"Wort des lebendigen Gottes" - der Tisch des Wortes

Warum der Wortgottesdienst keine "Vormesse" ist. Welche Bibeltexte werden wann gelesen? "Wort Gottes" und der "Kleine Prinz". Von Brüdern und / oder Schwestern. Zur Sprache im Gottesdienst.

Als meine Schwester im Elsass geheiratet hat, habe ich von der Predigt, die einer meiner Kollegen damals hielt, nicht allzu viel mitbekommen. Das lag einzig und allein an mir, denn ich habe es nie wirklich fertiggebracht, Französisch zu lernen. Aber dennoch ist mir ein Versprecher, der ihm passierte, gleich aufgefallen.

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Der Heilige Exupéry

Wie so oft wurde auch bei der Hochzeit meiner Schwester nämlich eine "Lesung aus dem Buch der Kleine Prinz" vorgetragen. Und in der Ansprache stolperte mein Kollege über den Namen des Autors und aus Antoine de Saint-d'Exupéry wurde Saint Antoine d'Exupéry, also der Heilige Anton von Exupéry.

Eigentlich hätte er es mittlerweile ja auch schon fast verdient, heiliggesprochen zu werden, jener Antoine de Saint-d'Exupéry - so oft, wie seine Texte mittlerweile in Gottesdiensten - ganz gleich ob Messfeiern oder Wortgottesdiensten - an den Stellen vorgetragen werden, an denen klassischerweise Lesung und Evangelium stehen.

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Tauziehen bei der Hochzeitsvorbereitung

Und ich denke, dass manche sich jetzt sogar fragen, was diese Zeilen, mein Schmunzeln über jenen Versprecher und die Verwunderung über die Verwendung der Texte vom "Kleinen Prinz" im Gottesdienst hier eigentlich sollen.

Viele werden nämlich gar nicht mehr darum wissen, dass man den "Kleinen Prinzen" dort gar nicht vorlesen kann. Der "Kleine Prinz" hat in unseren Gottesdiensten nämlich im Grunde keinen Platz.

Die Wenigsten wissen eigentlich noch darum. Und viele erfahren es erst dann, wenn der Pfarrer, der ihrer Trauung assistieren soll, den liebevoll ausgearbeiteten Hochzeitsgottesdienst zerreißt und darauf hinweist, welch unmögliches Ansinnen das Brautpaar da reitet, dass im Gottesdienst etwas anderes vorgetragen werde, als Heilige Schrift.

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Was lesen wir eigentlich?

Und natürlich haben jene Pfarrer, die sich über solch ein Ansinnen aufregen im Prinzip sogar recht.

Wenn der Gottesdienst der Ort sein soll, an dem wir neue Orientierung von Gott her erwarten, dann muss Gott und damit auch sein Wort natürlich im Mittelpunkt unseres Nachdenkens stehen.

Und wenn wir nach Gottes Wort fragen, dann finden wir einen Nachhall seines Sprechens zu den Menschen am ehesten und wirklich verbürgt in den Büchern der Heiligen Schrift.

Von daher hat streng genommen im Gottesdienst auch kein anderer Text im Verkündigungsteil etwas zu suchen, als ein Abschnitt aus der Bibel. Den "Kleinen Prinzen" wird man aber bei aller Liebe in der Bibel vergeblich suchen.

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Von der pastoralen Klugheit

Und warum hört man dann doch so oft vom "Kleinen Prinzen" gerade bei Hochzeiten?

Darauf kann man eigentlich nur zwei Antworten geben: Entweder weil es halt Pfarrer gibt, denen nichts heilig ist, die alles mitmachen und keinen Wert mehr darauf legen, den Leuten zu erklären, warum Kirche Dinge eben so wichtig sind und manches einfach nicht geht - oder aber, weil es halt Pfarrer gibt, die davon überzeugt sind, dass es keinen Sinn macht, mit Menschen, die man anlässlich einer Hochzeit das erste Mal - und häufig auch das letzte Mal - überhaupt sieht, gleich einen Streit anzufangen, weil ihr liturgisches Gespür nicht auf der Höhe kirchlicher Reflexion angelangt ist. Und die meinen, dass weit mehr geholfen ist, wenn die Brautleute wenigstens einmal eine wirklich gute Erfahrung mit Kirche gemacht haben, an die sie sich gerne zurück erinnern, als gleich wieder dem Vorurteil Nahrung zu geben, dass Kirche ein engstirniger Verein sei, der an Prinzipien hängt, die kein Mensch mehr versteht.

Und manchmal kann es ja auch durchaus geboten sein, von einem wichtigen Grundsatz abzuweichen, weil eine konkrete Situation etwas anderes erfordert. Alle Prinzipien sind eben im Prinzip richtig. Wir leben nur nicht im Prinzip, sondern sehr real. Und Realität ist meist viel komplexer, als dass sie mit Prinzipien umschrieben werden könnte.

Halten wir dennoch fest, dass im Prinzip in den Verkündigungsteil eines Gottesdienstes, also als Lesungs- oder Evangelientext nichts anderes hineingehört, als eben ein Text, von dem wir nach unserer Glaubenstradition überzeugt sein dürfen, dass er Gottes Wort für uns Menschen enthält, also Teil der Heiligen Schrift - der biblischen Überlieferung - ist.

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Biblischer Text nicht gleich biblischer Text?

Nun hat manche Jugendgruppe, wenn sie einen Jugendgottesdienst fürs Wochenende vorbereitet hat, allerdings schon die Erfahrung machen müssen, dass selbst biblischer Text nicht gleich biblischer Text zu sein scheint.

Jetzt hat man schon auf das schöne Gedicht aus dem "Beten durch die Schallmauer" als Lesung verzichtet und dasselbe an der unverdächtigen Stelle einer Meditation nach der Kommunion eingebaut, und schon stört sich der Pfarrer am Bibeltext aus dem Hohenlied, den man so gerne als Lesung hätte.

'Für den kommenden Sonntag sei eine anderer Text vorgeschrieben!' heißt es dann - und auch hier hat dann der Pfarrer im Prinzip wohl recht.

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Das Messbuch als Lektionar

Um dieses Prinzip allerdings verständlich machen zu können, dazu muss ich ein wenig weiter ausholen.

In der Zeit vor der Liturgiereform fanden sich alle Texte für die Messe im Messbuch. Es waren also nicht nur die Gebete dort abgedruckt sondern auch die Lesungen und Evangelien. Dabei war für jeden Sonntag ein entsprechender Text vorgesehen. Das heißt aber, dass sich diese Texte jedes Jahr wiederholten. So gab es beispielsweise den "guten Hirten Sonntag"; das war jener Sonntag, an dem das Evangelium vom guten Hirten vorgetragen wurde.

Jetzt ist bei 52 Sonntagen natürlich klar, dass die Auswahl der Texte, die im Gottesdienst verlesen wurden, äußerst begrenzt war. Und wenn ein Text in der Matthäusfassung zum Verlesen vorgesehen war, dann wurden die Versionen der anderen Evangelisten meist überhaupt nie vorgetragen.

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Der Wortgottesdienst als Vormesse

Hinzu kam die leidige Entwicklung, dass für Katholiken die Verkündigung der Lesungstexte und des Evangeliums gegenüber dem vermeintlich wichtigeren Teil nämlich dem eucharistischen Hochgebet, immer stärker an Bedeutung verlor. Dieser Teil der Messe wurde als Vormesse abgetan. Im Bewusstsein der Leute war es absolut nicht schlimm, wenn man an ihm nicht teil nahm. Wichtig für die Erfüllung der Sonntagspflicht war es - im Empfinden des Kirchenvolkes - rechtzeitig zur sogenannten Opferung, unserer heutigen Gabenbereitung, in der Kirche zu erscheinen.

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Das Anliegen der Liturgiereform

Dagegen betonte das II. Vatikanische Konzil und in seiner Folge die Liturgiereform, dass Jesus Christus in Wort und Sakrament gegenwärtig ist.

Die Messfeier hat zwei Pole: die sakramentale Eucharistiefeier und die Wortgottesfeier mit der Verkündigung des biblischen Wortes. Das Konzil sprach daher ausdrücklich vom Tisch des Brotes und vom Tisch des Wortes. Und es betonte auch, dass es nicht bei den wenigen Texten bleiben sollte, die insgesamt im Gottesdienst zum Vortrag kamen:

"Auf dass den Gläubigen der Tisch des Gotteswortes reicher bereitet werde, soll die Schatzkammer der Bibel weiter aufgetan werden, so dass innerhalb einer bestimmten Anzahl von Jahren die wichtigsten Teile der Heiligen Schrift dem Volk vorgetragen werden." (Sacrosancatum Concilium, 51)

Von daher wurden die Lesungstexte wieder in eigenen Lektionaren zusammengestellt und aus dem Messbuch herausgenommen.

So trat neben das Messbuch nun wieder das Lektionar, was die beiden Brennpunkte der Messfeier auch von den Büchern her unterstrich. Der Ambo, als Ort der Wortverkündigung, wurde in seiner Bedeutung aufgewertet. Und die Texte, die am Sonntag für den Vortrag bestimmt waren, wurden auf drei Lesejahre verteilt.

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Drei Lesejahre für den Sonntag

Es sind dies die bekannten Lesejahre A, B und C. Im Lesejahr A werden die Evangelienstellen nach Matthäus vorgetragen, im Lesejahr B die nach Markus und im Lesejahr C die Texte nach Lukas. Da das Markusevangelium sehr viel kürzer ist als die übrigen drei, kommen im Lesejahr B auch eine Fülle von Texten aus dem Johannesevangelium zum Zuge.

Darüber hinaus gibt es immer noch eine ganze Reihe von Tagen, an denen in allen drei Lesejahren der gleiche Text als Evangelium verlesen wird. In der Heiligen Nacht hören wir selbstverständlich immer das Weihnachtsevangelium nach Lukas und am 1. Weihnachtstag und Ostersonntag sind immer die entsprechenden Texte aus dem Johannesevangelium zu hören.

In der Osterzeit dominiert darüber hinaus in allen drei Lesejahren das Johannesevangelium.

Aber auch die Zahl der Lesungen insgesamt wurde in der Folge der Liturgiereform erhöht. Es heißt in der Allgemeinen Einleitung des Messbuches (Ziffer 318) beispielsweise:

"An Sonn- und Festtagen sind drei Lesungen vorgesehen, nämlich: "Prophet", "Apostel" und "Evangelium".Dadurch soll das christliche Volk mit der nach Gottes Willen ungebrochenen Einheit der Heilsgeschichte vertraut werden."

Dementsprechend sollen dem Evangelientext zwei Lesungen vorausgehen, wobei die erste in der Regel aus dem Alten Testament stammt.

Hier ist normalerweise ein Text ausgewählt, der in einer Beziehung zum Evangelientext des entsprechenden Sonntages steht. Als zweite Lesung folgt ein Abschnitt aus den Briefen des Neuen Testamentes. Nur in der Osterzeit wird diese Abfolge durchbrochen. Dort sind die alttestamentlichen Lesungen durch Abschnitte aus der Apostelgeschichte ersetzt.

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Die beiden Lesejahre am Werktag

An Werktagen stellte sich für die Liturgen ein ganz anderes Problem: Bei der Fülle der Heiligengedenktage wurde in aller Regel eine Messe im Gedenken an den jeweiligen Heiligen gefeiert. Dementsprechend wurden auch die Lesungen, die für diesen Heiligen vorgesehen waren, zu Gehör gebracht.

Jetzt waren allerdings für die wenigsten Heiligen eigene Lesungstexte vorgesehen, sondern es gab einfach ein paar Lesungen, die für Märtyrergedenktage gedacht waren, einige für Jungfrauen und so weiter. Wenn jetzt vier Märtyrer in einer Woche gefeiert wurden, konnte es gut sein, dass man wenigsten drei Mal die gleichen Texte zum Vortrag brachte.

Hier empfiehlt das Messbuch heute, unter der Woche nicht die Texte zu nehmen, die dem Charakter des Heiligengedenktages entsprechen würden, sondern in aller Regel der für die Wochentage entwickelten Ordnung zu folgen. Es gibt nämlich nun für jeden Tag des Jahres einen speziell für ihn vorgesehenen Text.

Da die Zahl der Wochentage weit größer ist als die der Sonntage, reichte es hier aus, die Evangelienabschnitte auf die über dreihundert Tage so zu verteilen, dass eine sinnvolle Abfolge entstand. Lediglich die Lesungen aus den übrigen Schriften des Neuen und aus den Büchern des Alten Testamentes sind hier auf ein Lesejahr I und ein Lesejahr II verteilt, wobei Lesejahr I mit Abstrichen den ungeraden und Lesejahr II den geraden Kalenderjahren entspricht.

Hier werden jetzt nicht nur eine Fülle auch selten zitierter neutestamentlicher Stellen sondern darüber hinaus auch eine große Abfolge alttestamentlicher Texte, und zwar so wie sie nacheinander kommen, zu Gehör gebracht.

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Wie sich die Zeiten ändern

Dabei gingen die Liturgen, die diese Leseordnung zu verantworten haben, natürlich noch positiv davon aus, dass die Gottesdienstgemeinde am Werktag in der Regel von den gleichen Menschen gebildet wurde, oder doch zumindest in jedem Ort jeden Tag eine Messe gefeiert würde, so dass im Verlauf einer Woche etwa ein guter Teil eines biblischen Buches von den Mitfeiernden gehört werden konnte.

Das ist natürlich - und nicht erst heute - eine Illusion. Erstens gibt es gar nicht mehr so viele Gottesdienste und zweitens besuchen einzelne wenn überhaupt regelmäßig, dann noch vielleicht ein, zwei Mal die Woche die Werktagsmessen.

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Vom Auswählen der Lesungen

Hier gibt uns das Messbuch, ohne es vielleicht selbst zu ahnen eine Lösung in die Hand. Die Ordnung der Lesungen ist nämlich offensichtlich nicht sklavisch zu verstehen.

"Es kann jedoch vorkommen,"

heißt es,

"dass die Lesereihe während der Woche durch ein Fest oder eine besondere Feier unterbrochen wird. Der Priester kann dann unter Berücksichtigung der für die Woche angegebenen Lesungen Abschnitte, die sonst ausfallen würden, mit anderen verbinden oder selbst entscheiden, welche Texte vorzuziehen sind." (Messbuch, Allgemeine Einleitung, 319)

Das bedeutet im Klartext, dass bevor wichtige Texte aus welchem Grund auch immer unter den Tisch fallen, die Ordnung der Lesungen anders kombiniert und auch umgestellt werden soll.

Wenn nun in einer Woche in einer unserer Gemeinden beispielsweise nur ein Gottesdienst gefeiert werden kann, dann wäre es dementsprechend sicher im Sinne der Leseordnung, den theologisch bedeutsamsten Text, der für diese Woche vorgesehen wäre, in jenem Gottesdienst auch wirklich zum Gehör zu bringen. Zumindest aber wäre es wichtig, nicht einfach nur den Abschnitt, der nun zufällig an diesem Tag dran ist, herunterzulesen sondern den größeren Zusammenhang herzustellen.

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Und wenn es ein ganz anderer Schrifttext sein soll?

Damit wären wir aber wieder bei unserer Jugendgruppe, die sich gerade mit ihrem Pfarrer streitet, weil es partout ein anderer Schrifttext sein soll, als der, der nun gerade im Lektionar abgedruckt ist.

Auch hier hat jener Pfarrer lediglich im Prinzip recht. Denn streng genommen, gibt es gar keinen Text, der vorgeschrieben wäre - es gibt einen vorgesehenen Text.

Zumindest am Werktag räumt das Messbuch sogar ausdrücklich ein, dass ein Austausch der Texte geboten sein kann. Und für Gruppengottesdienste sieht es sogar vor, dass

"der Priester Lesungen auswählen"

kann,

"die für diese Gottesdienste geeigneter sind, sofern sie aus einem approbierten Lektionar genommen werden." (Allgemeine Einleitung ins Messbuch, 319)

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Eine oder zwei Lesungen

Wie sehr das Messbuch von pastoralen Überlegungen geprägt ist, und keinerlei Prinzipienreiterei verfolgt, das zeigt gar der Einwurf, dass zwar Sonntags wirklich drei Lesungen vorgetragen werden sollen, dass die Bischofskonferenzen aus pastoralen Erwägungen aber gestatten können, dass nur Lesung und Evangelium gelesen wird. (Allgemeine Einleitung ins Messbuch, 318).

Demnach werden bei uns in aller Regel auch nur zwei Texte vorgetragen. Es hat sich - meines Erachtens - nämlich gezeigt, dass nicht dadurch mehr verkündigt wird, indem man die Anzahl der Texte einfach erhöht. Weniger ist manchmal mehr. Die Aufnahmefähigkeit der Gemeinden gerät bei den vielen Worten schnell an ihre Grenzen.

Hinzu kommt, dass manch ein Text unbedingt einer Einführung bedarf. Manchmal wäre es wirklich fatal, ihn einfach nur zu verlesen, weil er halt vorgesehen ist, ihn dann aber unkommentiert im Raum stehen zu lassen. Da ist es dann weit sinnvoller, sich auf weniger Texte zu beschränken und einen schwierigen Text dann zu verkünden, wenn ihm auch in der Auslegung der nötige Platz eingeräumt werden kann.

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Von Psalmen und Antwortgesängen

Das gilt im Prinzip auch für einen weiteren Teil des Wortgottesdienstes.

Neben den Lesungen und dem Evangelium sind schließlich noch zwei Lieder vorgesehen. Auf das Evangelium soll sich die Gemeinde durch den Hallelujaruf einstimmen, der das ganze Jahr über - mit Ausnahme der vierzig Tage vor Ostern - hier seinen Platz hat und nach der ersten Lesung soll die Gemeinde mit einem Psalm auf das eben Gehörte antworten. Eigentlich ist es eine tolle Sache, wenn auf die Lesung, die dann ja häufig dem Alten Testament entstammt, mit dem entsprechenden Psalm geantwortet wird.

Aber Psalmen sind Lieder und sie gehören gesungen. Dazu braucht es Kantoren, die den Vortrag beherrschen und auch einen entsprechenden Weg mit der Gemeinde gehen können. Wenn dies aus einem bestimmten Grund nicht gewährleistet ist, ist es kein Ersatz, den Psalm einfach zu beten. Das wäre wie eine weitere Lesung, die eigentlich auch wieder eine Auslegung bräuchte.

Dann ist es schon sinnvoller, ein entsprechendes Lied auszuwählen, das sich auf die gerade eben gehörte Lesung bezieht. Ein solcher Bezug wäre allerdings schon wünschenswert, denn der Antwortgesang ist ja nicht einfach ein "Zwischengesang", er soll ja so etwas wie eine Antwort der Gemeinde auf das eben Gehörte sein.

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Von unsinnigen Antworten

Und manchmal ist ein solcher Gesang auch die beste Möglichkeit auf einen Lesungstext zu antworten. Denn die eigentlichen Antworten, die sich in unserer Tradition herausgebildet haben, passen nicht immer.

Nach dem Evangelium hat es sich ja eingebürgert, dass der Priester den Vortrag mit den Worten "Evangelium unseres Herrn Jesus Christus" beschließt, worauf die Gemeinde antwortet: "Lob sei dir Christus".

Bei der Lesung schließt der Lektor in der Regel mit "Wort des lebendigen Gottes", worauf die Gemeinde mit "Dank sei Gott" antwortet.

Gerade nach den Lesungstexten gilt es hier allerdings mit Bedacht heranzugehen. Manchmal ist es nämlich besser, die Antwort einfach durch eine kurze Stille zu ersetzen.

Wenn die Lesung am Freitag in der elften Woche des Jahreskreises (Jahr II) mit den Worten endet:

"Atalja aber hatte man vor dem Palast des Königs mit dem Schwert umgebracht." (2 Kön 11,20)

Dann mutet das "Dank sei Gott" recht eigenartig an.

Und auf das Ende der Lesung am Freitag in der fünften Woche des Jahreskreises (Jahr II) mit "Dank sei Gott" zu antworten, ist schon geradezu peinlich. Dort heißt es nämlich:

"So fiel Israel vom Haus David ab und ist abtrünnig bis zum heutigen Tag." (1 Kön 12,19)

Hier wird deutlich, dass der Lektor nicht einfach nur Vorleser ist, sondern auch verantwortlich darauf zu achten hat, ob es jetzt nicht sinnvoller sein kann, die formelhafte Wendung "Dank sei Gott" an solch einem Tag einfach fallen zu lassen.

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Wenn aus Mördern Mörderinnen werden

Verantwortung für den Lesungstext wahrzunehmen, gilt für Lektoren und Lektorinnen im übrigen auch bezüglich der "Brüder", die sich allenthalben in den Lesungen tummeln.

Das Sprachempfinden in Deutschland hat sich in den letzten Jahren dahingehend verändert, dass das Wort Brüder eben nicht mehr ausreicht, um auch die Schwestern zu umfassen.

Wenn im Text der deutschen Übersetzung demnach die Brüder angesprochen werden, dann sollte dieser Ausdruck beim Vortrag auch durch Brüder und Schwestern oder durch Geschwister ersetzt werden.

Der Lektor oder die Lektorin sollte darin allerdings auch konsequent sein. Denn eigentlich müsste dann auch Mörder in Mörder und Mörderinnen umgewandelt werden.

Und es muss mit Verstand an die Sache herangegangen werden. Wenn Paulus nämlich beispielsweise den Timotheus anspricht, dann kann er ihn nur als Bruder ansprechen. Aus Timotheus dann im Übereifer einen "Bruder und Schwerster" zu machen, ist dann doch des Guten zu viel.

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Unzulässige Eingriffe in den Text?

Nun hört man immer wieder den Einwand, dass solche Eingriffe in den Text nicht zulässig wären. Verändert man damit nicht ganz selbstherrlich die Schrift?

Wer dies einwendet, der müsste eigentlich die Lesungen auf Griechisch und Hebräisch vortragen lassen, denn alles andere sind Übersetzungen und jede Übersetzung ist eine Interpretation.

Wenn im hebräischen Text der Ausdruck steht, "Alles was an die Wand pisst" dann muss man sich ja fragen, ob die deutsche Übertragung für diesen Ausdruck - nämlich "alles Männliche" - wirklich adäquat ist.

Und wenn in den neutestamentlichen Briefen immer wieder das Wort "Geliebte" auftaucht, und dies in der Einheitsübersetzung durchweg mit "Liebe Brüder" übertragen wurde, dann darf man sich ja zu recht fragen, ob dies nicht mindestens so wortgetreu den Sinn wiedergibt, wie der Ausdruck "Brüder und Schwestern".

Übersetzung ist nie etwas Statisches, denn Sprache entwickelt sich weiter. Und wenn Übersetzung, dann bitte in die Sprache, die die Menschen heute sprechen. Und in unserem Sprachraum ist eben eine ganz neue Sensibilität für geschlechtsspezifisches Sprechen erwacht - und das ist auch gut so.

So drängen sich mir abschließend folgende Thesen auf:

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These 1

Wir brauchen gerade in den Werktagsgottesdiensten eine neue Sensibilisierung für die Auswahl der Lesungen.

Es kann nicht angehen, einfach nur den Text zu nehmen, der für den Tag gedacht ist, wenn es der einzige Text ist, der in dieser Woche in dieser Gemeinde im Gottesdienst vorgetragen wird.

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These 2

Dies wird besonders drängend durch die Tatsache, dass die wenigen Messen am Werktag immer mehr zu Messen "im Gedenken an die Verstorbenen der Woche" werden.

Hier gilt es darauf zu achten, dass die Gemeinde am Ende nicht nur noch - ganz ähnlich wir früher bei den Heiligengedenktagen - die Lesungen, die für den Begräbnistag vorgesehen sind, zu Gehör bekommt.

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These 3

Um den Antwortgesang - und auch den Hallelujaruf vor dem Evangelium - zu einem erbaulichen Element werden zu lassen, braucht es Menschen, die sich dieser Teile annehmen.

Der Kantorendienst ist in unseren Gemeinden allerdings nur bedingt verortet. Hier gilt es nach Lösungen zu suchen.

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These 4

Und Brüder im Sinne der Lesung sind genauso Schwestern. Demnach sollte der Lektor oder die Lektorin mit Verstand und konsequent die Texte entsprechend vortragen.

Dazu sind Lektoren ausdrücklich ermächtigt. Sie lesen nicht nur mechanisch ab, sondern haben Verantwortung, für das, was sie den Menschen weitergeben:

Es geht nicht um mechanischen Vortrag, sondern um eine lebendige Verkündigung jenes Wortes des lebendigen Gottes.

(Dr. Jörg Sieger)

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letzte Änderung: 26. April 2002