Louis René de Rohan

Kardinal im Schatten der Französischen Revolution

im Schatten der Franz. Revolution


Weiter-ButtonZurück-Button 2. Die letzten Monate

Dem 68jährigen Kardinal war bewusst geworden, dass er den Geschehnissen nichts entgegenzusetzen hatte. Stark gealtert blieb ihm nur noch eine Rumpfdiözese, die in etwa die Ortenau umfasste. Er war ruhig und kränklich ⋅1⋅ geworden. Resigniert hatte er sich in sein Privatleben rückgezogen; doch auch da gab es nicht mehr viel, was den alternden Prälaten hätte erfreuen können.

a. ... für sich zu frequentieren noch freygelassen Jagd ⋅2⋅

Der Herzog von Enghien

Der Herzog von Enghien.

Foto-ButtonIm Besitz der Stadt Ettenheim -
Foto: Martha Oehler, Ettenheim

Große Festlichkeiten gab es am Hof zu Ettenheim nur noch selten. Die Schar der Emigranten war kaum kleiner, doch bei weitem ruhiger geworden. Vermutlich war die Jagd die einzige Abwechslung, die dem Kirchenfürsten geblieben war; und auch sie sollte kein ungetrübtes Vergnügen sein.

Nicht nur am 8. Dezember 1802 wandte sich Carl Ludwig, Freiherr Schilling von Canstatt, an die Karlsruher Regierung. Die Jagd, die der Kardinal und der Duc d'Enghien, der sich ebenfalls in Ettenheim aufhielt, zugestanden bekommen hatten, wurde zum Problem. Besonders der junge Herzog setzte dem Wildbestand enorm zu. Die Belastung durch den Kardinal wurde im Laufe der Zeit durch Alter und Krankheit geringer. Während der Kardinal letztendlich am 16. Februar 1803 verstarb, suchte man für den Duc d'Enghien noch im März 1803 nach einem geeigneten Jagdgelände. Am 3. dieses Monats verordnete der Geheime Rat,

"daß
dem Herrn Duc d'Enghien, nach dem
Ober Jägermeister Amtlichen Vorschlag
für die Zeit Seines Aufenthalts zu
Ettenheim, der Ettenheimer, Ettenheim=
weiler, Münchweiler, Reinsheimer und
Gräfenhäußer Bann zu seiner Jagd=
Belustigung angewiesen = jedoch dem=
selben dabey besonders empfohlen werde
die Heeg u. Setzt-Zeit gehörtig zu
beobachten." ⋅3⋅

Am 1. August 1803 beschwerte sich Schilling von Canstatt erneut über das Jagdverhalten des Herzogs, der am 16. Dezember noch einmal durch den Geheimen Rat zurechtgewiesen wurde. Erst am 13. Januar 1804 schien das Problem einer Lösung nahe zu sein. Landvogt von Roggenbach hatte erfahren,

"daß die Prinzessin von Rohan im
Monat Merz Ettenheim verlassen
würde, undxxxxxxx als gewiß anzunehmen
seye, xxxwieder Duc d'Enghien nicht
länger als gedachte Prinzessin in Etten-
heim bleiben würde..." ⋅4⋅

Letztere Notiz verweist auf die enge Beziehung, die zwischen d'Enghien und insbesondere der Großnichte des Kardinals bestand. Eine Beziehung, die zumindest am Rande erwähnt werden soll.

b. Der Duc d'Enghien und Charlotte de Rohan ⋅5⋅

Louis Antoine Henri de Bourbon, Duc d'Eng­hien,⋅6⋅ war im Jahre 1792 mit seinem Großvater, dem Prince Condé, nach Etten­heim gekommen, hat­te sich an­schließend in Oberkirch aufge­hal­ten und den Winter 1795/96 nach dem Feldzug erneut in Ettenheim verbracht. Als Zar Paul I. den Prince Condé am 17. Juli 1796 nach Rußland einlud, sollte Enghien den Marsch des Heeres nach Russland leiten. Im Oktober 1797 verließ dieser daher die Residenzstadt des Straßburger Fürstbi­schofs.⋅7⋅

Im Frühjahr 1799 gestand Enghien seinem Vater, dass er Charlotte de Rohan verehre, liebe und mit ihr sich zu vermählen gedenke.⋅8⋅ Nachdem sich am 31. Mai 1801 das Condé'sche Heer aufgelöst hatte, trat der Herzog über Innsbruck die Reise nach Ettenheim an. Gegen die Vorstellungen seiner Familie - man hoffte auf eine Vermählung mit einer Prinzessin von königlichem Rang - entschloss sich d'Enghien, Charlotte de Rohan, ohne seinen Großvater davon zu benachrichtigen, zu seiner Gattin zu machen.⋅9⋅ Im Jahre 1802 assistierte der Kardinal selbst oder Abbé Weinborn in Ettenheim der Eheschließung zwischen Charlotte de Rohan und dem Herzog in aller Stille. Charlottes Vater söhnte sich mit der neuen Regierung in Frankreich aus, wodurch das junge Paar die Wälder von Limours und Rochefort bei Rambovillet zurückerhielt. Enghien selbst erhielt eine Pension von 3500 Francs aus England.⋅10⋅

Der Herzog wohnte im sogenannten Ichtratzheim'schen Haus im 'Pfarrgässle', nicht weit vom Rohan'schen Palais in Ettenheim, bis er auf Geheiß Napoleons in der Nacht zum 15. März 1804 völkerrechtswidrig in Ettenheim verhaftet und 32jährig am 21. März 1804 in den Gräben von Vincennes erschossen wurde.⋅11⋅

Weiter-ButtonZurück-Button Anmerkungen

1 Bereits im Juni 1798 hielt sich Rohan in Baden-Baden 'der Bäder wegen' auf (vgl.: Bernhard Erdmannsdörfer (Hrsg.), Politische Correspondenz Karl Friedrichs von Baden 1783-1806, Bd. III (Heidelberg 1893) 111) und während seiner Flucht im Frühjahr 1799 hatte Rohan in Regensburg '... zum allgemeinen Schmerz eine schwere Krankheit ausgestanden...'.
(Zitiert nach: Johann Baptist Ferdinand, Geschichtliche Niederschläge - im Ettenheimer Bürgerbuch von 1695ff., in: Neue Miszellen aus Heimat und Landschaft, Bd. II (1954-1959) (Ettenheim 1959 (maschinenschriftlich)) 156.) Zur Anmerkung Button

2 Vgl. zu diesem Abschnitt: GLA 138-55, 1-21 - "Ettenheim - Jagdwesen, Die dem Herrn Kardinal Fürstbischof von Strasburg und dem Duc d'Enghien sich zu frequentiren noch freygelassene Jagd, betr. 1802, 1803, 1804". Zur Anmerkung Button

3 GLA 138-55, 7r. Zur Anmerkung Button

4 GLA 138-55, 18r. Zur Anmerkung Button

5 Auch dieser Abschnitt würde bei näherer Ausführung den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen. Vgl. zu diesem Fragenkomplex u. a.:
Sabourin de Nanton, Ettenheim et le duc d'Enghien, in: Revue d'Alsace (20/1869) 399-408;
Anonymus, Eines Märtyrers Gefährtin, in: Ettenheimer Zeitung (85/16. Oktober 1902) und (86/18. Oktober 1902);
Johann Baptist von Weiß, Weltgeschichte (fortgesetzt von Richard von Krailik) Bd. XX (Graz/Leipzig 3. Auflage 1896) 381-471, 508, 713;
ferner: Wilhelm Schadt, Karl Friedrich Casimir Pfersdorff (1769-1847), Napoleons Kundschafter bei der Gefangennahme des Herzogs von Enghien in Ettenheim am 15. März 1804, in: Die Ortenau (51/1971) 32-36;
Herzog von Rovigo, Ueber die Hinrichtung des Herzogs von Enghien (Leipzig 1824); vgl. auch: Jacques de la Faye, La Princesse Charlotte de Rohan et le Duc d'Enghien (Paris 1929);
zu Charlotte de Rohan-Rochefort (1767-1841) vgl: Georges Martin, Histoire et Genealogie des Maisons de Rohan, de Chabot et de Rohan-Chabot (La Ricamarie: Auteur 1977) II, 139-142, 195-197, 236. Zur Anmerkung Button

6 Louis Antoine wurde am 2. August 1772 in Chantilly geboren;
über ihn: Johann Baptist von Weiß, Weltgeschichte (fortgesetzt von Richard von Krailik) Bd. XX (Graz/Leipzig 3. Auflage 1896), 381 u. ö. Zur Anmerkung Button

7 "Dieser wäre lieber in Ettenheim geblieben, dort fühlte er sich wohl beim gastfreundlichen Cardinal und sprach gern mit der schönen Nichte desselben, der siebzehnjährigen Prinzessin Charlotte Rohan-Rochefort. Sie hatte die feine Bildung einer Französin und die Schönheit einer Deutschen, blaue Augen und blondes Haar, vor allem ein edles Herz. Der alte Condé sah diese Neigung nicht gern, denn er dachte groß von seinem Enkel, welcher das Geschlecht nicht bloß erhalten, sondern auch erhöhen sollte. Der Markgraf in Karlsruhe hatte schöne Töchter, die bald auf glänzende Throne gelangten: entweder solle Enghien dort eine Gattin suchen oder sich mit einer russischen Großfürstin, vermählen. Condé schrieb an Bourbon nach London: "Es wäre ein großer Trost für mich, wenn ich vor meinem Tode sicher wäre, dass mein Geschlecht nicht aussterbe; es steht an Rang jedem andern Fürstengeschlecht gleich." Zu einer offenen Erklärung zwischen dem Großvater, der seinem Enkel die Braut bestimmen, und Enghien, der sie frei wählen wollte, kam es nicht. Das Verhältnis Enghiens zu Charlotte Rohan war bis dahin nur das einer Freundschaft. Als er aber abreisen wollte, sagte sie ihm doch: "Der Abschied thut mir weh; ich fürchte, es ist der letzte Abschied." Zwei Tage später, 14. October 1797, schiffte Enghien schon in Ulm auf der Donau 4000 Mann ein."
(Johann Baptist von Weiß, Weltgeschichte (fortgesetzt von Richard von Krailik) Bd. XX (Graz/Leipzig 3. Auflage 1896) 391). Zur Anmerkung Button

8 Enghiens Mutter erfuhr davon nichts. Seine Eltern waren geschieden und seine Mutter zunächst im Gefängnis in Marseille, vielleicht für die Guillotine bestimmt und zu diesem Zeitpunkt bereits nach Spanien verbannt.
(Vgl.: Johann Baptist von Weiß, Weltgeschichte (fortgesetzt von Richard von Krailik) Bd. XX (Graz/Leipzig 3. Auflage 1896), 393.) Zur Anmerkung Button

9 Vgl.: Johann Baptist von Weiß, Weltgeschichte (fortgesetzt von Richard von Krailik) Bd. XX, (Graz/Leipzig 3. Auflage 1896) 396. Zur Anmerkung Button

10 Vgl.: Johann Baptist von Weiß, Weltgeschichte (fortgesetzt von Richard von Krailik) Bd. XX, (Graz/Leipzig 3. Auflage 1896) 398; Johann Baptist Ferdinand, Ettenheim in der Weltgeschichte - Des jungen Herzogs von Enghien Glück und Ende, in: Neue Miszellen aus Heimat und Landschaft, Bd. II (1954-1959) (Ettenheim 1959 (maschinenschriftlich)) 139;
zur Frage des Trauungsortes vgl. auch hier;
zur Frage der Nachkommenschaft vgl.: Johann Baptist Ferdinand, Nachkommen des Prinzen Enghien in Baden? in: Neue Miszellen aus Heimat und Landschaft, Bd. II (1954-1959) (Ettenheim 1959 (maschinenschriftlich)) 39-41. Zur Anmerkung Button

11 Henriette Dietz, die Tochter des Oberamtmann Stubers erinnert sich an all die Fremden, die immer noch in Ettenheim weilten und berichtet über d'Enghien und Charlotte de Rohan:
"Da war die Prinzessin Charlotte Rohan-Rochefort, der Herzog von Enghien, der General Graf Matthieu Dumas, der Marquis de Sully, der Baron de Ceran, der Prinz Soinville, der Prinz von Lothringen, der Maitheser Commandeur de Farques, der Flottenadmiral von Montacitan, der alte und junge Prinz Rohan-Rochefort und die jungen Prinzessinnen Rohan, Baron von Grünstein, Schmidt, Marquis de Dumery und noch viele, die kamen und gingen. Und alle Tage kamen diese Leute zu uns, um sich die Zeit zu vertreiben. - Der Herzog von Enghien hatte für die Prinzessin Charlotte Rohan-Rochefort, die er liebte und mit der er heimlich vermählt war, ein Gärtchen auf einem Berge ausserhalb dem Tore angelegt, und darin durfte niemand arbeiten als der Herzog selbst und seine Herren. Die Bedienten mussten Vater bis an die Tür führen, und von da wurde er abgeholt, so dass keiner einen Fuss in dies Gärtchen setzen durfte.
Nur meine Mutter begleitete täglich die Prinzessin, und ich durfte das Körbchen tragen, oder was man sonst brauchte, weil auch sie keine Bedienung mitnehmen wollte.
So ging die Zeit vorüber, bis im Jahre 1803 das Ländchen an Baden fiel. Der Kardinal starb zu gleicher Zeit. Die Prinzessin zog in ein Privathaus, und da zu jener Zeit Napoléon das Gesetz verkünden liess, dass kein Emigrant mehr als zwölf Stunden am Rhein wohnen durfte, so warnte er den Herzog, dem man ohnehin Fallen stellte und alle Augenblicke angebliche Deserteurs schickte, ob er sie nicht anwerben wolle, um eine Armee am Rhein zu errichten. Er schickte sie immer weg mit einem Reisegeld und mit den Worten, die ich selbst oft hörte: "Allez mes amis, je n'ai pas besoin d'armée, je suis content de vivre en Paix!" - Und dennoch riet ihm mein Vater, sich weiter weg zu begeben, und war deshalb mit Herrn von Schleys in Unterhandlung um das Schlösschen un (sic!) Berghaupten für ihn und die Prinzessin, welche, wie ich schon gesagt, mit ihm heimlich vermählt war. -
Allein die Sache verzögerte sich, mein Vater wurde als grossherzoglicher badischer Obervogt nach Gengenbach versetzt, und bald darauf wurde der unglückliche Herzog von Enghien Prinz Louis Antoine Henri de Bourbon, von den Franzosen mitten in der Nacht zum 15. März 1804 von 300 französischen Dragonern in Ettenheim abgeholt und ohne Urteil und Recht in den Gräben von Vincennes am 21. März 1804 im Alter von zweiunddreissig Jahren erschossen!
(...)
Im grössten Jammer kam damals Prinzessin Charlotte zu uns nach Gengenbach und sagte wiederholt: "Oh, wären Sie dagewesen, so wäre der Prinz gerettet worden!"
Später als sein Adjutant Baron von Grünstein wieder aus dem Temple aus Paris, wo er auch die ganze Zeit gefangen war, zu uns kam, erzählte er uns erst alles genau, wie es zugegangen war, zum grossen Schmerz meiner Eltern, die den edlen, guten, geistreichen Prinzen sehr geliebt hatten."

(Henriette Dietz, Familien Nachrichten (Karlsruhe 1853 (Abschrift einer Handschrift) *22-*24.)
Charlotte hatte alles darangesetzt, d'Enghien zu befreien. Sie war ihm nach Straßburg nachgefahren, wurde allerdings ebenfalls festgehalten und verhört. Gerne hätte man sie für schuldig befunden, doch fand man nichts, was sie hätte belangen können. Auch gestattete man ihr nicht, den Herzog zu sehen. Man wies sie wieder nach Ettenheim zurück. Charlotte reiste daraufhin nach Karlsruhe, wo Gustav IV. von Schweden sich ihrer ohne Erfolg annahm; der Duc d'Enghien wurde in der Nacht zum 21. März - wie oben erwähnt -morgens gegen 3 Uhr in einem Graben der Festung Vincennes erschossen und in einem schon vor der Verurteilung geschaufelten Grab verscharrt. Geistlicher Beistand war ihm versagt geblieben. Charlotte lebte nach Enghiens Tod im Vennemann'schen Haus am Ettenheimer Nepomukbrunnen. Ein Brief des Herzogs, in der Nacht der Aburteilung geschrieben, und die Haarlocke, die er sich am Richtplatz abschnitt, beides an einen der anwesenden Offiziere zur Übermittlung an sie übergeben, sind nie in ihre Hände gelangt. Am 1. Mai 1841 starb Charlotte Louise Dorothée, Princesse de Rohan-Rochefort.
(Vgl.: Johann Baptist von Weiß, Weltgeschichte (fortgesetzt von Richard von Krailik) Bd. XX, (Graz/Leipzig 3. Auflage 1896) 407; vgl. die entsprechenden Darstellungen von Ferdinand und anderen (siehe hier). Zur Anmerkung Button