Louis René de Rohan

Kardinal im Schatten der Französischen Revolution

im Schatten der Franz. Revolution


Weiter-ButtonZurück-Button 4. Bischof auf der Flucht

Video-Animation-Icon Parallel zu den oben geschilderten Ereignissen gilt es eine Fülle von Geschehnissen eingehender zu betrachten. Kehren wir in unserer Darstellung noch einmal in die zweite Hälfte des Jahres 1789 zurück.

Als die französische Nationalversammlung am 4. August 1789 die letzten Reste des Lehenswesens beseitigte und sämtliche Vorrechte, Herrschafts- und Gerichtsrechte der mittelbaren Landesherren, Fürsten und Fürstbischöfe abschaffte, befand sich der Kardinal - trotz seiner Wahl zum Deputierten der Nationalversammlung - immer noch in Zabern. Erst auf diese Beschlüsse hin reiste er am 12. September nach Versailles und protestierte in der Nationalversammlung gegen jedwede Neuerung. Enttäuscht kehrte er schließlich nach Zabern zurück.⋅1⋅

a. Zwischen Zabern und Ettenheim

Frankreich wurde in 83 Departements eingeteilt und die fürstliche Residenzstadt Zabern sank zum einfachen Kantonsort ab. Am 25. Januar 1790 übernahm die neue, nach dem Gesetz vom 14. Dezember 1789 gewählte Municipalität die Amtsgeschäfte. Der frühere Stadtsyndicus von Mayerhoffen, einstiger bischöflicher Beamter, wurde erster Maire Zaberns, und an die Stelle der ehemaligen bischöflichen Bürgermiliz trat die Nationalgarde.⋅2⋅

Im Rechtsrheinischen wurden die Vorfälle auf der elsässischen Rheinseite mit Besorgnis verfolgt. Amtmann Hugo in Mahlberg erregte sich schon im Jahre 1789 über die Gerüchtebildung unter der Bevölkerung.⋅3⋅ Über den 14. Juli 1790 trug Machleid in sein 'Diarium' ein, dass die Nationalversammlung am Jahrtag des Sturms auf die Bastille, 'dem König oder der Nation gehuldiget habe',

"... und wollen keinen könig in franck Reichmer:haben
ßonder einen kaißer, von francken, allwo
in bariß und in dem ganzen könig Reich mueß
under der nation alles stehn, und der könig
dato der erste burger genent wirdt." ⋅4⋅

Der Kardinal hingegen hatte mittlerweile die französische Lage bezüglich ihrer Gefahr richtig deuten gelernt - noch im Juli 1790 verließ er Zabern endgültig.

b. Residenz auf Zeit?

Am 13. Juli 1790 überquerte Rohan den Rhein bei Rheinau. Bis zur Fertigstellung seiner provisorischen Residenz in Ettenheim - das ehemalige straßburgische Amtshaus wurde zum fürstbischöflichen Palais umgebaut - beherbergte das Kloster Ettenheimmünster den hohen Gast.⋅5⋅ Sogar in der Klausur wurden einige der sechzig Gäste untergebracht. Rohan selbst hatte die Räume über der Abtswohnung für sich ausgewählt. Der große Saal wurde als Speisezimmer hergerichtet, und in einem 'Vor-Keller' bei der Klosterküche richtete man eine Küche ein. Zwei Tage lang bewirtete das Kloster die Gäste, dann unterhielt Rohan eine eigene Haushaltung.⋅6⋅

Gartenseite des Schlosses

Das Zaberner Schloss von der Gartenseite aus gesehen.

Foto-ButtonFoto: Jörg Sieger, Oktober 1985

In Ettenheim leitete in der Zwischenzeit Niko­laus Salins de Mont­fort, Erbauer des neuen Schlosses in Zabern und 'architecte du Roi de France, inspecteur des bâtiments de son Altesse en Alsace, architecte de Cardinal Prince de Rohan', den Umbau des ehemaligen Amtshauses zur zukünftigen bischöf­lichen Residenz.⋅7⋅

Rohan selbst war nicht uninteressiert an den umfassenden Bauar­bei­ten. Am 23. Juli kam der Kardinal abends um 5 Uhr mit 16 Personen seiner Hofhaltung in einem großen, mit Rappen bespannten Achtspänner nach Ettenheim.⋅8⋅ Die Prinzessinnen aus der Rohan'schen Hofhaltung ritten mit ihren Grauschimmeln am darauffolgenden Annatag nach Ettenheim, um im Amtshof eine Mahlzeit zu sich zu nehmen, bevor sie gegen 7 Uhr wieder ins Kloster zurückkehrten.⋅9⋅

Die Monate in Ettenheimmünster wurden von mehreren Festlichkeiten begleitet. Am 18. August wurde Herr Demougé neuer Komtur des 'Ritter Ordens des Heil. Johannes von Malta zu Straßburg', durch Johann Jacob Lanz in Anwesenheit des Kardinals geweiht.⋅10⋅ Eine Woche später beging man den Namenstag des Landesherrn im Kloster. Unter den Gästen waren die Prälaten von Schuttern, Gengenbach und Allerheiligen.⋅11⋅ Am 26. September ritt der Mahlberger Oberforstmeister Carl Ludwig, Freiherr Schilling von Canstatt, nach Ettenheimmünster, um dem Prinzen von Rohan seine Aufwartung zu machen.⋅12⋅

Die negative Seite, die das Prädikat 'Residenzstadt' mit sich brachte, wurde erstmals in der zweiten Hälfte des Jahres 1790 verstärkt spürbar. Henriette Stuber, die Tochter des Ettenheimer Oberamtsverwesers, weiß zu berichten, dass der Amtmann die Wohnung im Amtshaus aufgeben, die Gärten, die einen Teil seiner Besoldung darstellten, für eine geringe Vergütung an den Fürsten abtreten und selbst froh sein musste, in einem 'alten schlechten Judenhause' notdürftig unterkommen zu können.⋅13⋅ Die Allgemeine Handwerker-Zunft hatte ihre Zunftstube an den Landvogt abzutreten und ihre Zunfttage auf dem Rathaus zu halten.⋅14⋅

Um die Sicherheit des Landesherren zu gewährleisten, errichtete man am 11. Dezember Schilderhäuschen in Ettenheim. 30 Mann Darmstädtische Soldaten rückten am darauffolgenden Tag in der Stadt ein; sie sollten dem Kardinal als Schutztruppe dienen und waren von ihm angefordert worden. Einquartiert wurden 12 von ihnen im 'Apothekers-Haus' am Kirchberg, die Restlichen im Saal des Spitals.⋅15⋅ Am 8. Januar kamen von Zabern 4 Zentner Pulver und Blei und mehrere kleine Kanonen an, die im Schloss untergebracht oder vor der Hauptwache aufgestellt wurden.⋅16⋅ Sie gehörten zur Ausrüstung der Schutztruppe des Kardinals, der am 12. Dezember 1790 endgültig in seine neue Residenz umgezogen war.⋅17⋅

Doch auch die vorläufig letzte Umbaumaßnahme am 18. Dezember, bei der ein Gang vom

"buelachischen hauß od(er) auß der stattschriberey" ⋅18⋅

ins Schloss errichtet wurde, damit der Prince de Rochefort, der anscheinend dort seine Wohnung gefunden hatte,

"comod zue unßerem gnädigen lants fürsten komen kann",⋅19⋅

täuschte nicht darüber hinweg, dass alle Verantwortlichen davon überzeugt waren, nur einige Wochen in Ettenheim verbleiben zu müssen. Ettenheim war Residenz auf Zeit.

Weiter-ButtonZurück-Button Anmerkungen

1 Vgl: Julius Rathgeber, Elsässische Geschichtsbilder aus der französischen Revolutionszeit (Basel 1886) 91. Zur Anmerkung Button

2 Vgl: Julius Rathgeber, Elsässische Geschichtsbilder aus der französischen Revolutionszeit (Basel 1886) 91. Zur Anmerkung Button

3 "Überhaupt herrscht jezt viele politische Kannen=
gieserey unter dem gemeinen Manne, der sich von
der Wichtigkeit der öffentlichen Ruhe keine rich=
tige Begriffe zu machen weiß."

(GLA 74-6279, 129v.) Zur Anmerkung Button

4 Joann Conrad Machleid, Diarium II, *123v. Zur Anmerkung Button

5 Vgl.: Joann Conrad Machleid, Diarium II *123v;
während sich Rohan in Ettenheimmünster aufhielt, bestieg Leopold II. den deutschen Kaiserthron.
(Vgl.: DAL-Protocollum Capituli ruralis Lahrensis ab anno 1731, 229-230; DAL-Protocollum decretorum et mandatorum episcopalium emanatorum ab anno 1733 ad venerabile Capitulum ruralis Lahrense transmissorum,  73-75; Joann Conrad Machleid, Diarium II, *127v.)
Kaiser Joseph II, den Rohan während seines Wiener Aufenthaltes als Mensch schätzen gelernt hatte, war am 20. Februar 1790 verstorben.
(Vgl.: DAL-Protocollum Capituli ruralis Lahrensis ab anno 1731, 225-226; DAL-Protocollum decretorum et mandatorum episcopalium emanatorum ab anno 1733 ad venerabile Capitulum ruralis Lahrense transmissorum,  71-73; Joann Conrad Machleid, Diarium II, *118v.)
Von der Verbindung Rohans und Josephs II. zeugt die Kaiserliche Urkunde vom 16. November 1779 im Ettenheimer Stadtarchiv.
(Vgl.: Karl Friedrich Müller, Beiträge zur Geschichte der Stadt Ettenheim und des Kardinals Louis- René-Eduard Prince de Rohan-Guémené (Waldkirch 1977) 31-39.) Zur Anmerkung Button

6 Vgl.: PfA-Ettenheimmünster, Kurze Historische Beschreibung der Pfarrey Münsterthal bei St: Landelin von dem siebenden Jahrhunderte nach Christi Geburt bis auf das Jahr 1804 verfasset von P: Bernard Stöber des Ordens des heil Benedicts, Professen des aufgehobenen Klosters Ettenheimmünster geweßten Pfarrherrn dieser Pfarrey, 154-155. Zur Anmerkung Button

7 Vgl.: Robert Furtwängler, Ettenheims "altes Schloß" und seine Geschichte, in: Geroldsecker Land (19/1977) 151. Zur Anmerkung Button

8 Vgl.: Joann Conrad Machleid, Diarium II, *125r;
im 'roten weltlichen Rock' besichtigte er die Baustelle, während die Bürgerschaft ihm ihre Aufwartung machte (vgl.: Joann Conrad Machleid, Diarium II, *125r).
Vgl. Joann Conrad Machleid, Diarium II, *123v. Zur Anmerkung Button

9 Vgl.: Joann Conrad Machleid, Diarium II, *125r. Zur Anmerkung Button

10 Vgl.: Joann Conrad Machleid, Diarium II, *125v; PfA-Ettenheimmünster, Kurze Historische Beschreibung der Pfarrey Münsterthal bei St: Landelin von dem siebenden Jahrhunderte nach Christi Geburt bis auf das Jahr 1804 verfasset von P: Bernard Stöber des Ordens des heil Benedicts, Professen des aufgehobenen Klosters Ettenheimmünster geweßten Pfarrherrn dieser Pfarrey, 155;
zu Demougé vgl.: Medard Barth, Seminaristen und Benediktiner des Elsaß als Flüchtlinge im Kloster Ettenheimmünster während der frz. Revolution, in: Freiburger Diözesan Archiv (71/1951) 180. Zur Anmerkung Button

11 Zur nächtlichen 'Illumination' und dem Feuerwerk kamen sogar die Ettenheimer in den Klostergarten. Die Festgesellschaft wurde aus gegebenem Anlass vom Kloster bewirtet.
(Vgl.: Joann Conrad Machleid, Diarium II, *125r; PfA-Ettenheimmünster, Kurze Historische Beschreibung der Pfarrey Münsterthal bei St: Landelin von dem siebenden Jahrhunderte nach Christi Geburt bis auf das Jahr 1804 verfasset von P: Bernard Stöber des Ordens des heil Benedicts, Professen des aufgehobenen Klosters Ettenheimmünster geweßten Pfarrherrn dieser Pfarrey, 155.) Zur Anmerkung Button

12 Vgl.: Carl Ludwig, Freiherr Schilling von Canstatt, Tagebuch, in: Lahrer Wochenblatt (1905) 450;
"Karl Ludwig wurde als Sohn Karl Friedrichs von Schilling und dessen Gemahlin Juliane von Bouwinghausen und Walmerode zu Karlsruhe am 6. November 1760 geboren. Bis zu seinem 11. Jahre blieb er bei seinen Eltern, die zu Hohenwettersbach oder zu Karlsruhe wohnten. Sein erster Hofmeister war der spätere Pfarrer Nüßlin von Brötzingen. Von 1770 ab besuchte er das Gymnasium zu Karlsruhe bis zur Sekunda. 1777 kam er zur Erlernung der Jägerei und des Forstwesens zum Oberforstmeister von Göllnitz nach Leonberg; doch trat er nach drei Jahren als Kadett beim Füsilierbataillon "Durlach" ein. Im gleichen Jahre 1780, wurde er daselbst Unterleutnant und 1785 badischer Hof- und Jagdjunker. (...)
Im Jahre 1789 verheiratete er sich mit Luise Schenk von Geiern und wurde im selben Jahre badischer Kammerjunger und als Oberforstmeister zu Mahlberg angestellt. 1803 erfolgte seine Versetzung nach Ettenheim (...). Bis zum Jahre 1830 versah er sein Amt, dann zog er sich nach Karlsruhe in den Ruhestand zurück und verstarb daselbst am 18. August 1833." (Lahrer Wochenblatt (1905) 450); Carl Ludwig, Freiherr Schilling von Canstatt, war übrigens auch am 31. Januar 1791 mit Herrn und Frau von Türckheim von Altdorf in der Ettenheimer Residenz zu Gast, wo er bis zum Abend geblieben ist.
(Vgl.: Carl Ludwig, Freiherr Schilling von Canstatt, Tagebuch, in: Lahrer Wochenblatt (1905) 450.) Zur Anmerkung Button

13 Vgl.: Henriette Dietz, geb. Stuber, Familiennachrichten (Karlsruhe 1853) (Abschrift einer Handschrift) *11. Zur Anmerkung Button

14 Vgl.: Joann Conrad Machleid, Diarium II, *127r. Zur Anmerkung Button

15 Vgl.: Joann Conrad Machleid, Diarium II, *126r; ferner: J. Haas, Ein Hochverratsprozeß in Ettenheim im Jahre 1791, in: Schauinsland (30/1903). Zur Anmerkung Button

16 Vgl.: Joann Conrad Machleid, Diarium II, *129r. Zur Anmerkung Button

17 "den 12:t(en) christmonat, ist abents um 4:
uhr, unßer gnädigister lants fürst, auß
dem kloster Ettenheim Minster, mit allen
ßeinen leuthen, und hoffstatt, heraußge-
faren, mann hat ihne mit creuz und fahnen
von der kirchen abgeholt, mit mußig, bauke(n)
trompeten, und anderes, in die kirchen,
die geistlichen, die herren deß Rats in mentle(n)
und die ganze burgerschafft, jung und alt
zuegeschauet, allwo der fürst allen den ßege(n)
gegeben, wo mann Musicalisc, daß tedeum
laudamus abgeßungen, wo mann nach dem Ambthoff
od(er) schloß, ßo der fürst under dem himel gangen
mit auffwartung unßerer stattßoldaten
nebst den 6 belleren 3 ßalve starg gegeben,
wie auch bey der ßonenwirt, und um das Rat=
=auß herum, biß an deß herren ßimones hauß,
lauter liechter, wie auch an etlichen Eckh=
heißer bechfacklen, angezint bey der nacht
waren."

(Joann Conrad Machleid, Diarium II, *124r.) Zur Anmerkung Button

18 Joann Conrad Machleid, Diarium II, *128r. Zur Anmerkung Button

19 Joann Conrad Machleid, Diarium II, *128r. Zur Anmerkung Button