hat beschlossen, uns keine neue Last aufzuerlegen.

Amen.

(gehalten am 8./9. Mai 2010 in den Kirchen der Pfarrei St. Peter, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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