Predigten in der Österl. Bußzeit - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

4. Sonntag der Fastenzeit - Lesejahr C (Lk 15,1-3. 11-32)

In jener Zeit kamen alle Zöllner und Sünder zu Jesus, um ihn zu hören. Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Er gibt sich mit Sündern ab und isst sogar mit ihnen. Da erzählte er ihnen ein Gleichnis und sagte: Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht. Da teilte der Vater das Vermögen auf. Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen. Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über das Land, und es ging ihm sehr schlecht. Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten. Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen; aber niemand gab ihm davon. Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben mehr als genug zu essen, und ich komme hier vor Hunger um. Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner. Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von weitem kommen, und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Da sagte der Sohn: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein. Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand, und zieht es ihm an, steckt ihm einen Ring an die Hand, und zieht ihm Schuhe an. Bringt das Mastkalb her, und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein. Denn mein Sohn war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie begannen, ein fröhliches Fest zu feiern. Sein älterer Sohn war unterdessen auf dem Feld. Als er heimging und in die Nähe des Hauses kam, hörte er Musik und Tanz. Da rief er einen der Knechte und fragte, was das bedeuten solle. Der Knecht antwortete: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn heil und gesund wiederbekommen hat. Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu. Doch er erwiderte dem Vater: So viele Jahre schon diene ich dir, und nie habe ich gegen deinen Willen gehandelt; mir aber hast du nie auch nur einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte. Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet. Der Vater antwortete ihm: Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein. Aber jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern; denn dein Bruder war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. (Lk 15,1-3. 11-32)

Gerade mal 10 Jahre wird jene Begebenheit her sein, von der mir in den letzten Wochen erzählt wurde:

Es war an einem Sonntagmorgen als im zweiten Programm ein evangelischer Gottesdienst übertragen wurde. Vor dem Fernseher saß eine ältere Dame, die den Gottesdienst verfolgte. Ganz plötzlich begann sie zu seufzen und dann sagte sie: "Ich finde es so schade, dass die Evangelischen nicht in den Himmel kommen, obwohl sie doch so schön beten."

Liebe Schwestern und Brüder,

mir ist fast die Luft weggeblieben, als ich das das erste Mal gehört habe.

Das war nicht vor Hunderten von Jahren oder gar unvordenklicher Zeit. Das ist noch keine zehn Jahre her!

Dass Menschen immer noch so denken! Was hat da Theologie, was haben da Verkündigung und Pastoral in Menschen angerichtet, dass sich solch ein Denken so tief in den Köpfen hat festsetzen können.

Ich hatte mal gehofft, dass solche Vorstellungen längst überwunden und Geschichte seien. Früher - dachte ich -, nur in grauer Vorzeit hat man für den "wahren Glauben" Kriege geführt und die jeweils Anderen in Acht und Bann getan. Dass dieses Denken aber bis in die Gegenwart hineinreicht, ist offenbar eine traurige Wirklichkeit.

Und nicht nur unter alten Menschen, die es halt noch so von Kindesbeinen auf gelernt haben. Und auch nicht nur bei den Katholiken. So denken schließlich nicht nur Katholiken über Evangelische.

Vor kurzem habe ich selbst es genau andersherum erlebt. Nach einem kurzen Gespräch haben mir zwei fundamentalistisch angehauchte Vertreter einer evangelikalen Gruppierung freundlich lächelnd klar gemacht: "Von uns dreien," wobei sie auf sich selbst und auf mich deuteten, "Von uns dreien werden wohl nur zwei im Paradies sein!" Und sie machten keinen Hehl daraus, dass ich unter diesen beiden nicht sein würde, denn Katholiken hätten ja von vorneherein den völlig falschen Glauben.

Wie können Menschen so felsenfest davon überzeugt sein, das Heil für sich gepachtet zu haben?

Ich habe mich schon manches Mal gefragt, was für eine Vorstellung von Gott solche Menschen wohl haben mögen. Glauben Menschen allen Ernstes, dass Gott Kinder in die Welt setzt, um sich dann nur auf ganz wenige zu konzentrieren? Dass Gott damit zufrieden wäre, eine Handvoll Menschen zu dem Ziel zu führen, das er doch allen gesetzt hat? Glauben Menschen denn allen Ernstes, dass Gott zuschauen würde, das der Großteil der Menschen in irgend ein Verderben läuft? Und bringen Menschen dieses Bild von Gott dann tatsächlich mit jenem Vater in Verbindung, von dem Jesus Christus im heutigen Evangelium spricht?

Für mich geht es in diesem Text heute nicht so sehr um die Frage der Umkehr, nicht so sehr um einen Sohn, der seine Vergehen bereut. Für mich geht es nicht einmal in erster Linie um die Barmherzigkeit, um einen Vater, der seinem Sohn rundum vergibt. Für mich geht es allem voran um einen Vater: um einen liebenden Vater, der zu seinem Kind steht - und zwar zu all seinen Kindern, vorbehaltlos und ohne Abstriche und aus ganzem Herzen.

Wenn ich das ernst nehme, wenn ich wirklich ernst nehme, was Jesus Christus hier über Gott spricht, wenn ich dieses Bild von Gott konsequent weiterdenke, dann bleibt mir gar nicht viel anderes übrig, als sehr, sehr vorsichtig damit zu sein, genau angeben zu wollen, wen dieser Vater, wen Gott in seine Arme schließt, und - vor allem - wen nicht.

Und ich bin davon überzeugt, dass manche am Ende mit weitaufgerissenen Augen dastehen und die Welt nicht mehr verstehen werden, wenn der Vater dann plötzlich wirklich alle seine Kinder an seine Brust drückt.

Manche werden da dann wohl ganz dumm aus der Wäsche schauen. Und manchen wird es wahrscheinlich selbst dann noch unendlich schwer fallen, wirklich einzusehen, dass Gott weit größer ist, als unser Herz.

So wie ich Menschen bisher kennengelernt habe, werden einige selbst dann noch, wie der zweite Sohn aus dem heutigen Evangelium, dastehen und aus voller Überzeugung sagen: "Vater, das kannst du aber doch nicht tun!"

Jesus aber macht uns heute deutlich, dass der Vater es sehr wohl kann. Und ich bin mir ganz sicher, dass er es auch tut.

Amen.

(gehalten am 17./18. März 2007 in den Kirchen der Seelsorgeinheit St. Peter, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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