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Weckruf - Wegruf

Mit dem Propheten Amos auf dem Weg

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Der Prophet Amos

Die Figur wurde von den Teilnehmern und Teilnehmerinnen der "liturgischen Nacht" vom 13. auf den 14. März 2009 n. Chr. gestaltet.
Sie hat den gesamten Prozess begleitet

Wir befinden uns mit dem Buch Amos in der Zeit Mitte des 8. Jh. v. Chr. Israel ist geteilt in ein Nord- und ein Südreich.

Die alte Königsstadt Jerusalem mit dem Tempel und der Bundeslade befindet sich im Südreich. Daher hat der Herrscher von (Nord-)Israel, König Jerobeam, dafür gesorgt, dass im Nordreich zwei alte Heiligtümer reaktiviert werden: Dan und Bet-El. Sie bilden nun gleichsam Gegenheiligtümer zu Jerusalem.

Kriege, Dürrezeiten, Erdbeben, Heuschreckenschwärme und eine daraus resultierende Hungersnot bringen Not und Elend über das Volk. Gleichzeitig entsteht eine Oberschicht, die immer reicher wird. Sie lebt skrupellos auf Kosten der Armen, die, wenn sie nichts mehr haben, was man pfänden könnte, in die Schuldsklaverei verkauft werden.

Zudem musste sich das kleine Israel immer wieder gegen größere Nachbarn behaupten. Im 9. und 8. Jh. v. Chr. stehen Israel und Juda eigentlich beständig in der Gefahr von den Ägyptern oder Assyrern überrannt zu werden. Als der Prophet Amos auftritt, droht vor allem ein Angriff von Seiten der Assyrer.

Zwei Jahre nach dem Auftreten des Propheten gibt es ein großes Erdbeben in diesem Gebiet.

Danach erschüttern weitere Kriege das Land. In den Jahren 734-732 v. Chr. wird (Nord-) Israel im sogenannten syrisch-ephraimitischen Krieg zum assyrischen Vasallenstaat. Aber auch das Südreich Juda muss sich dem assyrischen König Tiglat-Pileser III. unterwerfen. Darüber berichtet vor allem der Prophet Jesaja.

722 v. Chr. wird (Nord-)Israel dann endgültig von Assur erobert. Das Land wird assyrische Provinz. Dies ist das Ende des Reiches (Nord-)Israel.

Der Eroberungszug der Assyrer ist damit aber noch nicht zu Ende. Im Jahre 701 v. Chr. wird auch Jerusalem, die Hauptstadt des Südreiches, belagert, und Juda wird assyrischer Vasallenstaat. Die Unterdrückung durch die Assyrer endete erst, als das assyrische Weltreich selbst ein Opfer von Eroberungen wurde. Im Jahre 612 v. Chr. fiel seine Hauptstadt Ninive.

Propheten und Prophetinnen gab es übrigens im ganzen alten Orient. Ihr Auftraten war manchmal von Erscheinungen begleitet, die man wohl am ehesten mit Ekstase bezeichnen kann. All diese Mahnerinnen und Mahner sind aber keine Hellseher. Sie sagen nicht zuerst Zukunft voraus. Sie warnen vor der Zukunft, sie sehen, dass das Verhalten der Menschen unweigerlich in einer Katastrophe mündet. Sie sehen Ungerechtigkeit und Abwendung von Gott und ermahnen die Menschen, wieder zum Bund mit Gott zurückzukehren. Als von Gott berufene Rufer und Hörerinnen göttlicher Rede können sie nicht anders, als unbequeme Wahrheiten auszusprechen und an Unrecht zu erinnern, auch wenn die Menschen dies gar nicht hören wollen!

Biblische Propheten sind also berufene Rufer - sie fühlen, dass Gott mit ihnen unmittelbar verkehrt. Der erste, der direkt mit Gott in Kontakt trat und seine Wegweisung empfing, war nach biblischer Überlieferung Mose. Er gilt deshalb auch als erster und bedeutendster Prophet. Er ist das Vorbild des Propheten schlechthin. Nach Mose traten viele Propheten auf. Die wenigsten kennen wir mit Namen.

Der erste Prophet, von dem ein eigenes Buch überliefert wurde, ist der Prophet Amos. Der große Prophet Elija hat ja beispielsweise nichts Schriftliches hinterlassen. Amos ist der erste der sogenannten "Schriftpropheten". Dabei ist sein Buch nicht auf einmal entstanden und auch nicht nur durch ihn. Seine Worte wurden gesammelt und von einem Schülerkreis überliefert und auch fortgeschrieben. Erst als nach dem Untergang des Nordreiches im Jahre 722 v. Chr. überdeutlich geworden war, dass seine Warnungen richtig gewesen sind, wurden sie neu herausgegeben und weiter verbreitet.

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1. Die Entwicklung des Amos-Buches

Bei der Entstehung des Amos-Buches ist mit mehreren Etappen zu rechnen.

1. Da ist zunächst der Prophet, der eine Botschaft Jahwes mündlich überbringt. Dies geschieht etwa um das Jahr 760 v. Chr. Wie lange Amos im Nordreich, in Bet-El und Samaria, an den beiden Heiligtümern des Nordreiches, verkündete, wissen wir nicht. Es können Wochen oder Monate gewesen sein, vielleicht ein ganzes Jahr, länger sicher nicht. Der Auftrag des Amos endete offenbar mit seiner Ausweisung aus dem Nordreich. Danach ist von ihm nichts mehr überliefert.

2. Vielleicht hat Amos aus eigenem Antrieb schon sehr früh, vielleicht aber auch - auf Bitten von Freunden hin - später aufgeschrieben, was er als Gotteswort dem Nordreich auszurichten hatte. Mit einiger Sicherheit können wir seine Visionen und einzelne Sprüche, die Verurteilungen der Fremdvölker und die Anklagen gegen das Nordreich ihm selbst zuschreiben.

3. Aber schon der Er-Bericht über die Auseinandersetzungen zwischen Amos und dem Priester Amazja (Amos 7,9-17) stammt nicht vom Propheten selbst. Hier berichtet deutlich erkennbar ein anderer. Die Wissenschaft geht davon aus, dass es Menschen um Amos gab, die ein Interesse daran hatten, dass seine Botschaft nicht vergessen wurde. Diese sog. "Amos-Schule" hat vermutlich den Bericht über die Ausweisung des Propheten eingefügt. Es fällt auf, wie stark in diesem Prophetenbuch betont wird, dass die Reichen ihren Profit durch betrügerische Geschäftspraktiken mehrten und das Ende des Sabbats - und damit das Ende des Verkaufsverbotes - kaum abwarten konnten. Vielleicht ist dieser Blick auf den Handel unter den Vorzeichen der sozialen Gerechtigkeit schon von Amos formuliert worden (Amos 8,4-7) -Wenn nicht von ihm selbst, dann aber ganz sicher bald nach ihm durch solche Schüler. Die Tätigkeit dieser Amos-Schule muss in die Zeit von 760 bis etwa 735 v. Chr. angesetzt werden.

4. Im Jahr 722 v. Chr., also rund 40 Jahre nach dem Auftreten des Propheten, wurde das Nordreich von den Assyrern erobert. Breite Bevölkerungsschichten aus den besiegten Gebieten, allen voran die Oberschicht, wurden durch Massendeportationen in die verschiedenen assyrischen Provinzen verschleppt. Im Gegenzug siedelten die Eroberer Menschen aus dem assyrischen Kernland in Nordisrael an. Die Verschleppten vermischten sich mit der einheimischen Bevölkerung - Nordisrael hatte aufgehört zu existieren. In dieser Situation erinnerten sich Menschen wieder an die Botschaft des Amos. War das nicht das Gericht Jahwes, das Amos Nordisrael im Auftrag Jahwes angekündigt hatte? Nun bestätigten sich also die Worte, die Amos 40 Jahre zuvor gesprochen hatte! Für die Leute, die das Prophetenbuch in Ehren hielten, war damit klarer als zuvor, dass Amos tatsächlich ein "wahrer" Prophet war. Diese Erfahrung war mit einiger Sicherheit ein weiterer Anlass für die Menschen, die das Amos-Buch kannten, es nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

5. Assur machte vor dem Südreich nicht Halt. Aber die Könige des Südreiches waren klug genug, den Assyrern Tribut zu zahlen, so dass dem Südreich Juda nichts weiter passierte. Um 622 v. Chr. war die Macht Assurs aber gebrochen. Assur hatte kaum noch Kraft, die Randprovinzen unter Kontrolle zu halten. Aber sowohl im Gebiet des ehemaligen Nordreiches Israel als auch im noch existierenden Südreich Juda war nach 100 Jahren assyrischer Herrschaft natürlich assyrische Kultur und assyrische Religion eingedrungen. Der Jahweglaube war durchsetzt mit dem Glauben an assyrische Götter. Der König des Südreichs, Joschija, versuchte nun die Schwäche Assurs auszunutzen. Er dehnte seinen Machtbereich nach Norden aus. Gleichzeitig führte er in seinem ganzen Territorium eine Reform des Jahweglaubens durch. Im Zuge dieser Reform zerstörte Joschija auch das Heiligtum in Bet-El. Dort stand seit etwa 300 Jahren die Statue eines Stiers im Tempel. Eigentlich sollte dieser Stier nur der Thron für Jahwe sein. Das Volk jedoch verwechselte den Thron mit Gott selbst. Als Joschija das Heiligtum in Bet-El zerstören ließ, mussten die Menschen ganz sicher an die Worte des Propheten Amos denken, deren schriftliche Sammlung ja bereits vorlag - wenn auch nicht in heutiger Form. Hatte nicht Amos die Zerstörung Samarias angekündigt? War nicht die Zerstörung des Heiligtums in Bet-El die konsequente Fortführung der von Jahwe angekündigten Bestrafung des Nordreichs? War nicht Joschija, der König des Südreichs, der Vollstrecker des Jahwe-Willens? - Jetzt, 140 Jahre nach dem Auftreten des Propheten, diente seine Person gleichsam zur Legitimation der joschijanischen Reform. Um dies ausdrücklich zu machen, wurde wohl jetzt auch in das Amosbuch die Prophezeiung eingefügt, dass der Altar in Bet-El zerstört werden wird. So konkret dürfte Amos selbst das noch nicht gesagt haben. Dieses Wort ist so etwas wie die Fortschreibung der Amosbotschaft für die Zeit des Königs Joschija.

6. Im Jahre 587 v. Chr. wurde das Südreich von den Babyloniern, die inzwischen die Assyrer als Weltmacht beerbt hatten, vernichtet. Auch hier wurden große Bevölkerungsteile deportiert. Und wieder haben Menschen sich das Amos-Buch vorgenommen. Sein Buch wurde weiter aktualisiert. Die Stellen, die davon sprechen, dass nicht nur das Nordreich, sondern auch das Südreich dem Gericht Gottes verfallen war, wurden vermutlich jetzt formuliert, um die Bedeutung des Buches für die Gegenwart zu verdeutlichen. So wurden insbesondere die Sprüche des Amos gegen die Fremdvölker und gegen das Nordreich ergänzt um die Sprüche gegen Juda, also gegen das Südreich.

7. Das babylonische Weltreich war ebenfalls nicht von Dauer. Mit seinem Ende kam auch das Ende der babylonischen Gefangenschaft der deportierten Juden. Der Perserkönig Kyros, der die Babylonier als Weltmacht beerbt hatte, ermöglichte den exilierten Juden die Heimkehr nach Jerusalem. In dieser Zeit wurde das Buch des Propheten Amos noch einmal auf neue Art und Weise gelesen. Das Gericht war vorüber, eine neue Zeit des Heiles lag vor den Menschen. Vermutlich wurde in diesen Jahren das Prophetenbuch um die Stellen erweitert, die künftiges Heil verheißen.

All dies macht das Verständnis des Amosbuches nicht leichter. Stammt es jetzt von Amos oder nicht? Wenn es doch weitergeschrieben wurde und immer neu etwas hinzugefügt worden ist, kann es dann für sich beanspruchen, wirklich ein Prophetenbuch zu sein - vor allem, wenn "Prophezeiungen" erst formuliert wurden, als das "Prophezeite" schon eingetreten war? Wenn wir hier nicht gleich von Betrug sprechen, dann kann man den Vorgang der Entstehung weiter Teile des Amosbuches höchstens als "Schreiben unter einem Pseudonym" bezeichnen. In Israel und im gesamten Altertum war dieses anonyme Fortschreiben eines Buches allerdings eine Selbstverständlichkeit. Der Umgang mit Büchern, die ja nicht gedruckt, sondern immer wieder aufs Neue abgeschrieben wurden, war weit weniger "statisch" als heute. Ein Autor einer neuen Epoche stellte sich einfach "unter die Autorität" des ursprünglichen Verfassers. Er schrieb das, was der eigentliche Autor sagen wollte, einfach in die Gegenwart hinein fort. Immer wenn ein gravierendes Ereignis passierte - wie die Reform des Jahweglaubens unter Joschija oder die Einnahme und Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier oder die Heimkehr der Gefangenen aus der babylonischen Gefangenschaft unter den Persern - immer dann entdeckten Menschen Neues in der Prophetenbotschaft und brachten es für ihre jeweilige Gegenwart ins Wort, schrieben es in den alten Text hinein - letztlich Zeichen für einen lebendigen Umgang mit der Botschaft des Amos.

2. Der Prophet Amos

Amos war Hirte in Tekoa an der Grenze der Wüste Juda (Amos 1,1). Dabei legt er Wert darauf, dass er keiner "Prophetengilde" angehörte, also nicht Schüler eines anderen Propheten war:

"Ich war weder ein Prophet noch ein Prophetenjünger, sondern ein Hirte und Maulbeerfeigenzüchter." (Amos 7,14)

Von der Herde weg fühlte er sich plötzlich von Jahwe ergriffen und ausgesandt, um in Israel als Prophet aufzutreten (Amos 7,14-15). Sein Wirkungsort war allerdings nicht seine Heimat, das Südreich, sondern das Nordreich Israel und zwar hauptsächlich das Heiligtum von Bet-El, das ja in Konkurrenz zum Tempel in Jerusalem stand (Amos 7,10-11; vgl. Amos 3,9; 4,1; 6,1). Schon nach kurzer Zeit wurde er aber aus Israel ausgewiesen. Danach verliert sich seine Spur völlig. Vermutlich trat er nicht mehr als Prophet auf, sondern kehrte zu seiner früheren Tätigkeit zurück.

Amos predigte während der Regierungszeit Jerobeams II., der von etwa 783 bis 743 v. Chr. (Nord-)Israel regierte. Dies war eine glanzvolle Epoche, in der sich das Nordreich ausdehnen konnte und relativ reich wurde. Wie immer in solchen Zeiten klaffte die soziale Schere allerdings sehr weit auseinander. Dem Luxus einiger weniger stand das Elend der verarmten Volksschichten gegenüber. Die Gottesdienste wurden zwar immer prachtvoller gestaltet, brachten aber in immer stärkerem Maße die Gefahr einer veräußerlichten Religion mit sich. Auf diesem Hintergrund ist die massive Kritik des Propheten Amos zu sehen.

3. Das Prophetentum als religionsgeschichtliches Phänomen

In verschieden starkem Maße und unter wechselnden Formen kannten alle großen Religionen des Altertums Menschen, die von einer Gottheit ergriffen waren und mit dem Anspruch auftraten, im Namen ihres Gottes zu sprechen. Besonders im alten Orient war das Wesen des Prophetentums sehr weit verbreitet. So hat man am Palast von Mari (am Euphrat) Texte aus dem 18. Jh. v. Chr. gefunden, die von prophetischem Wirken handeln. 1967 fand man an einem Palast im jordanischen der'Alla ein Zeugnis eines Sehers, der den Namen Bileam trägt. Möglicherweise ist es der gleiche Bileam, der uns auch in biblischen Texten begegnet. Auch aus der königlichen Bibliothek von Ninive gibt es Zeugnisse von prophetischer Tätigkeit. Interessant ist auch ein auf eine Tonscherbe geschriebenes Dokument aus der judäischen Stadt Lachisch, auf dem ein Propheten die Mahnung "Sei vorsichtig" hinterlassen hat.

Ausführlicher ist sogar das Zeugnis der Bibel selbst. Dort wird über die vierhundertfünfzig Baalspropheten berichtet, die die phönizische Prinzessin Isebel, die Gattin des israelischen Königs Ahab aus ihrer Heimat Tyrus mitgebracht hatte.

Unser Wort "Prophet" gibt nachweislich seit dem 5. Jh. v. Chr. Es wird für Frauen und Männer verwendet, die Inhalte und Weisungen verkündeten, die sie von einem Gott empfangen haben. Das Wort selbst stammt aus dem Griechischen (prophánai) und bedeutet "vorhersagen" oder "verkündigen". Damit trifft der Bedeutungsgehalt des Wortes nicht ganz das, was einen biblischen Propheten ausmacht.

4. Das Wesen des Prophetentums

Propheten waren keine Hellseher oder Verkündiger zukünftiger Ereignisse. Angetrieben durch die Ansprache Gottes warnten sie die Menschen. Sie wussten um die Auswirkungen des Handelns in der Gegenwart auf die Gestaltung der Zukunft. Daher waren die Aussagen der Propheten stets gegenwartsbezogen. Sie erkannten, dass ein konkret erlebtes Verhalten der Menschen in der Gegenwart unweigerlich in einer Katastrophe mündet. In der Ungerechtigkeit und in der Abwendung von Gott sahen sie die Ursache und ermahnten die Menschen, wieder zum Bund mit Gott zurückzukehren.

Am besten wird dieses Wesen des Propheten deutlich, wenn man die biblische Bezeichnung betrachtet. Das hebräische Wort "nabi" [sprich: "nawih"] übersetzt man am besten mit "berufener Rufer". Der israelitische Prophet war einer, der ruft, der verkündet. Er ist aber gleichzeitig auch jemand, der berufen ist, dies zu tun.

Durch die Berufung zum Propheten waren ihr Handeln und dadurch auch ihr Lebensweg klar vorgezeichnet. Sie waren gezwungen eine Option zu treffen und Partei zu nehmen. Prophetische Kritik legte immer den Finger in die Wunden, die in der Gefahr standen, zugedeckt und übersehen zu werden. Da sie dadurch grundsätzlich in Opposition zu den Mächtigen der Zeit gerieten, mussten sie im Fall der Ablehnung ihrer "Botschaft" damit rechnen, selbst verfolgt, gegebenenfalls sogar getötet zu werden. Im besten Fall drohte ihnen der "soziale Tod", indem sie von der Gemeinschaft isoliert wurden.

Den Propheten ging es nie in erster Linie um die Zukunft. Sie sprechen zwar oft von einer von Gott verheißenen besseren Zukunft, ihr eigentliches Interesse gilt aber der Gegenwart. Im Hier und Jetzt werden die Weichen für die Zukunft gestellt, heute gilt es die richtigen Schritte zu unternehmen und sich auf Gottes Weisung zu besinnen.

Da es Gott immer um die Menschen und deren Wohl ging, wurden Propheten, indem sie die sozialen Missstände erkannten und die Ursachen anklagten, zu deutlichen Sozialkritikern ihrer Zeit. Sie standen immer auf der Seite derer, die keine Stimme hatten: auf der Seite der Unterdrückten und Benachteiligten, für die sie Recht und Gerechtigkeit durchsetzen wollten.

Dass Amos der erste Schriftprophet ist, hängt stark mit den Ereignissen ab der Mitte des 8. Jh. v. Chr. und vor allem des beginnenden 6. Jh. v. Chr. zusammen. Der Untergang des Nordreiches, die Deportation der Menschen des Südreiches und die Vernichtung des Tempels von Jerusalem sorgten dafür, dass die zuerst von Schülern gesammelten Prophetenworte in eigenen Büchern herausgegeben und im Lichte der Ereignisse neu gelesen wurden. Sie wurden Verstehens- und Deutungshilfen für all diese schrecklichen Ereignisse.

Zusammenfassend kann man sagen, dass in Israel offenbar folgende Grundvorstellung von Prophetinnen und Propheten vorherrschend war:

Der Prophet ist ein Mensch,

Dieses Bild des Propheten unterscheidet sich von der Gesamterscheinung des Prophetentums in der Umwelt Israels. So verstanden, ist das Prophetentum etwas, was Israel eigen ist.

5. Die Botschaft der biblischen Propheten

Nach unserem Verständnis ist der Prophet jemand, der etwas Zukünftiges vorhersagt, ein Ereignis der Zukunft voraussagt. In diesem Sinne hat sich auch unser Wort "prophezeien" entwickelt. Doch der Inhalt der prophetischen Botschaft ist weit vielschichtiger. Die Botschaft des Propheten betrifft zwar auch die Zukunft. Sie geht aber immer zuerst von der Gegenwart aus. Der Prophet fühlte sich nämlich zuallererst immer zu seinen Zeitgenossen gesandt. Ihnen überbrachte er den Gotteswillen, der für den jetzigen Augenblick Bedeutung hatte. Er wollte eine Veränderung im Heute bewirken.

Dabei waren die Adressaten der prophetischen Botschaft ganz selten eine Einzelperson. Der Ruf eines Propheten richtete sich grundsätzlich an größere Einheiten. Das waren in erster Linie soziale, gesellschaftliche oder politische Gruppen. Und selbst wenn der Adressat eines Propheten einmal eine Einzelperson war, der König etwa, dann stand sie - zum Beispiel als Repräsentant des Volkes - meist in einem größeren Zusammenhang (Jeremia 20,6 oder Amos 7,17).

Bestrafung und Erbarmen

Die prophetische Botschaft zeigt ein doppeltes Gesicht. So heißt es bei der Berufung des Jeremia, dass er gesandt wird, "um auszurotten und niederzureißen" gleichzeitig aber "um aufzubauen und zu pflanzen" (Jeremia 1,10). Dies ist etwas Typisches für die Propheten überhaupt. Die Botschaft der Propheten ist einerseits Unheil androhend, auf der anderen Seite aber Heil verheißend.

Unheilsandrohungen

So finden wir häufig sehr harte Prophetensprüche, voller Drohungen und Vorwürfe. Angesichts all dessen, was dem Heilsplan Gottes im Wege zu stehen scheint, packt den wahren Propheten das Grauen. Manchmal kann daher solch eine Härte geradezu als Kennzeichen echter Prophetie erscheinen. Jeremia weist vor dem König beispielsweise darauf hin, dass alle Propheten vor ihm Hunger und Pest prophezeit haben. Er soll sich daher vor den Propheten hüten, die jetzt Frieden vorhersagen (Jeremia 28,8-9, vgl. Jeremia 26,16-19; 1 Könige 22,8).

Heilsverheißungen

Dennoch fehlen bei den Propheten niemals Ausblicke auf das Heil. Das so genannte Trostbuch Israels in Jesaja 40-55, das die Rückkehr aus dem Babylonischen Exil verheißt, ist geradezu einer der Höhepunkte der Prophetie. Selbst den ältesten Propheten kann man nicht absprechen, dass auch sie eine Freudenbotschaft verkündet haben. Solch eine Freudenbotschaft findet sich beispielsweise auch in Amos 9,8.15, wo Amos einen Ausblick auf Erneuerung und paradiesische Fruchtbarkeit bietet, auch wenn die Authentizität dieser Stelle umstritten ist.

Schwierig war es für die Menschen dieser Zeit, zu erkennen, welchen Propheten sie vertrauen konnten. Die Kriterien zum Erkennen eines wahren oder falschen Propheten wurden im offiziellen Gesetzbuch geregelt und wurden vom Tempel aus überwacht. Das Prophetentum war also gleichsam eine anerkannte Institution des israelitischen Glaubens. So werden die Propheten manchmal auch ausdrücklich neben den Priestern genannt (Jeremia 8,1; 23,11; 26,7-8 usw.; Sacharja 7,3 usw.).

7. Die prophetische Bewegung bis zu den Schriftpropheten im Überblick

Werfen wir vor diesem Hintergrund noch einen kurzen Blick auf die prophetische Bewegung in Israel. Die Bibel stellt Moses an die Spitze der Prophetenreihe (Deuteronomium (= 5. Buch Mose) 18,15. 18). Er wird sogar als der Größte von allen Propheten bezeichnet (Numeri (= 4. Buch Mose) 12,6-8; Deuteronomium (= 5. Buch Mose) 34,10-12). Mose war es schließlich, der Jahwe von Angesicht zu Angesicht geschaut, mit ihm von Mund zu Mund gesprochen und sein Gesetz dem Volke übergeben hat.

Am besten sind wir naturgemäß über diejenigen Propheten unterrichtet, die uns in den nach ihnen benannten biblischen Büchern begegnen.

Die Propheten, denen im Kanon der Bibel ein Buch zugewiesen wird, heißen gewöhnlich "Schriftpropheten". Nach dem, was über das Prophetenamt gesagt wurde, zeigt sich jedoch, dass diese Bezeichnung ungenau ist. Der Prophet ist kein Schreibender, er ist in höchstem Maße ein Redender, ein Prediger. Die prophetische Botschaft wurde zuerst gesprochen. Wir müssen uns daher darüber im Klaren sein, dass diese Prophetenbücher in der Form, in der sie uns heute vorliegen, in der Regel nicht von den Propheten selber stammen. Schon die Abschnitte in der dritten Person weisen auf einen anderen Verfasser als den jeweiligen Propheten selbst hin.

Vielleicht haben die Propheten einen Teil ihrer Sprüche - hier werden häufig vor allem die vielfach vorliegenden "Ich"-Berichte genannt - selbst aufgeschrieben oder zumindest diktiert. Ein Teil ihres Erbes wurde ganz sicher einfach durch mündliche Weitergabe in der Umgebung des Propheten überliefert. Ein Beispiel dafür ist wohl schon der Bericht über die Auseinandersetzung zwischen Amos und Amazja (Amos 7,10-17).

Die so entstandenen Propheten-Schriften wurden gelesen und meditiert, sie trugen dazu bei, dass die religiösen Strömungen, die von den Propheten ausgingen, weiterlebten: In den frommen Kreisen, die hieraus Nahrung für ihren Glauben und ihre Frömmigkeit schöpften, blieben die Bücher der Propheten etwas Lebendiges.

Die geistigen Erben der Propheten waren, wenn sie solches taten, durchaus überzeugt, den Schatz, den sie von diesen Prophetenpersönlichkeiten erhalten hatten, zu bewahren. Sie wollten aber bewahren, indem sie diese alte Tradition Frucht bringen ließen.

Wann wirkten die sogenannten Schriftpropheten?

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