Predigten in der Österl. Bußzeit - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

4. Sonntag der Fastenzeit - Lesejahr C (Jos 5,9a. 10-12)

In jenen Tagen sagte der Herr zu Josua: Heute habe ich die ägyptische Schande von euch abgewälzt. Als die Israeliten in Gilgal ihr Lager hatten, feierten sie am Abend des vierzehnten Tages jenes Monats in den Steppen von Jericho das Pascha. Am Tag nach dem Pascha, genau an diesem Tag, aßen sie ungesäuerte Brote und geröstetes Getreide aus den Erträgen des Landes. Vom folgenden Tag an, nachdem sie von den Erträgen des Landes gegessen hatten, blieb das Manna aus; von da an hatten die Israeliten kein Manna mehr, denn sie aßen in jenem Jahr von der Ernte des Landes Kanaan. (Jos 5,9a. 10-12)

Eigentlich hätte es ja auch so bleiben können: Wir sitzen einfach da, jeden Tag kommt unser Manna, niemand braucht zu hungern und keiner braucht sich um das Essen irgendwelche Sorgen zu machen.

Liebe Schwestern und Brüder,

um wie viel einfacher wäre das Leben: Nie mehr Gedanken um das Essen machen müssen!

Wäre doch jetzt zu schön. Hätte er doch eigentlich auch weiter so machen können. Dass er es kann, hat unser Gott ja bewiesen. Jeden Tag haben die Israeliten auf ihrer Wanderung das Manna gefunden - jeden Morgen aufs Neue.

Und plötzlich war es aus. Da aßen die Israeliten das erste Mal von den Erträgen des eigenen Landes und schlagartig blieb das Manna aus.

Als ob Gott nicht auch weiter hätte Manna schenken können, als ob er seinem Volk diese Wohltat nicht weiter hätte erweisen können. So viel Mühe hätte es ihm sicher nicht gemacht. Kann doch nicht so viel Arbeit gewesen sein, morgens für Manna zu sorgen. Gott sorgt für die Sonne, für den Regen, für das Wachstum, für das Leben - da kann so ein bisschen Manna doch eigentlich kein Problem sein.

Ich wette, wenn er gewollt hätte, hätte er es ohne weiteres gekonnt. Er hätte eigentlich nur wollen müssen. Und genau das war offensichtlich nicht der Fall. Offenbar hat er es ganz einfach nicht gewollt.

Und vermutlich hat er auch einen guten Grund dafür. Was wäre das wohl für eine Menschheit geworden - eine, der die gebratenen Tauben gerade so in den Mund fliegen. Was wäre das wohl für eine Menschheit gewesen - eine, die gleichsam im Schlaraffenland lebt. Was wäre das für ein unzufriedener Haufen geworden.

So mancher von den älteren Menschen wird das nachvollziehen können. Diejenigen, die die Notzeiten noch miterlebt haben, die sagen das ja immer wieder. Vieles hat es damals nicht gegeben, zahlreich waren allein die Sorgen und die Entbehrungen waren manchmal schon nicht mehr auszuhalten - aber zufriedener waren die Menschen durch die Bank.

Jetzt, wo es eigentlich alles gibt und sich kaum jemand wirklich um das morgige Mittagessen sorgen muss, jetzt ist fast jeder irgendwo unzufrieden. Und wirklich zufrieden ist kaum jemand.

Gott weiß darum. Und wahrscheinlich macht er uns genau deshalb das Leben nicht zu einfach. Er hilft seinem Volk. Wo Menschen es nicht mehr allein schaffen, steht er sofort Gewehr bei Fuß. Aber sobald wir Menschen etwas selbst fertig bekommen - oder selbst fertig bekommen müssten - da fordert er uns auch heraus.

Er gibt uns alles was wir brauchen, aber was wir allein hinbekommen können, das müssen wir auch alleine bewerkstelligen. Denn alles andere wäre nicht gut für uns.

Die eigenen Früchte anzubauen, zu ernten und dann auch zu essen war für sein Volk sehr viel erfüllender als jeden Morgen das fertige Manna lediglich aufsammeln zu müssen. Sich einzusetzen, anzustrengen, etwas zu erarbeiten, und dann von den Früchten dieser Arbeit auch zu leben, ist für uns Menschen sehr viel befriedigender als alles von vorneherein einfach nur hineingesteckt zu bekommen.

Gott weiß darum. Und er macht uns das Leben deshalb auch kein bisschen einfacher, als für uns gut ist. Er hilft uns, wo es nur geht. Meist aber hilft er uns nur soweit, dass wir uns selbst wieder helfen können.

Sie kennen das Sprichwort: Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.

So herum gewendet, gefällt es mir nicht besonders. Aber andersherum, andersherum steckt - meines Erachtens - jedoch sehr viel Wahrheit darin: Gott hilft dir. Aber er hilft dir nicht, damit du nichts mehr machen musst. Gott hilft dir, damit du dir wieder selbst weiterhelfen kannst.

Amen.

(gehalten am 20. März 2004 in der Antoniuskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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