Interkulturelle Kompetenz

Herausforderung für unsere Gesellschaft


Weiter-Button Zurück-Button Blick- und Körperkontakt

Kommunikation läuft eigentlich zum kleinsten Teil über Worte. Jeder und jede weiß, wie Tonfall oder Lautstärke darüber entscheiden, in welcher Weise ich das gesprochene Wort aufnehme. Hinzu kommen aber auch eine Fülle von begleitenden Faktoren, die Kommunikation zwischen Menschen beeinflussen, obgleich sie zunächst einmal gar nichts mit Sprache zu tun haben. Hierzu gehören etwa die Mimik oder Gesten. Gerade diese Faktoren sind in ihrer Bedeutung häufig sehr stark kulturell geprägt. Und nicht selten sind sie Quelle von Missverständnissen, selbst wenn man sich der gleichen Sprache bedient und die verwendeten Vokabeln allen Beteiligten vertraut sind.

"Ich erwarte, dass der mich anschaut!"

Menschen aus unserem Kulturkreis fällt zum Beispiel häufig unan­genehm auf, dass sie, wenn etwa syrische Flüchtlinge mit ihnen sprechen, nicht ange­schaut werden. Ganz oft wird dies als Respekt­losigkeit gewertet. Im­mer wieder wird von Helferinnen oder Helfern in der Flüchtlingsarbeit angemerkt, ihre Gesprächspartner sollen ihnen gefälligst in die Augen blicken, wenn sie mit ihnen sprechen - auch wenn das in den Herkunftsländern nicht üblich sei. Bei uns gehöre sich das aber und demnach hätten sich die Fremden auch entsprechend anzupassen.

Frauen vermuten darüber hinaus nicht selten, wenn sie während einer Unterhaltung mit einem geflüchteten Mann nicht angeschaut werden, dass hier jemand seiner Geringschätzung von Frauen Ausdruck verleihen würde. Sie fühlen sich herabgesetzt und als Gegenüber nicht wirklich ernst genommen. Dies aber ist ein klassisches Missverständnis und wäre völlig überinterpretiert.

In aller Regel ist es keine bewusste Entscheidung, ob wir beim Sprechen jemandem in die Augen blicken oder nicht. Wir handeln da einfach, ohne groß zu überlegen, aus Gewohnheit. Von Kindheit an ist uns die Art und Weise zu kommunizieren vertraut. Ob wir auf diese oder jene Art miteinander in Kontakt treten, ist ein Teil unserer Erziehung, unserer Prägung - eine kulturelle Eigenheit.

Das bedeutet aber auch, dass ich hier nicht einfach gleichsam einen Schalter umlegen und die Dinge von heute auf morgen anders praktizieren kann. Auch wir hätten in einem anderen Kulturkreis große Mühe, von einem Tag auf den anderen unseren Umgang mit Blickkontakt zu verändern.

Elena S. erzählt

Wie schwierig es ist und welche Mühen es bedeutet, habe ich erstmals wirklich realisiert, als mir Elena S. ihre Geschichte mit dem "Blickkontakt" erzählt hat. Sie ist in Kasachstan aufgewachsen und musste bzw. wollte nach ihrer Ankunft in Deutschland ihre Art und Weise der Kommunikation verändern. Es hat ihr anfangs beinahe körperliche Schmerzen bereitet, entgegen ihrer Erziehung und ihrer langjährigen Gewohnheit, anderen plötzlich direkt in die Augen sehen zu sollen. Aber lassen wir sie hier selbst zu Wort kommen:

"Ich heiße Elena und lebe seit 21 Jahren in Deutschland.

Ich war fast 20 bei meiner Einreise, konnte kein Deutsch und war zum ersten Mal in Europa - zum ersten Mal in einem anderen Land, wo die Menschen nicht nur eine andere Sprache sprechen, sondern auch in vielen anderen Dingen anders sind.

'Wir sind morgen Abend beim Georg eingeladen. Ganz zwanglos: er, wir und noch eine Frau', sagte mein Mann eines Abends, als ich gerade mal ein oder zwei Monate in Deutschland war. Ich verstand kein Wort Deutsch und konnte mich nicht unterhalten, aber damit rechnet man doch, wenn man auswandert. Außerdem muss man irgendwann mal unter die Leute. 'Das wird schon, Du bist nicht die Erste in so einer Situation und wie soll man sonst die Sprache lernen?' dachte ich. Georg war ein Sozialarbeiter, der den Neuankömmlingen bei vielen Fragen freundlich und geduldig helfend zur Seite stand.

Am nächsten Abend, kurz bevor wir die Wohnung verließen, sagte mein Mann einen für mich damals sehr seltsamen Satz: 'Schatz, beim Prosten schau deinem Gegenüber in die Augen, auch dem Georg.' Komisch, wo gucke ich denn sonst hin? Verstehe ich nicht, aber in Ordnung.

Ich werde diesen Moment nie vergessen. Später am Tisch, als wir unsere Gläser erhoben haben und ich etwas übertrieben, weil ich ja extra darauf achten musste, zum Georg hin geschaut habe, direkt in seine Augen... War das schlimm! Es war einfach zu viel! Zu viel Nähe vor allem. Ich hab mich einerseits fast ausgeliefert gefühlt, irgendwie nackt und schutzlos, andererseits verspürte ich starke Aggression und Wut in mir aufsteigen. Das war ein richtiger Sturm von Gefühlen und Emotionen in extrem kurzer Zeitspanne. Gut, dass Georg aufgrund seiner Erfahrung Bescheid wusste und seinen Blick recht schnell abwandte. Bis dahin war mir nämlich nicht bewusst, dass ich das, was in Deutschland 'Blickkontakt halten' heißt, einfach nicht ertragen kann.

In meinem Heimatland schaut man sich selten so direkt in die Augen. Entweder, wenn man innig verliebt ist oder wenn man jemanden dominieren, bedrohen, seine überlegene Stellung demonstrieren will. In beiden Fällen geht es um Nähe. Man dringt in fremden Privatraum ein. Ist man verliebt, teilt man diesen sehr privaten, intimen Raum mit der anderen Person. Will man seine Macht demonstrieren, verletzt man die Grenze mit Absicht und fordert den anderen heraus. Im Scherz sage ich: 'Denken Sie an die Russenmafia. Die einzige Person im Raum, die jeden direkt anschaut, ohne die Augen abzuwenden oder den Boden anzustarren, ist immer der Boss.'

In Deutschland oder in Europa wird fester Augenkontakt aber geschätzt. Mehr sogar. Bei Vorstellungsgesprächen oder anderen wichtigen Terminen legt man ausdrücklich Wert auf die Fähigkeit, einem Fremden offen und freundlich, dabei aber selbstsicher und entspannt in die Augen sehen zu können. Wenn man etwas nicht kann, lernt man das. Man kann das lernen. Ich habe es gelernt. Obwohl es mir von Zeit zu Zeit immer noch schwer fällt. Vor allem dann, wenn ich spüre, dass der andere Mensch mehr Distanz um sich haben möchte. Fingerspitzengefühl ist und bleibt immer wichtig.

Doch wenn ich meine Familie in der alten Heimat besuche, merke ich mit jedem Jahr stärker, dass mir genau dieser Augenkontakt fehlt. Meine Mama und meinen Bruder spreche ich dann auch sofort an, mit der Bitte, mir beim Gespräch öfters mal in die Augen zu schauen. Jetzt lernen wir das zu dritt."

Dieser Bericht macht deutlich, wie tief verwurzelt solche Prägungen sind und wie illusorisch die Vorstellung ist, man könne sie von heute auf Morgen ändern. Andererseits macht sie ebenfalls klar, dass es sich hier nicht um angeborene Verhaltensweisen handelt. Mittlerweile hat sich Elena S. so sehr an eine andere kulturelle Gepflogenheiten gewöhnt und dieselben sich so zu eigen gemacht, dass sie den Augenkontakt beim Besuch in der alten Heimat vermisst.

Zudem wird deutlich, welch unterschiedliche Empfindungen mit Augenkontakt verbunden sein können. Während er bei uns etwa als Zeichen der Wertschätzung und des Respektes einem Gesprächspartner bzw. einer Gesprächspartnerin gegenüber verstanden wird, gilt er in Russland als Ausdruck von Aggression bzw. Dominanz und als Eindringen in den Intimbereich eines anderen.

Erfahrungen einer Schülerin

Mit Eindringen in den Intimbereich hat auch die Erfahrung einer Schülerin mit ihren türkischstämmigen Klassenkameraden zu tun. Sie berichtete davon, dass sie immer wieder gute Gespräche mit Mitschülern hatte, deren Wurzeln in der Türkei lagen. Fast immer hätten ihre Gesprächspartner aber nach wenigen Minuten damit begonnen, Anzüglichkeiten oder zotige Ausdrücke zu verwenden. Eine türkischstämmige Mitschülerin hat sie, nachdem sie derselben die Sache geschildert hatte, daraufhin gefragt: "Ja schaust Du denen etwa in die Augen? In die Augen zu schauen, ist Anmache. Das bedeutet: Du willst was von denen!" Darauf habe sie den Blickkontakt vermieden und nie mehr entsprechende Reaktionen erhalten.

Ganz offenbar hat in vielen Kulturkreisen Blickkontakt vor allem eine sexuelle Konnotation. Es ist dieses Eindringen in den Intimbereich, von dem auch Elena S. gesprochen hat. Das heißt nicht, dass das Verhalten von Menschen, die in unseren Breiten Augenkontakt als sexuelle Aufforderung und Anmache verstehen, tolerabel oder entschuldbar sei und Frauen sich so etwas gefallen lassen müssten. Es bedeutet nur, dass die Ursache solch eines Fehlverhaltens - gerade bei Menschen, die sich noch nicht lange hier aufhalten -, ganz einfach in einem Missverständnis aufgrund anderer kultureller Prägung begründet sein kann.

Ein 'gordischer Knoten' voller Missverständnisse

Auch ein Syrer, mit dem ich sprach, berichtete mir davon, dass für ihn "in die Augen schauen" einen sexuellen Beigeschmack habe. So etwas tue man nicht. Auf die Frage, wohin man dann blicke, wenn man mit jemandem spreche, antwortete er mir: "Ganz einfach: etwa in die Gegend des Krawattenknotens."

In Syrien verhindert dieses Verhalten etwaige Missverständnisse. Auch im Gespräch mit einer Frau ist ein Syrer dabei auf der sicheren Seite. Er vermeidet den für sie und ihn gleichermaßen anzüglich wirkenden Blick in die Augen und sieht auf die Partie unterhalb des Halsansatzes, die - so ist er es gewohnt - "züchtig" bedeckt ist. In Deutschland versucht derselbe Syrer selbstredend genauso jegliche Peinlichkeit zu vermeiden und blickt auch der deutschen Helferin in einer Gemeinschaftsunterkunft nicht in die Augen. Und genau dadurch sieht er ihr an einem warmen Sommertag beständig in den Ausschnitt. Er weiß dabei überhaupt nicht, wie ihm geschieht - und sie fühlt sich die ganze Zeit von diesem "unverschämten Kerl" bedrängt. Hier wird der gewohnte Blick "in die Gegend des Krawattenknotens" zu einem schon gleichsam "gordischen Knoten" voller Missverständnisse und Peinlichkeiten - und das nur, weil alle Beteiligten genau solche Peinlichkeiten vermeiden wollten. ⋅1⋅

Lachen die Augen oder der Mund?

Noch ein Wort zur Bedeutung der Augen in unterschiedlichen Kulturen.

Man könnte ja meinen, dass in unserem Kulturkreis, in dem solch großer Wert darauf gelegt wird, dass man bei einem Gespräch den Blickkontakt hält, Menschen alle wichtigen Regungen einem Gegenüber an den Augen ablesen, so dass Augen auch einen ganz besonderen Stellenwert besitzen, um die Mimik einer Gesprächspartnerin bzw. eines Gesprächspartners zu entschlüsseln.

Dem scheint aber nicht so zu sein. Ganz im Gegenteil. Vielleicht legt man bei uns so großen Wert auf den Augenkontakt, weil Augen ein eher unverfänglicher Teil des Gesichtes sind. Um Regungen zu beschreiben, braucht es bei uns die Form des Mundes. Dies verdeutlich bereits unser "Smiley". Es ist der Mund, der den Unterschied zwischen Lachen und Weinen anzeigt.

Interessanterweise ist das in China ganz anders. Für einen chinesischen "Smiley" brauchen Sie weit mehr Zeichen, als für eine in Europa gängige Darstellung. In China lacht nicht der Mund - der wird dort zu einem einfachen, nichtssagenden Strich. In China lachen oder weinen die Augen.

Dies lässt sich durchaus damit erklären, dass der Mund im chinesischen Kontext tatsächlich wenig über Gefühlsregungen aussagt. Im sprichwörtlichen "Land des Lächelns" muss man andere Signale wahrnehmen, um zu erahnen, wie sich jemand fühlt. Chinesische "Smileys" verraten, dass der Indikator für Gefühle lachende oder weinende Augen sind. Der Mund kann mit einem einfachen Strich wiedergeben werden, weil er in China sowieso immer lächelt.

Als wie anstrengend dieses dauernde Lächeln empfunden wird, macht der "No-Face-Day" deutlich, den eine chinesische Dienstleistungsfirma ihren Angestellten einmal im Monat gewährt. An diesem Tag haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Möglichkeit ihr Gesicht während der Arbeit hinter einer Maske zu verbergen.

"Das diene der Entspannung und Stressreduktion, hieß es. Denn im Kontakt mit Kollegen und Kunden müssen die Arbeitnehmer ständig freundlich grinsen und immer zuvorkommend sein - auch wenn es ihnen mal nicht gut geht. Eine ständige Selbstkontrolle verursacht viel Stress und Druck, deswegen gibt es jetzt eben den 'No-Face-Day'." ⋅2⋅

Nähe und Distanz

Nicht vergessen werden soll hier, dass letztlich auch die räumliche Nähe zwischen Menschen großen Einfluss darauf hat, ob Kommunikation gelingt oder nicht. Im Zusammenhang mit den kulturellen Orientierungen wurde ja bereits auf das unterschiedliche Raumbedürfnis von Menschen hingewiesen. Bei welchem Abstand zu anderen ich mich wohl fühle, ist individuell verschieden. Offenbar beeinflusst das Empfinden, welchen Abstand man benötigt, aber auch der kulturelle Raum, in dem jemand aufgewachsen ist.

Wenn ich beispielsweise die Abstände, die Menschen als angenehm empfinden, nachmesse und entsprechende Mittelwerte bilde, dann lassen sich für unterschiedlichen Kulturen auch tatsächlich unterschiedliche Distanzen erheben. Die Ergebnisse, sind ausgesprochen aufschlussreich und manchmal auch überraschend. Untenstehende Tabelle bietet beispielsweise die Werte für drei verschiedene Kulturräume.

 

 45 cm

 120 cm

USA / Eu­ro­pa

 

 38 cm

 90 cm

Latein­ame­ri­ka (Süd­eu­ro­pa ähn­lich)

 

 25 cm

 60 cm

Ara­bi­scher Raum

In­tim­be­reich

Per­sön­licher Be­reich
(informelle Kontakte zwischen Bekannten)

Sozialer Bereich (informelle Kontakte
zwischen Fremden)

In Europa hält man demnach zu jemandem, mit dem man sich gerade unterhält einen Abstand zwischen 45 cm und 1,20 m. Wenn man weiter entfernt steht, hat man nicht wirklich Kontakt zum anderen. Interessanterweise beginnt der Bereich, in dem man nahe genug für ein wirkliches Gespräch ist, in lateinamerikanischen Ländern erst, wenn man näher als 90 cm an sein Gegenüber herangeht. Als unangenehm betrachtet man die Nähe zum anderen dort erst bei etwa 38 cm Abstand. Das sind für den US-Amerikaner oder Europäer aber 7 cm zu nahe. Und diese 7 cm bringen "uns" dann dazu, einen Schritt nach hinten zu weichen. ⋅3⋅

Fresko - Verrat des Judas

Der vielleicht berühmteste Begrüßungskuss der Geschichte -
Judas verrät Jesus von Nazareth durch einen Kuss.
Giotto di Bondone (1266-1337, Padua, Fresko in der Scrovegnikapelle)

Lizenz: Giotto di Bondone artist QS:P170,Q7814,
Giotto-KissofJudas, Ausschnitt erstellt und Farbkorrektur durch Jörg Sieger,
CC0 1.0

Die Werte, die man dieser Tabelle für den arabischen Raum ent­nehmen kann, machen deutlich, dass es letztlich - zumindest nach der Statistik - einen Bereich von lediglich 15 cm gibt, in dem es sowohl einem Menschen aus dem arabischen Raum als auch seinem Gesprächs­partner aus Deutschland wirklich gut geht. Weiter als 60 cm würde sich jener während des Gespräches nicht ent­fernen, näher als 45 cm macht diesem anderer­seits bereits Druck.

Nähe und Distanz bei der Begrüßung

Mit Nähe und Distanz haben auch Begrüßungs­rituale zu tun. In Japan vermeidet man ja bekanntermaßen, sich bei der Begrüßung zu berühren und verneigt sich in einiger Entfernung zueinander. In Deutschland wird das Unterlassen des Händedrucks weithin bereits als unhöflich empfunden. Hier hat man wenig Verständnis für die Distanziertheit der Japaner. Vielen Deutschen ist dann aber die Nähe bei der französischen "bise", dem bekannten Begrüßungskuss, bereits wieder viel zu eng. Sie wird hierzulande häufig dann schon wieder als eher unangenehm empfunden.

Dr. Jörg Sieger

Weiter-Button Zurück-Button Anmerkungen

1 Im Blick auf Missverständnisse ist auch eine Fernsehreportage über einen syrischen Flüchtling interessant: Der junge Mann kam in Kirchenasyl. Sein Betreuer wies auf die Fortschritte hin, die der Asylbewerber während seines Aufenthaltes bereits gemacht habe, und meinte: "Anfangs war er noch sehr verschüchtert. Er wagte nicht einmal, uns in die Augen zu schauen." Zur Anmerkung Button

2 Art.: "No-Face-Day" in China - Mitarbeiter tragen Masken, damit sie nicht lächeln müssen, in: Mitteldeutsche Zeitung vom 15.7.2015 = http://www.mz-web.de/leben/finanzen/karriere/-no-face-day--in-china-mitarbeiter-tragen-masken--damit-sie-nicht-laecheln-muessen-22611878 (abgerufen am 7. August 2016). Zur Anmerkung Button

3 Vgl.: Stefan Müller / Katja Gelbrich, Interkulturelle Kommunikation (München 2014) 112. Zur Anmerkung Button