Predigten in der Adventszeit - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

2. Adventssonntag - Lesejahr C (Lk 3,1-6)

Es war im fünfzehnten Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius; Pontius Pilatus war Statthalter von Judäa, Herodes Tetrarch von Galiläa, sein Bruder Philippus Tetrarch von Ituräa und Trachonitis, Lysanias Tetrarch von Abilene; Hohepriester waren Hannas und Kaijaphas. Da erging in der Wüste das Wort Gottes an Johannes, den Sohn des Zacharias. Und er zog in die Gegend am Jordan und verkündigte dort überall Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden. So erfüllte sich, was im Buch der Reden des Propheten Jesaja steht: Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen! Jede Schlucht soll aufgefüllt werden, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, was uneben ist, soll zum ebenen Weg werden. Und alle Menschen werden das Heil sehen, das von Gott kommt. (Lk 3,1-6)

Liebe Schwestern und Brüder,

eigentlich hat der ADAC ja mit Autos zu tun. Automobilclub nennt er sich ja. Wenn Sie aber die neueste Ausgabe der Clubzeitschrift anschauen, dann wird Ihnen schon beim ersten Durchblättern, was ganz anderes ins Auge stechen.

Auf gleich mehren Doppelseiten - verteilt im ganzen Heft - geht es, - nein, nicht um Autos -, Sie finden dort Anzeigen über Handys.

Ob Kartentelefon oder mit Vertragsbindung, ob D1 oder D2-Netz, und egal welcher Anbieter... Fast könnte man glauben, dass es sich um einen Elektronikshop handeln würde und nicht um den ADAC.

Aber selbst der kommt dieses Jahr auf Weihnachten hin wohl nicht darum herum: Handys sind das Thema. Sie sind der Renner im diesjährigen Weihnachtsgeschäft. Und die Verkaufszahlen explodieren momentan gar.

Man muss schließlich erreichbar sein. Wer im Beruf bestehen möchte, der kann es sich nicht mehr leisten, auch nur einen Augenblick kein Telefon zu haben. Und die Vorstellung, unterwegs eine Panne zu haben und dann ohne Handy zu sein, das ist für viele schon der Inbegriff der Katastrophe. Und als Jugendlicher ist man ohne zumindest ein Kartentelefon mittlerweile ja schon nur noch halber Mensch. Wie soll man denn auch ohne Handy den Partner fürs Leben finden, wenn Liebesbriefe nur noch per SMS versandt werden.

Dementsprechend werden wir in diesen Tagen von überall her mit Angeboten und Werbespots und Sondertarifen gelockt und umworben. Wenn es danach ginge, wovon unsere Wirtschaft träumt, dann dürfte es dieses Jahr keinen einzigen Weihnachtsbaum geben, unter dem nicht mindestens eines dieser doch so unabdingbar notwendigen Geräte liegt.

Ich habe immer noch keines. Und ich wollte mir auch dieses Jahr kein Handy zulegen. Und nächstes Jahr mit Sicherheit nicht gleich. Ich habe mir fest vorgenommen, auf die Umarmung durch die Werbung dieses Mal nicht hereinzufallen. So notwendig scheint es mir nämlich wirklich nicht zu sein, dass man immer und überall und an jedem Punkt der Erde tatsächlich erreichbar ist.

Deshalb bin ich auch um so überraschter, dass das heutige Evangelium genau von dieser Notwendigkeit spricht. Wenn Johannes der Täufer nicht vor zweitausend Jahren, in der Sprache seiner Zeit, gepredigt hätte, wenn er genau das gleiche, den Menschen heute sagen würde, es würde sich am Ende wohl fast wie eine Werbung für schnurlose Telefone anhören:

Jede Schlucht soll aufgefüllt werden, jeder Berg und Hügel sich senken - Wir machen den Weg frei: Allen Menschen einen ungestörten Empfang, Hundertprozent Netzabdeckung für ungestörte Kommunikation. 

Das klingt wie die reinste Handy-Werbung, Werbung für eine schnurlose Verbindung. 

Und es handelt sich dabei selbst auf den zweiten Blick sogar um ein richtiges Schnäppchen! Denn da steht nichts von Vertragsbindung und nirgendwo gibt es etwas Kleingedrucktes. Gott offeriert uns da eine Kommunikationsmöglichkeit, eine Verbindung zu ihm, die es gleichsam umsonst gibt.

Im Gegensatz zum Propheten Baruch, aus dessen Buch wir ja in der Lesung gehört haben, bei dem es ja noch darum ging, dass die Menschen auf dem ebenen Weg schon selbst zu gehen hatten, selbst den Weg zum Heil zurücklegen mussten, im Gegensatz dazu spricht Johannes davon, dass wir gar nichts mehr tun müssen, dass Gott den Weg zurücklegt, dass wir nicht zu ihm, sondern er zu uns kommen möchte. Wir brauchen nichts anderes tun, als "auf Empfang" zu stellen.

Das ist wirklich ein Schnäppchen, ein Angebot, das man sich nicht durch die Lappen gehen lassen sollte. Gott offeriert uns eine Kommunikationsmöglichkeit, bei der wir ständig online sind, bei der es kein Funkloch gibt und keine Schwierigkeiten mit dem Übertragungsprotokoll. Die Hardware, die ist sogar schon eingebaut, eingebaut in unseren Herzen, und die Software gibt's umsonst dazu. Wir müssen uns selbst nur auf Empfang stellen und Gott kann uns ständig erreichen.

Das ist ein Angebot für schnurlose Kommunikation, bei dem sogar ein Handymuffel wie ich nicht widerstehen kann. Ein besseres Angebot werden wir schwerlich finden.

Und dieses kann ich Ihnen auch nur rundum empfehlen, und das mit denn bestem Gewissen; denn die Telefongebühr - selbst die - ist bei Gottes Nulltarif selbstverständlich auch schon drin.

Amen.

(gehalten am 9./10. Dezember 2000 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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