Predigten in der Osterzeit - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

6. Sonntag der Osterzeit - Lesejahr C (Joh 14,23-29)

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen. Wer mich nicht liebt, hält an meinen Worten nicht fest. Und das Wort, das ihr hört, stammt nicht von mir, sondern vom Vater, der mich gesandt hat. Das habe ich zu euch gesagt, während ich noch bei euch bin. Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch. Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht. Ihr habt gehört, dass ich zu euch sagte: Ich gehe fort und komme wieder zu euch zurück. Wenn ihr mich lieb hättet, würdet ihr euch freuen, dass ich zum Vater gehe; denn der Vater ist größer als ich. Jetzt schon habe ich es euch gesagt, bevor es geschieht, damit ihr, wenn es geschieht, zum Glauben kommt. (Joh 14,23-29)

Liebe Schwestern und Brüder,

kennen Sie eigentlich den Nachtkrabb? Nun, wahrscheinlich wohl eher nicht. Ich kenne Ihn nämlich eigentlich auch nicht. Aber meine Großmutter, die scheint ihn gekannt zu haben. Zumindest ging ich davon aus, als kleines Kind. Ab und an, hat Sie nämlich davon gesprochen, vom Nachtkrabb, und meistens dann, wenn ich nicht ins Bett wollte. Der Nachtkrabb, der würde dann nämlich kommen, und mich holen, denn der holt alle kleinen Kinder, die nicht ins Bett wollen.

Und so bedeutungsschwanger und mit so großen Augen, wie meine Großmutter das immer gesagt hat, da ging ich davon aus, dass sie sehr wohl wusste, wovon sie sprach. Sie musste ihn wohl kennen, dachte ich damals. Und dementsprechend hatte ich schon meine Angst, Angst vorm Nachtkrabb, - nicht sehr oft, aber doch ab und an, dann wenn es ganz besonders dunkel war.

Das waren wohl dann die Abende, an denen ich nicht einschlafen konnte, und an denen ich dann ganz laut geweint habe, so lange, bis meine Mutter oder mein Vater dann ins Zimmer gekommen sind, bis sie das Licht angemacht haben und ein wenig bei mir geblieben sind. Dann war es wieder vorbei, dann war der Nachtkrabb vergessen. Oder zumindest war mir klar, dass er mir absolut nichts anhaben konnte. Die Mama oder der Papa waren ja jetzt da, und wo die waren, da war jeder Nachtkrabb machtlos.

Fragen Sie mich bitte nicht, warum das so war, fragen Sie mich bitte nicht, woher das kam, diese Vorstellung diese Überzeugung, dieses Gefühl, dass meine Eltern, die zwei, auf die ich sicher oftmals stinkesauer war - dann nämlich, wenn es nicht nach meinem kleinen Kopf gegangen ist, oder wenn es dann mal eine auf den Hintern gegeben hat -, fragen Sie mich bitte nicht, woher die Überzeugung kam, dass dieser furchteinflößende und grausam mächtige Nachtkrabb gegen meine Eltern nichts ausrichten konnte.

Sie war ganz einfach da, sie war da, als eine ungemein beruhigende ungemein hilfreiche und wirklich not-wendende Überzeugung. Ein Urvertrauen, das im Grunde auch durch nichts wirklich zu erschüttern war, das ich aber absolut nicht erklären kann, und das wahrscheinlich im Letzten immer unerklärlich bleiben wird. Es war ganz einfach da.

Warum ich das gerade heute erzähle? Nun, ich denke, dass es mit dem Vertrauen, von dem Jesus im heutigen Evangelium spricht, gar nicht so viel anders ist. "Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht." Habt keine Angst, seid ganz unbesorgt, es wird schon gut werden!

Ich weiß auch nicht, warum ich mich darauf verlasse. Da gibt es so viel frag-würdiges, im Verhältnis zu diesem Gott, so vieles, wo ich mich ungeheuer an ihm reibe, ja, manchmal sogar stinkesauer auf ihn bin. Und dennoch bricht sich, zumindest dann, wenn es wirklich notwendig ist, dieses eigenartige Ur-Vertrauen immer wieder seine Bahn. Trotz allem meldet sich dann manchmal ganz von fern, dieses: "Ich weiß zwar nicht was Du willst, aber wenn Du es sagst, dann wird's am Ende wohl doch recht sein, dann wird's wohl doch noch gut werden!"

Ich weiß nicht warum das so ist, und erwarten Sie ja nicht, dass ich es auf irgendeine Art und Weise zu erklären versuche. Es wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben, als ich mich in dieses Vertrauen, hineinfallen zu lassen, genauso wie ein Kind, genauso wie ein Kind sich in das Urvertrauen in seine Eltern hinein fallen lasen muss. Einfach fallen zu lassen, in der festen Zuversicht, aufgefangen zu werden.

Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht. Habt keine Furcht!

Wie sehr dieses kindliche Urvertrauen dann wirklich tragen kann, das zeigen mir Menschen, die es in wirklichen Extremsituationen selbst erfahren haben, weit existentieller, als ich das jemals zu spüren bekommen habe. Einer von denen, der für mich da große Bedeutung hat ist Dietrich Bonhoeffer.

In einem seiner Texte bringt er für mich mehr als nur treffend zum Ausdruck, was es bedeuten kann, wenn mir das ungeheure Geschenk zuteil geworden ist, mich wirklich in dieses Vertrauen auf Gott hineinfallen lassen zu dürfen. Bonhoeffer schreibt:

"Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.
Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.
Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen.
Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen.
In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.
Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind,
und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.
Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet
und antwortet."

Amen.

(gehalten am 20. Mai 2001 in der Peterskirche, Bruchsal)

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