Predigten in der Adventszeit - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

4. Adventssonntag - Lesejahr C (Mi 5,1-4a)

So spricht der Herr: Du, Betlehem-Efrata, so klein unter den Gauen Judas, aus dir wird mir einer hervorgehen, der über Israel herrschen soll. Sein Ursprung liegt in ferner Vorzeit, in längst vergangenen Tagen. Darum gibt der Herr sie preis, bis die Gebärende einen Sohn geboren hat. Dann wird der Rest seiner Brüder heimkehren zu den Söhnen Israels. Er wird auftreten und ihr Hirt sein in der Kraft des Herrn, im hohen Namen Jahwes, seines Gottes. Sie werden in Sicherheit leben, denn nun reicht seine Macht bis an die Grenzen der Erde. Und er wird der Friede sein. (Mi 5,1-4a)

Liebe Brüder und Schwestern,

stellen Sie sich einmal vor...

Stellen Sie sich vor, einer der großen alten Propheten, einer von denen, die, wie der Prophet Micha damals in Israel aufgetreten sind, einer von ihnen, der hätte jetzt auch etwas über uns gesagt; der hätte schon damals in Israel eine Weissagung ausgesprochen, ein Prophetenwort - jetzt aber nicht über eine der Städte in Juda oder Galiläa, nicht über Jerusalem oder Betlehem-Efrata, so wie wir es eben in der Lesung gehört haben. Nein, stellen Sie sich einmal vor, solch ein Prophet, der hätte damals über Bruchsal gesprochen, ein Prophetenwort über Bruchsal.

Natürlich gab es das nicht. Natürlich hat keiner der Propheten damals, 1000 Jahre vor Christus an Bruchsal gedacht – das ist natürlich klar. Aber vorstellen können wir es uns ja. Stellen wir uns doch einmal vor, dass einer der Propheten das tatsächlich getan hätte.

Ich habe es mir vorgestellt. Und ich kann mir gut ausmalen, wie solch ein Prophetenwort über Bruchsal wohl ausgesehen hätte. Und ich will Ihnen heute dieses Wort aus dem Buch eines unbekannten Propheten ganz einfach vorlesen. Es ist zwar erfunden, aber selbst erfundene Geschichten haben ja oft ganz viel Wahrheit in sich. Hören Sie also eine kleine Lesung aus dem erfundenen Buch eines unbekannten Propheten, eines Propheten, der über Bruchsal geweissagt hat. Und der Abschnitt beginnt folgendermaßen:

"Du, Bruchsal, so klein neben den Städten Mannheim, Karlsruhe und Stuttgart, du bist keineswegs die unbedeutendste unter den Oberrheinstädten. Nicht, weil aus dir große Persönlichkeiten hervorgegangen sind, denn das macht die Bedeutung einer Stadt nicht aus. Nicht, weil du eine große Geschichte gehabt hast, denn das haben viele. Und viele leben heute mehr aus ihrer Geschichte als in ihrer Gegenwart. Und erst recht nicht, weil du hochtrabende Pläne hast, denn Pläne sind gut, aber wenn man nicht die Kraft hat, sie auch wirklich zu realisieren, dann taugen sie letztlich wenig.

Aber, du bist bedeutend!

Du bist keineswegs die unbedeutendste unter den Oberrheinstädten, denn in dir wurde eine gefunden, die ihre kranke Mutter nun schon seit Jahren aufopferungsvoll pflegt, die nun schon seit Monaten alle persönlichen Bedürfnisse zurückgeschraubt hat, kaum noch einmal ohne die Sorge, dass etwas passieren könnte aus dem Haus gehen kann, und die von anderen wenig Verständnis und auch nicht viel Hilfe in Ihrer Situation erfährt.

Und in dir wurde einer gefunden, der regelmäßig und ohne auf die Uhr zu schauen, Menschen im Krankenhaus und solche, die schon seit halben Ewigkeiten zu Hause liegen, immer wieder besucht, ihnen das Sakrament bringt, und so gut es eben geht ein offenes Ohr für sie hat.

In dir wurden Menschen gefunden, die sich einsetzen für andere, die gute Eltern sind, sich in ihrer Ehe umeinander mühen, die ihre freie Zeit der Jugendarbeit in den Vereinen widmen, die als Katechetinnen, als Erzieherinnen, als Lehrer und Lehrerinnen unseren Kindern vermitteln helfen, was in unserem Leben wirklich wichtig ist; Menschen, die als Verantwortliche in unseren Betrieben, jenem Jugendlichen, der schon seit geraumer Zeit auf der Suche nach einem Arbeitsplatz ist, eine Chance geben, Menschen, die sich für das Miteinander in unserer Gesellschaft einsetzen, seit Jahren in der Pfarrgemeinde engagieren, in den Gremien von Kirche und Politik Verantwortung übernehmen, Hinstehen für Ihre Überzeugung und auch unpopuläre Entscheidungen treffen, weil Sie davon überzeugt sind, dass sie richtig und dass sie notwendig sind.

Nein, du bist keineswegs die unbedeutendste unter den Oberrheinstädten, denn in dir gibt es Menschen, die beten, die Nachts nur noch wenig schlafen können, und die diese schlaflose Zeit damit füllen, für andere zu beten, vor allem für die, die das Beten schon regelrecht verlernt haben.

Das ist bedeutend an dir, Stadt Bruchsal, denn das zeigt, dass der, der aufgetreten ist, damals in Betlehem-Efrata, der Hirt sein wollte, in der Kraft des Herrn im hohen Namen Jahwes, seines Gottes, dass dieser Immanuel nicht umsonst auf der Welt gewesen ist, dass er wirklich Spuren hinterlassen hat, Menschen, die ihm folgen, Menschen, die diese Welt durch Ihren ganz persönlichen Einsatz ein wenig menschlicher machen, die dazu beitragen, dass Gottes Reich bis an die Grenzen der Erde immer wirklicher wird, und dass sein Friede, seine Barmherzigkeit seine Menschenfreundlichkeit und Güte auch unter uns Menschen immer ausgeprägter werden.

Das macht Dich bedeutsam, Stadt Bruchsal; und das nicht nur zur Weihnachtszeit."

Amen.

(gehalten am 20./21. Dezember 1997 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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