Die Bibel

Entstehung, Gedankenwelt, Theologie ...


Weiter-ButtonZurück-Button Wie hat sich der Umgang mit dem Traditionsgut in den ersten Jahrzehnten verändert? ⋅1⋅

Wie hat sich nun der Umgang mit dem Traditionsgut über diesen Jesus von Nazaret in den ersten Jahrzehnten verändert? Denn davon müssen wir ja ausgehen: Im Laufe der Zeit ging man ganz von allein anders mit dem um, was man von Jesus gehört hatte und von ihm berichtete.

Am Anfang, je mehr Augenzeugen noch lebten, haben wir es ja mit einer Menge und einem Umfang des Stoffes zu tun, der es ganz unmöglich machte, alles weiterzugeben und genau zu registrieren. Vieles war vielleicht absolut unwichtig zu erwähnen, weil es ja sowie alle noch wussten.

In dieser Zeit müssen wir dementsprechend einen Auswahlprozess konstatieren. Man konzentrierte sich auf das, was einem besonders wichtig erschien. Vieles überlieferte man nicht und es geriet im Laufe der Zeit in Vergessenheit.

Mit den Jahren änderte sich diese Art und Weise des Umgangs mit dem Traditionsstoff aber. Je weniger Menschen noch greifbar waren, die die Ereignisse miterlebt hatten, je weiter man sich zeitlich vom Geschehen entfernte, desto größer wurde das Interesse, alles, was irgendwie noch greifbar war, festzuhalten. Vom Auswahlprozess des Anfangs ging man nun immer mehr zu einer emsigen Sammlertätigkeit über.

1. Die Grenzen des Gedächtnisses und Gedächtnistechniken

Dabei war dieser Prozess vor allem durch einen Faktor maßgeblich bedingt. Die Fähigkeiten sowie die Grenzen des menschlichen Gedächtnisses.

Sicherlich gab es einmal eine Fülle von Erinnerungen an Jesus, persönlicher und allgemeiner Art. Vieles davon wurde ganz einfach nicht weitergetragen oder aufgezeichnet, weil man es im Laufe der Zeit vergessen hat.

Natürlich mögen die Fähigkeiten, sich Worte und ganze Geschichten zu merken, bei den Menschen damals weit besser ausgeprägt gewesen sein, als das bei uns heute der Fall ist. Durch die Reizüberflutung der heutigen Zeit sind wir gegenüber den Menschen zur Zeit Christi sicherlich reinste Waisenkinder, was das Gedächtnis angeht. Aber auch hier gibt es natürlich Grenzen.

Hinzu kommt, dass sich die Menschen damals gerade bei der mündlichen Weitergabe von Berichten ganz bestimmter Techniken bedienten. Man merkte sich bestimmte Aussprüche, indem man sie ganz einfach nach bestimmten Stichworten sortierte.

Bei manchen Gleichnissammlungen in den Evangelien ist dies heute noch zu spüren. Da werden plötzlich drei, vier Gleichnisse, die etwa mit Licht zu tun haben, nacheinander angeführt. Diese Merktechnik nennt man Stichwortassoziation.

Solch eine Technik war hilfreich, um bestimmte Worte zu tradieren. Aber sie griff natürlich auch in das Überlieferungsgut ein. Sie riss Sprüche aus dem Zusammenhang, gruppierte neu und veränderte damit auch Aussagegehalte.

2. Beispiele von Stoffauswahl

Das Phänomen, von dem ich gerade eben berichtet habe, dass man am Anfang stärker auswählte, mit fortschreitender Zeit aber alles sammelte, was noch greifbar war, lässt sich im heutigen Text der Evangelien übrigens da und dort noch gut erahnen.

  • Die Abschlussbemerkung im markinischen Gleichniskapitel, nämlich in Mk 4,33, deutet eine vollzogene Auswahl an. Es heißt dort:
    "Durch viele solche Gleichnisse verkündete er ihnen das Wort, so wie sie es aufnehmen konnten." (Mk 4,33)
  • Auch Joh 20,30, obwohl in einer gewissen Sprachplerophorie formuliert, könnte noch eine Erinnerung an diese Anfänge aufbewahrt haben. Dort heißt es:
    "Noch viele andere Zeichen, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind, hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan." (Joh 20,30)
  • Auch das Markus-Evangelium an sich, das älteste Evangelium - etwa um das Jahr 70 n. Chr. geschrieben - ist gleichsam eine Auswahl. Es bietet wenig Redestoff. Offensichtlich konzentrierte sich der Verfasser vor allem auf das Geschehen.
  • Umgekehrt haben die Tradenten und die Verfasser der Spruchquelle, die als vorsynoptische Quelle in die Evangelien des Matthäus und Lukas eingegangen ist, - wir werden auf sie noch zu sprechen kommen - auf Erzählstoff weitgehend verzichtet.

3. Beginn der Sammlertätigkeit

Bei Matthäus und Lukas macht sich dann der Trend bemerkbar, Jesusgut, das verlorenzugehen droht, einzusammeln. Dies gilt besonders für Lukas. Er deutet dies in seinem Prolog an, wenn er sagt, dass er "allem von Anfang an sorgfältig nachgegangen" sei (Lk 1,3).

4. Verlorengegangenes Jesusgut

a. Noch vorhandene, nicht neutestamentliche Überlieferungen

Das ändert nichts an der Tatsache, dass ein großer Teil der Überlieferung wirklich verlorengegangen ist. Dass die Evangelien nicht alles aufbewahrt haben, sehen wir schon daran, dass wir manche Überlieferung außerhalb der Evangelien antreffen. Jesusworte, die uns in anderen Zusammenhängen glücklicherweise erhalten geblieben sind, die den Evangelisten aber anscheinend schon nicht mehr zugänglich waren. Man spricht hier von Agrapha, von den sogenannten ungeschriebenen Überlieferungen.

Das bekannteste Beispiel für solch ein außerhalb der Evangelien tradiertes Jesuswort ist vielleicht das von Paulus in Apg 20,35. Hier zitiert er in seiner Rede an die ephesinischen Gemeindevorsteher ein Jesuswort, nämlich:

"Geben ist seliger als nehmen." (Apg 20,35.)

Dieses Jesuswort findet sich in den Evangelien an keiner Stelle.

Bei den Apostolischen Vätern sind kleine Gruppierungen von Herrenworten ausfindig zu machen, die vermuten lassen, dass sie zu deren Zeit noch als eigenständige kleine Traditionen umliefen.

Thomasevangeliums

Ende des Thomasevangeliums
(koptische Handschrift).

Foto-ButtonNag-Hammadi Archiv, Codex II,
page 51
, Originalfoto im Besitz von
"The Claremont Colleges Library"
- Fotograf: Basile Psiroukis,
zugeschnitten von Jörg Sieger

Hier muss man jedoch sehr vorsichtig sein, denn nicht alle diese Erinnerungen sind authentisch. Es kam hier später zu Wucherungen und Fehlentwicklungen, die teils der erzählerischen Phantasie, teils schon damals kursierenden "Irrlehren" entsprangen und zur Ausbildung der apokryphen Evangelien geführt haben.

Das gnostische Tomasevangelium, das 1945/46 in Oberägypten entdeckt wurde, ist hierfür ein besonders sprechendes Beispiel.

b. Sekundäre Texteinträge in neutestamentlichen Texten

Aber auch wenn wir die Handschriften der Evangelien vergleichen, stellen wir fest, dass bestimmte Handschriftenfamilien Überlieferungen enthalten, die in anderen Texten fehlen.

Hier scheint das Phänomen spürbar zu sein, dass einzelne Gemeinden etwa, in denen eine Erinnerung an ein bestimmtes Ereignis noch greifbar war, einen solchen Bericht sekundär an den Text der kanonischen Evangelien angehängt haben. Von dort aus, wurde er dann weiter mit abgeschrieben.

  • Hierzu gehört etwa die Perikope von der Begegnung Jesu mit der Ehebrecherin, die vom Stil her gar nicht in den johanneischen Zusammenhang passt. Sie hat wohl sekundär in Joh 8,1ff Platz gefunden.
  • Oder etwa die kleine Perikope vom Mann, der am Sabbat arbeitete, und die nur in einem einzigen Kodex (Kodex D) und dort anstelle von Lk 6,5 zu lesen ist. Es heißt hier:
    "An demselben Tag sah er einen Mann am Sabbat eine Arbeit tun. Da sagte er zu ihm: Mensch! Wenn Du weißt, was du tust, bist du selig. Wenn du es aber nicht weißt, bist du verflucht und ein Übertreter des Gesetzes."

Sicher ein Beispiel dafür, wie eine irgendwo noch greifbare Tradition nachträglich, zu einer späteren Zeit, in den Text hineingeschrieben wurde.

Weiter-ButtonZurück-Button Anmerkung

1 Vgl.: Joachim Gnilka, Jesus von Nazareth (Herders Theologischer Kommentar zum NT - Supplementband 3) (Freiburg/Basel/Wien 1990) 22-28. Zur Anmerkung Button