Predigten in der Osterzeit - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

4. Sonntag der Osterzeit - Lesejahr C (Offb 7,9. 14b-17)

Danach sah ich: eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen; niemand konnte sie zählen. Sie standen in weißen Gewändern vor dem Thron und vor dem Lamm und trugen Palmzweige in den Händen. Und er sagte zu mir: Es sind die, die aus der großen Bedrängnis kommen; sie haben ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht. Deshalb stehen sie vor dem Thron Gottes und dienen ihm bei Tag und Nacht in seinem Tempel; und der, der auf dem Thron sitzt, wird sein Zelt über ihnen aufschlagen. Sie werden keinen Hunger und keinen Durst mehr leiden, und weder Sonnenglut noch irgendeine sengende Hitze wird auf ihnen lasten. Denn das Lamm in der Mitte vor dem Thron wird sie weiden und zu den Quellen führen, aus denen das Wasser des Lebens strömt, und Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen. (Offb 7,9. 14b-17)

"Sind wir bald da? Wie lang dauerts denn noch?"

Liebe Schwestern und Brüder,

wer Kinder hat, kennt das - wenigstens von jeder Fahrt in den Urlaub. Kinder quengeln und kaum einmal geben sie sich mit Beschwichtigungen zufrieden. Sie verlangen eine Antwort.

Auch wenn es ihr Schicksal ist, mit diesen Antworten meist nicht viel anfangen zu können. Ob das jetzt 200 Kilometer oder 400 Kilometer sind, ob es jetzt noch 70 Minuten oder zwei Stunden dauert - eigentlich macht das für Kinder keinen Unterschied. Letztlich sind all diese Angaben für Kinder nichts anderes als Bezeichnungen für eine gefühlte Unendlichkeit. Es dauert halt.

Nichtsdestoweniger aber fragen sie. Und sie fragen immer wieder.

Ob sich Gott auch so fühlt, so, wie genervte Eltern auf solch einer Fahrt? Es sind ja im Grunde gar keine so viel andere Fragen, die wir Menschen stellen.

Wie lange dauert es denn noch? Wie lange dauert es bis das Reich Gottes kommt? Wer wird alles dabei sein? Wer wird gerettet und wer nicht?
Und sind es alle oder viele?

Menschen fragen und sie verlangen nach Antworten. Und sie können mit all den Antworten, die wir da bekommen, meist so wenig anfangen, wie quengelnde Kinder mit den Kilometerangaben auf der Fahrt im Auto.

Wir hören Gleichnisse Bilder, Versuche in Worte zu fassen, was letztlich doch nicht zu sagen ist.

Die Texte der Offenbarung, aus denen wir heute zum Beispiel einen Abschnitt als Lesung gehört haben, sind ein Musterbeispiel dafür. Wie mag es am Ende wohl sein, fragt man sich und stürzt sich auf die Seiten dieses Buches, das ja irgendwie Einblicke verspricht in das was da alles auf uns zukommen mag. Und dann hat man es gelesen und ist genauso nass wie vorher. So wie ein Kind, das jetzt weiß, dass es noch 300 Kilometer sind - und das sich nicht einmal vorstellen kann, was denn ein Kilometer letztlich sein soll.

Wie viele werden es sein? Wer alles wird jetzt gerettet werden? Wir stellen diese Fragen immer wieder.

Eine große Schar, aus allen Nationen und Stämmen und niemand kann sie zählen. Das ist das einzige, was wir all den Bildern und Gleichnissen an Antwort wirklich entnehmen können: So viele, dass es all unser Verstehen und Begreifen übersteigt.

Kinder quengeln jetzt weiter. Sollte uns das als Antwort nicht langsam einfach mal reichen?

(gehalten am 20./21. April 2013 in der Paulus- und Antoniuskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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