Predigten in der Osterzeit - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

5. Sonntag der Osterzeit - Lesejahr C (Joh 13,31-33a. 34-35)

In jener Zeit, als Judas hinausgegangen war, sagte Jesus: Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht, und Gott ist in ihm verherrlicht. Wenn Gott in ihm verherrlicht ist, wird auch Gott ihn in sich verherrlichen, und er wird ihn bald verherrlichen. Meine Kinder, ich bin nur noch kurze Zeit bei euch. Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt. (Joh 13,31-33a. 34-35)

Viel Wasser und hohe Mauern, die sind offensichtlich hilfreich bei der Liebe. Wenn es darum geht, andere Menschen zu lieben, dann scheinen Mauern und Wasser ganz nützlich zu sein.

Liebe Schwestern und Brüder,

auf diesen Gedanken kann man zumindest kommen, wenn man so manches ein wenig von außen betrachtet. Als Kind zum Beispiel, da hörte ich immer wieder, in fast jeder größeren Fernsehshow, wie die Moderatoren am Anfang oder am Ende ganz herzlich grüßten. Sie grüßten die Zuschauer drüben im anderen Teil Deutschlands, und das Publikum applaudierte jedes Mal ganz begeistert. Ich selbst hatte keine Verwandten im Osten, aber ich habe so schon als kleines Kind gespürt, dass die Teilung Deutschlands etwas ganz schlimmes sein musste, und dass den Leuten hier, die Menschen in der damaligen DDR offenbar ganz wichtig waren.

Jetzt ist die Mauer weg, und ich höre nur noch wenige Grüße. Aber ich höre manchmal, wie man sagt, dass man die Mauer ruhig wieder aufbauen sollte, und sogar noch 5 Meter höher als vorher. Ohne Mauer ist das mit der Liebe zum Nächsten offenbar gar nicht mehr so einfach.

Mauern scheinen hilfreich zu sein für die Liebe. Solange die, von denen man sagt, dass sie einem so wichtig sind, solange die gut verwahrt und weit weg sind, solange ist es nicht schwer zu lieben.

Unsere Diözese unterhält seit vielen Jahren eine Partnerschaft, eine Partnerschaft zu den Christen in Peru. Und uns allen ist diese Partnerschaft wichtig geworden – so hört man zumindest überall. Es werden Briefe geschrieben, man grüßt immer wieder über den großen Ozean hinüber und viele Aktionen werden unterstützt. Man könnte direkt meinen, dass den Christen in der Diözese Freiburg die Menschen in Peru unheimlich am Herzen liegen.

Offensichtlich ist sehr viel Wasser ganz hilfreich für die Liebe. Ich möchte nicht wissen, wie wir reagieren würden, wenn der Ozean nicht da wäre, und wenn jeder Peruaner ganz einfach hierher kommen könnte. Und ich meine jetzt nicht die, die sich solch eine Reise aus eigenen Mitteln leisten können, nein ich meine all die, die jetzt nicht einmal im Traum daran denken, so etwas jemals zu tun, weil sie nämlich aus lauter Sorge darum, wie sie am morgigen Tag über die Runden kommen, das Träumen schon ganz verlernt haben. Ja, was, wenn all diese Menschen plötzlich ganz nahe wären, und wenn Sie dann etwa auf die Idee kämen vom Kuchen, den wir verzehren, ein Stück abbekommen zu wollen? Ob wir auch noch so freundlich wären, ob wir die Gäste auch dann noch herzlich willkommen heißen würden, wenn Sie zu Dutzenden kämen? Wenn Sie auf die Idee kommen würden sich etwa in unserem Luisenpark niederzulassen, weil selbst die Mülltonnen in Bruchsal trotz der angespannten sozialen Lage auch bei uns, immer noch weit mehr hergeben, als viele in den Elendsvierteln dieser Welt auch bei größter Anstrengung jemals erlangen können, vielleicht würden wir dann ein weiteres Mal die Bänke im Luisenpark abschrauben, um ungebetene Gäste auf Distanz zu halten.

Denn Distanz ist offensichtlich ganz wichtig. Alles, was andere auf Abstand hält, das scheint ungeheuer hilfreich zu sein, hilfreich für das, was man gemeinhin Nächstenliebe nennt. Auf Abstand nämlich ist es einfach den Nächsten zu lieben! Das gilt wenn wir an die Menschen in den neuen Bundesländern denken, ich fürchte, das gilt weithin im Blick auf unsere Partnergemeinden in Peru, und das gilt sogar wenn es um die Christen geht, die in anderen christlichen Kirchen und Gemeinschaften leben.

Da treiben wir seit Jahren Ökumene, und wir tun es wunderbar auf Distanz. Da sagen die Katholiken: "Wir würden ja so gerne mehr Gemeinsamkeit leben, aber leider sind uns von Rom aus die Hände gebunden!" Und schon hat man die Distanz wieder gewahrt und ist Gott froh darüber, dass man sich gar keine Gedanken mehr darüber zu machen braucht, wie denn solch ein Mehr an Gemeinsamkeit aussehen würde. Und manchmal habe ich das Gefühl, dass unsere evangelischen Gemeinden auch gar nicht so unglücklich darüber sind, dass dies oder jenes "mit den Katholiken halt nicht zu machen ist". Ich möchte nicht wissen wie groß die Begeisterung wirklich wäre, wenn für Katholiken "dies oder jenes" gar kein Problem mehr wäre. Wir sagen halt mal, dass wir uns gegenseitig achten und dass wir uns im Grunde auch viel bedeuten, und wir bleiben dabei ganz schön auf Distanz, denn Distanz ist offensichtlich sehr hilfreich für diese Art von Liebe.

Aber sie ist gleichzeitig die Todeserklärung der Liebe! Liebe wird da lebendig, wo sie die Nähe verlangt. Liebe wird da konkret, wo sie Mauern durchbricht und Distanz überwindet. Liebe erweist sich in der Nähe.

Jesus sagt im heutigen Evangelium: "Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander, wie ich euch geliebt habe!" Mindestens einmal im Jahr hören wir diesen Satz, und das seit zweitausend Jahren. Und wir werden Ihn wohl noch eine ganze Zeitlang hören müssen, bis wir wirklich begriffen haben, von was für einer Liebe Jesus hier spricht.

Es ist nicht die distanzierte Liebe der Sonntagsreden, nicht ein wohlwollendes "auch-wieder-einmal-aneinander-Denken". Jesus spricht von einer sehr konkreten Liebe, keiner Liebe, die sich hinter Mauern verschanzt oder Ozeane braucht, um den Abstand zu wahren, die Liebe, die Jesus meint, ist Nächsten-Liebe, eine Liebe, die den anderen an mich heranlässt, ihn zum Nächsten, zu einem nahen Menschen werden lässt. Eine Liebe, die Mauern durchbricht und Distanzen überwindet. Es ist die Liebe des Teilens und des Verzichtens um des anderen Willen, eine Liebe, die nicht am Status quo endet, sondern Veränderungen in Kauf nimmt, die nicht am Eigennutz halt macht, sondern nichts kennt, was über dem gemeinsamen Wohl – wohlgemerkt: dem gemeinsamen Wohl – stehen würde.

Solche Liebe meint Jesus, wenn er sagt, dass er uns ein neues Gebot gibt. Es ist ein alter Satz, ein uraltes Wort. Aber wenn ich mir unsere Wirklichkeit anschaue, auch die Wirklichkeit in unseren christlichen Gemeinden, dann ist es leider Gottes immer noch, auch nach zweitausend Jahren, ein ganz neues Gebot.

Amen.

(gehalten am 10. Mai 1998 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal
anlässlich des Besuchs des Ältestenkreises der Gemeinde Luther-Süd
und des Pfarrers der Bruchsaler Partnergemeinde in Peru)

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