Predigten in der Adventszeit - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

4. Adventssonntag - Lesejahr C (Hebr 10,5-10)

Brüder! Bei seinem Eintritt in die Welt spricht Christus: Schlacht- und Speiseopfer hast du nicht gefordert, doch einen Leib hast du mir geschaffen; an Brand- und Sündopfern hast du kein Gefallen. Da sagte ich: Ja, ich komme - so steht es über mich in der Schriftrolle -, um deinen Willen, Gott, zu tun. Zunächst sagt er: Schlacht- und Speiseopfer, Brand- und Sündopfer forderst du nicht, du hast daran kein Gefallen, obgleich sie doch nach dem Gesetz dargebracht werden; dann aber hat er gesagt: Ja, ich komme, um deinen Willen zu tun. So hebt Christus das erste auf, um das zweite in Kraft zu setzen. Aufgrund dieses Willens sind wir durch die Opfergabe des Leibes Jesu Christi ein für alle Mal geheiligt. (Hebr 10,5-10)

"Mein Vater hörte mich und kam zu mir. Lächelnd legte er seine Hand auf meine Schulter und blickte mich fragend an.

"Ich suche Gott", sagte ich.

"Gott ist nicht verloren, es besteht kein Grund, ihn zu suchen."

"War er verloren, als Abraham ihn suchte?"

"Nein, Gott ist immer da, nichts ist vor ihm und nichts ist nach ihm. Er ist außerhalb von Raum und Zeit. Abraham hat ihn gefunden, weil die Vernunft immer zu Gott führt."

"Aber Abraham hat die Religion seines Volks abgelehnt, warum kann ich nicht das Gleiche tun"?

Mein Vater lächelte und sagte: "Weil das Volk Abrahams die falsche Religion hatte. Unsere Religion aber ist die richtige.""

(aus: Hamed Abdel-Samad, Mein Abschied vom Himmel (Köln 2009) 125)

Liebe Schwestern und Brüder,

dieser Abschnitt stammt aus einem Buch, das ich gerade lese.

Er handelt von einem kleinen Jungen im Gespräch mit seinem Vater. Der Junge versucht die Geschichte um Abraham zu verstehen. Und er hat verstanden, dass Abraham den Glauben seiner Mitmenschen hinterfragt hat und dass dieses Hinterfragen ihn letztlich zur Gotteserkenntnis führte.

Und sein Vater, ein gläubiger Muslim, bestärkt ihn darin. Ja, er hat die Geschichte richtig verstanden.

Aber offenbar hat der Junge viel zu viel verstanden. Er denkt nämlich weiter. Wenn Abraham sich kritisch mit dem Glauben seiner Zeit auseinandersetzen musste, um wirklich zu Gott vorzudringen, wenn Abraham erst die Glaubensverkrustungen seiner Zeit ablegen musste, warum sollte er nicht das Gleiche tun?

"Weil das Volk Abrahams die falsche Religion hatte. Unsere Religion aber ist die richtige." antwortete der Vater. Und er antwortete, wie alle Menschen, die von etwas zutiefst überzeugt sind.

Hinterfragen ist wichtig, kritisch zu sein ist richtig, Kritik ist sogar notwendig, nur nicht an uns!

Das hat mir sehr zu denken gegeben. Denn dieses Phänomen entdecke ich ja nicht nur bei diesem muslimischen Vater. Dieses Phänomen ist weit verbreitet. Es begegnet uns bereits in der Schrift.

Da machen die Propheten klar, was Gott eigentlich will, und zeigen, dass das Nordreich Israel wegen seiner Unmenschlichkeit und wegen seiner falschen Frömmigkeit untergehen muss, und die Menschen im Südreich nicken mit dem Kopf und registrieren absolut nicht, dass ihnen genau das gleiche blühte. Dass mit dieser Kritik auch sie selbst gemeint waren, sahen sie nicht.

Da zeigen die neutestamentlichen Schriften, dass die Menschen seiner Zeit Jesus nicht erkannten und seine Botschaft nicht verstanden. Und wir nicken mit dem Kopf, lesen die massive Kritik am jüdischen Volk zur Zeit Jesu von Nazareth und registrieren überhaupt nicht, dass wir auch selbst gemeint sein könnten.

Und selbst da, wo es die Schrift sogar auf uns hin formuliert, selbst da lesen wir die Texte, sagen "Wort des lebendigen Gottes" und hinterfragen nichts, aber auch gar nichts von dem, was uns nun einmal lieb und teuer geworden ist und doch auch so richtig scheint.

Die heutige Lesung ist ein gutes Beispiel dafür: Ein gutes Beispiel für einen Text, den wir in adventlicher Stimmung hören, zu dem man Ja und Amen sagt, ohne ihn wirklich zu verstehen, und der an einem vorüberrauscht, ohne auch nur das geringste zu bewirken.

Dabei steckt eine Sprengkraft in ihm, die kaum einmal wirklich hervorgehoben wird. Dabei steckt da eine Kritik an unserer Praxis drin, und am Gottesdienstverständnis so vieler - bis in höchste Ämter hinein, eine Kritik, der wir uns stellen müssten.

Hier macht uns die Schrift klar, was Gott wirklich will und dass wir am Gotteswilllen auch heute noch, dass auch wir, so oft völlig an ihm vorbeigehen. Von wegen, Kritik gilt nur den anderen, denn wir glauben es ja richtig.

Schauen Sie sich das 10. Kapitel des Hebräerbriefes ruhig einmal im Zusammenhang an, lesen Sie sich den ganzen Text einmal durch und versuchen Sie hinter diese furchtbar komplizierte und uns so fremde Sprache dahinterzusteigen.

Hier schreibt jemand, der die Praxis der Opfer seiner Zeit, wie es die Propheten immer und immer wieder getan haben, brandmarkt und als wirkungslos abtut. Das ist nicht Gottes Wille, dass Menschen Opfer darbringen. Es ist Gottes Wille, dass Menschen menschlich leben, denn Menschendienst ist der wahre Gottesdienst.

Und der Hebräerbrief macht deutlich, dass Jesus genau diese Botschaft auf den Punkt gebracht hat. Denn er hat sich mit seinem ganzen Leben - nicht nur mit seinem Sterben - mit seinem Leben uns Menschen geopfert. Er hat sich für uns geopfert.

Über dieses Opfer hinaus kann es keine anderen Opfer mehr geben! Das wissen wir, das glauben wir und das sagen auch alle Katechismen. Und trotzdem opfert es in unserer Theologie, in unserer Glaubenspraxis und in unserer Volksfrömmigkeit bis in unsere liturgischen Bücher hinein nur so vor sich hin.

Immer noch hört man bei Gottesdienstvorbereitungen den Ausdruck "Opferung", obschon diese Stelle im Messablauf schon seit vierzig Jahren "Gabenbereitung" heißt - und das aus gutem Grund. Denn wir bringen in der Messe kein Opfer dar. Es kann nach Jesus Christus keine neuen Opfer mehr geben.

Und die Messe ist auch kein Messopfer in dem Sinne, dass hier jedes Mal aufs Neue Gott ein Opfer dargebracht würde, oder es gar notwendig wäre, immer wieder neu Gott durch Opfer zu versöhnen. Das zu glauben wäre ein glatter Irrtum.

Deshalb wurde in der Folge des zweiten Vatikanischen Konzils bei uns ja auch kaum noch vom Messopfer gesprochen. Wir sprachen von Eucharistiefeier oder besser noch schlicht von der Heiligen Messe.

In jüngster Zeit, vor allem auch durch die erneute Zulassung des alten Ritus, begegnet der Begriff vom Opfer aber wieder sehr viel häufiger.

Die Messe aber kann nur in dem Sinne als Opferfeier bezeichnet werden, indem in ihr gefeiert wird, was Jesus Christus ein für alle Mal für uns getan hat. Das was er getan hat, sein Opfer, wird in dieser Feier zwar neu gegenwärtig, es ist aber kein neues Opfer, keines, das wir darbringen würden, und erst recht keines, das Gott von uns bräuchte.

"Wir sind durch die Opfergabe des Leibes Jesu Christi ein für allemal geheiligt."

So macht es der Hebräerbrief, die heutige Lesung, unmissverständlich und letztgültig deutlich. Und sie zeigt uns an diesem Beispiel, dass auch wir unsere Praxis, unsere Frömmigkeit und unser gottesdienstliches Feiern immer wieder kritisch durchleuchten müssen.

Von wegen, Kritik ist für die anderen, denn die glauben ja falsch. Wir aber, wir glauben doch richtig.

Vieles, was vordergründig liebgewordene Praxis ist, was angeblich immer schon so gesagt oder immer schon so getan wurde, manches von dem, an das man sich so gewöhnt hat, und halt einfach so macht, gar manches davon ist wohl liebgewordener Brauch, aber eben nicht das was Gott will, nicht Gottes Wille.

Allein der aber, nur der allein - nur Gottes Wille und nichts anderes zählt.

Amen.

(gehalten am 19./20. Dezember 2009 in der Peters- und Antoniuskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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