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Weckruf - Wegruf

Mit dem Propheten Amos auf dem Weg

Tagebuch des Amos-Prozesses

Weiter-Button Zurück-Button Vom Sturz aller Täter und vom Aufstand aller Opfer

10. Juli 2009 - 18:02 Uhr

Impressionen von der Kleingruppe

Eine Kleingruppe hat am 4. Amos-Abend das Gedicht "Advent" von Lisianne Enderli betrachtet. Dort ist davon die Rede, dass jede von uns Prophetin ist, ausgespannt zwischen Himmel und Erde, in den Händen Licht und Wahrheit haltend.

Diese hoffnungsvolle Prophetinnenperspektive wird vor einer dunkleren Folie ausgebreitet. Prophetinnen sind Menschen, die den Traum vom Sturz aller Täter und vom Aufstand aller Opfer zu Freundschaft und Lebenslust singen. Sie erzählen von Unrecht und Schmerz und sie künden vom kommenden Leben, das
"leise
unaufhaltsam
unter uns Gestalt annimmt".

Zuerst wandte das Gespräch sich den hoffnungsvollen Bildern zu, die Menschen ermächtigen, den Traum von Licht und Wahrheit zu singen und zu erzählen. Schwerer fiel es uns, uns dem Inhalt der Prophetinnenbotschaft zuzuwenden. Täter müssen zuallererst gestürzt werden. Zuallererst ist von Unrecht und Schmerz zu sprechen. Der Wunsch, dass Täter Vergebung finden mögen, gewann zunächst im Gespräch die Oberhand. Auch der Hinweis fehlte nicht, dass Täter nicht selten zuvor Opfer waren.

Erst langsam konnten wir wahrnehmen, dass unsere Beschäftigung mit der Erlösung der Täter unserem Harmoniebedürfnis entspringt und dass wir Gefahr laufen, über der Beschäftigung mit den Tätern die Frage nach dem Leid der Opfer vergessen zu machen. Wer – wie Amos – Unrecht beim Namen nennt, riskiert noch immer, das Harmoniebedürfnis zu stören und sich unbeliebt zu machen.

Die Frage, ob wir uns und anderen Menschen erlauben, von erlittenem Unrecht und von Schmerz zu erzählen, blieb offen. Benannt wurde die permanente Versuchung, Unrechts- und Leiderfahrungen mit Rat-"Schlägen" begegnen zu wollen – wo Menschen doch so oft nur mit einem offenen Ohr zu helfen ist, damit sie ihre Wahrheit einem anderen Menschen sagen können.

Zuletzt wandten wir den Blick dem Titel des Gedichtes zu: "Advent" – Ankunft. Noch müssen wir auf die Gerechtigkeit warten – aber wir müssen es nicht tatenlos tun. Wir können an unserem Ort mithelfen, dass Unrecht benannt und Schmerz erzählt werden darf.

(Erika Kerstner)

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