Predigten in der Adventszeit - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

1. Adventssonntag - Lesejahr C (Lk 21,25-28. 34-36)

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Es werden Zeichen sichtbar werden an Sonne, Mond und Sternen, und auf der Erde werden die Völker bestürzt und ratlos sein über das Toben und Donnern des Meeres. Die Menschen werden vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge, die über die Erde kommen; denn die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. Dann wird man den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf einer Wolke kommen sehen. Wenn all das beginnt, dann richtet euch auf, und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe. Nehmt euch in acht, dass Rausch und Trunkenheit und die Sorgen des Alltags euch nicht verwirren und dass jener Tag euch nicht plötzlich überrascht, so, wie man in eine Falle gerät; denn er wird über alle Bewohner der ganzen Erde hereinbrechen. Wacht und betet allezeit, damit ihr allem, was geschehen wird, entrinnen und vor den Menschensohn hintreten könnt. (Lk 21,25-28. 34-36)

Alkohol am Steuer - das ist so ziemlich das schlimmste, was man sich vorstellen kann. Und dann noch Drogen, Betäubungsmittel, übermäßiger Medikamentenkonsum. Da ist der Führerschein sofort weg. Und das ist auch gut so.

Wer zugedröhnt oder bekifft durch die Straßen brettert, ist eine Gefahr für sich und vor allem für andere. Keine Frage, dass da der Führerschein einbehalten wird.

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn es da fürs Christsein auch so etwas gäbe, auch so etwas, wie einen Führerschein für das Leben als Christ, ich fürchte, er wäre uns schon lange entzogen worden.

Nein, nicht etwa weil wir alle besoffen oder sonst wie berauscht durchs Leben gingen - aber das heutige Evangelium stellt neben Rausch und Trunkenheit ja noch eine andere Sache, die unsere Lebenstüchtigkeit beeinträchtigt. Und das Evangelium nennt sie sogar im gleichen Atemzug - so, als müsste uns auch dabei, wenn es um den Führerschein ginge, die Fahrerlaubnis entzogen werden.

Haben Sie schon alle Plätzchen gebacken? Haben Sie schon alle Fenster geputzt, alle Vorhänge gewaschen? Sind alle Geschenke eingekauft, auch niemand bei der Weihnachtspost vergessen worden? Ist das Jahresprogramm des Vereines schon fertiggestellt und die Vorbereitungen für die Adventsfeier schon abgeschlossen? Habe ich alle Besinnlichkeitsverpflichtungen auf Weihnachen hin auch in meinen Kalender eingetragen, und - vor allem - noch zu einer weiteren eingeladen? Sind alle Advents- und Weihnachtskonzerte terminiert, alle Plakate verteilt, Liedzettel gedruckt und Stühle gestellt? Und nicht zuletzt, zittere ich auch schon gehörig, ob auch wirklich die notwendige Anzahl an Besuchern kommt?

Nehmt euch in acht, dass Rausch und Trunkenheit, und die Sorgen des Alltags euch nicht verwirren.

Jesus nennt sie in einem Atemzug: die Sorgen des Alltags in einem Atemzug mit Rausch und Trunkenheit. Denn auch von ihnen, kann man wie besoffen sein: blind für die Realität, für die wirklichen Notwendigkeiten und für Verhältnismäßigkeiten - so blind, dass man im Straßenverkehr schon lange den Führerschein entzogen bekäme.

All unsere Vorbereitung auf Weihnachten, all die Hektik in diesen Adventstagen, all die vielen vermeintlich besinnlichen Stunden, sie sind hohl und leer, wenn sie alle Jahre wieder, nur nach Terminplaner und vor allem nur weil's halt so üblich ist, abgespult werden.

Lasst euch durch all dies, durch all diese Aktivitäten, durch bloßen Aktionismus und all die damit zusammenhängenden Mühen und Sorgen ja nicht verwirren, ja nicht vom wesentlichen abbringen. Diese Mahnung stellt das Evangelium an den Anfang der Adventszeit.

Wie leicht stellt man im Suff die falschen Weichen, wie leicht kommt man bekifft von der Fahrbahn ab, wie leicht lassen einen die Sorgen des Alltages das Ziel aus dem Blick verlieren.

Heute, zu Beginn der Adventszeit, sei es all unseren Gruppierungen, allen Familien jedem und jeder einzelnen von uns ganz dick ins Stammbuch geschrieben. Verlieren wir das eigentliche nicht aus dem Blick. Sonst bereiten wir uns auf alles vor, nur nicht auf das Kommen unseres Herrn Jesus Christus.

Stellen Sie alle Alltagssorgen ganz weit hintan. Kein Fenster muss vor Weihnachten noch geputzt, keine Vorhänge müssen wirklich vor dem Fest gewaschen werden. Und es muss eigentlich auch kein Plätzchen gebacken werden. Und wenn doch, dann reicht die Hälfte meist auch.

Bevor uns solche Dinge die Zeit rauben, die Ruhe und den Blick nach Innen verstellen, bevor solche Dinge zu den Sorgen des Alltags werden, von denen Jesus spricht, lassen Sie sie ganz einfach weg. Sie haben es in der Hand - um Ihrer selbst willen.

Nichts ist fataler, als dass uns ob all dieser Dinge am Ende das Ziel aus dem Blick kommt. Das Alltagsgeschäft ist da nämlich mindestens genauso gefährlich wie Drogen und Alkoholkonsum. Es kann einen genauso gefangen nehmen.

Da brauchen dann nur noch die Nachrichten von einer unsicherer werdenden Welt und einer bedrohlich erscheinenden Zukunft dazu kommen und Menschen können nicht mehr ruhig schlafen.

Wie soll man auch, wenn man nur noch rödelt, bei all den Meldungen, die Ruhe und vor allem die Zuversicht bewahren. Da läuft man von Morgens bis Abends auf Hochtouren, und am Ende bleibt doch nichts übrig und nirgendwo erscheint Licht am Ende des Tunnels.

Richtet euch auf, ruft da Jesus. Richtet euch auf und erhebt eure Häupter. Schaut über den Alltagssumpf hinaus, denn unserer Zukunft heißt Jesus. Gott selbst kommt uns entgegen. Und wenn er es ist, auf den wir zugehen, dann wird am Ende auch alles gut werden.

Der Advent ist eine ganz große Chance, das neu zu entdecken, eine Chance, die es zu ergreifen gilt.

Wer sie im Suff, im Rausch oder - wie es leider meistens geschieht - ganz einfach im Alltagstrubel vertut, schadet sich selbst am meisten.

Am Ende bleiben nämlich nicht nur die innere Ruhe, es bleiben Hoffnung und vor allem Zuversicht auf der Strecke.

Aber dafür gibt es keinen Grund. Richtet euch auf! Jesus Christus ist uns nämlich nahe, jedem und jeder von uns, er war es gestern, er ist es morgen und jetzt, in dieser Stunde ist er es ganz besonders. Und was wollen wir eigentlich mehr?

(gehalten am 29./30. November 2003 in den Kirchen der Seelsorgeeinheit St. Peter, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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