Die Bibel

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Weiter-ButtonZurück-Button Die "kleine Jesaja-Apokalypse" (Jes 34-35) ⋅1⋅

Schauen wir noch ein paar weitere Texte an, die für die Entwicklung der Zukunftserwartung Israels wichtig waren. Einer davon ist die sogenannte "kleine Jesaja-Apokalypse" in Jes 34-35, ein Text, der wiederum erst in der Nachexilszeit in die Jesaja-Überlieferung eingeschoben wurde, also nicht vom Propheten selbst stammt. ⋅2⋅

Dem Inhalt nach wird hier zunächst einmal ein furchtbares zukünftiges Strafgericht über Edom geschildert.

Edom war, wie wir ja aus dem Buch des Propheten Obadja oder auch aus Ez 25,12 wissen, der Hauptfeind Israels im 6. Jahrhundert v. Chr. Das ganze südliche Land bis über Hebron hinaus hatte Edom okkupiert.

Doch geht es in Jes 34-35 nicht einfach darum, die endgültige Niederlage des größten Feindes Israels zu schildern. Jes 34,2 macht deutlich, dass es im Grunde um etwas ganz anderes geht:

"Denn der Grimm Jahwes gilt allen Völkern, sein Zorn all ihren Heeren; er hat sie gebannt und zur Schlachtung bestimmt." (Jes 34,2.)

Es geht also um alle Völker. Wenn Jes 34 demnach von Edom spricht, dann wird dieses Volk stellvertretend für alle Völker genannt, die sich als jahwe- und israelfeindliche Mächte erweisen. Am Ende wird Gott also alle ihm feindlichen Mächte vernichten.

Wegen dieses Inhalts nennt man Jes 34-35 auch "Apokalypse" obwohl der Text von der Form her überhaupt nicht zu dieser Literaturgattung zu zählen ist.

Nach dieser Ankündigung der Vernichtung der jahwefeindlichen Mächte fährt der Text nun in Jes 35 fort, eine Heimkehr zu verheißen:

"... die Befreiten Jahwes kehren heim. Mit Jauchzen kommen sie nach Zion, und ewige Freude ist auf ihrem Haupt. Sie erlangen Freude und Wonne; es fliehen Kummer und Seufzen." (Jes 35,10)

En Gedi

En Gedi.

Foto-Button© Katholisches Bibelwerk Linz, Kapuzinerstr. 84, A-4020 Linz

Dieser Text zielt na­tür­lich zunächst auf die­je­nigen, die nach 500 v. Chr., also nach der Rückkehr aus dem baby­lonischen Exil, in der welt­weiten jüdischen Dia­spora verblieben sind. Ihnen wird eine sichere Heimkehr ver­heißen. Der Text weist aber weit über eine rein historische Heimkehr von Dia­sporajuden nach Palästina hinaus. Er hat - wie auch bereits Jes 34 - endzeitlichen Charakter.

Hier wird eine end­gül­tige, escha­tologische Heimkehr in eine paradiesisch blühende Heimat verheißen. Durch diese letztgültige Heimführung wird sich der Bundesgott in unüberbietbarer Weise als "Löser" und "Erlöser" seines Volkes erweisen.

"Dann öffnen sich die Augen der Blinden und tun sich die Ohren der Tauben auf. Dann springt der Lahme wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen jubelt. Denn in der Wüste brechen Wasser hervor und Ströme in der Steppe. Der dürre Boden wird zum See und das lechzende Land zu Wasserquellen." (Jes 35,5-7a.)

Genau diese Stelle greift dann Mt 11,5 auf. Das Evangelium will damit deutlich machen, dass mit Jesus diese endgültige Heilszeit bereits angebrochen ist. Wir leben also bereits in dieser angebrochenen Zeit des Heiles, auch wenn deren volle Entfaltung selbstverständlich noch aussteht.

Weiter-ButtonZurück-Button Anmerkungen

1 Vgl.: Alfons Deissler, Was wird am Ende der Tage geschehen? - Biblische Visionen der Zukunft (Freiburg 1991) 67-68. Zur Anmerkung Button

2 Die Bezeichnung "Apokalypse" ist nicht ganz zutreffend. Jes 34-35 sind nur dem Inhalt nach, nicht der Form als Apokalypse zu bezeichnen.
(Vgl.: Alfons Deissler, Was wird am Ende der Tage geschehen? - Biblische Visionen der Zukunft (Freiburg 1991) 67.) Zur Anmerkung Button