Das Konzil von Trient

1. Die Reformation als Herausforderung für die Kirche

Wir sind auf unserem Weg durch die Geschichte der Kirche bei der Reformation angelangt. Unter all den Zerreißproben, die die Christenheit bislang bestehen musste, ist sie wohl diejenige, die unsere Gegenwart mit am meisten geprägt hat - ganz besonders in Mitteleuropa. Der konfessionelle Graben, der als Folge dieser Reformation gerade Deutschland über Jahrhunderte hinweg in Lager gespalten hat, hat auch heute noch tiefe Wunden hinterlassen.

Aber eines hat die Reformation auch bewirkt. Sie ist letztlich der Grund dafür, dass die Reform, die man durch das ganze Mittelalter hindurch für die katholische Kirche ja immer wieder und von allen Seiten her gefordert hatte, endlich zu greifen begann. Der Druck, den nun plötzlich diese von der römischen Großkirche immer mehr unabhängigen christlichen Gemeinschaften und Kirchen gleichsam von außen auf die katholische Kirche ausübten, war letztlich das Movens für eine ungeheure Veränderung des alten Apparates der Kirche.

Natürlich hatte es auch schon zuvor immer wieder Ansätze von Reformen der Kirche gegeben. Wir haben in den hinter uns liegenden Wegstrecken unseres Spazierganges durch die Kirchengeschichte ja mehrfach solch ein Aufleuchten von Reformbemühungen entdecken können. Nicht zuletzt die großen Konzilien des Mittelalters sind hier zu nennen. Die umfassende Reform der Kirche an Haupt und Gliedern blieb im letzten aber immer auf der Strecke. Dazu brauchte es möglicherweise erst der Herausforderung durch die Reformation.

Von diesem Zeitpunkt an lässt sich, mit einigen Abstrichen, Kirchengeschichte dann sogar als Reformgeschichte betreiben. Wir werden sehen, dass die Jahrhunderte nach der Reformation im Grunde fast durchgängig auf der einen Seite durch reformierenden Neubeginn, genauso wie auf der anderen Seite durch jegliche Reform und Neuerung bekämpfende Bewahrung geprägt sind. Reform und Reformverweigerung, Öffnen und Übersetzen für die jeweilige Zeit und Bewahren der Tradition bis hin zu beinahe schon verblendetem Traditionalismus - diese Pole prägen die nun mit der Reformation einsetzende Neuzeit der Kirchengeschichte.

Der Beginn dieser Reformgeschichte der Kirche und gleichzeitig die große Antwort auf das Ereignis der Reformation ist das große und heute vielfach verkannte Konzil von Trient.

2. Die Vorgeschichte des Konzils von Trient

Als diese Versammlung am 13. Dezember 1545 eröffnet wurde, konnte man seine spätere Bedeutung nur schwerlich erahnen. Lediglich 31 stimmberechtigte Konzilsväter waren in Trient zusammengekommen.

Diese anfänglich geringe Zahl der Konzilsteilnehmer lässt schon darauf schließen, dass bereits die Einberufung des Konzils nicht ganz einfach gewesen war. Um es ganz kurz zu sagen: Der Papst wollte es eigentlich nicht. Man kann dies auch schon daran ablesen, dass die Kirche erst 25 Jahre nach Ausbruch der Reformation mit dieser Synode auf die Ereignisse reagierte.

Immer wieder hatten die Päpste in den davorliegenden Jahrzehnten dem Ansinnen, ein Konzil einzuberufen, gewehrt und dies - vielleicht etwas verkürzend, aber doch ganz treffend gesagt - einzig und allein aus dem Grund, weil sie fürchteten, ein Konzil könnte ihre eigenen Machtansprüche schmälern.

Nur am Rande sei erwähnt, dass auch der französische König kein Interesse an der Einberufung des Konzis hatte. Ihm war die Schwächung Deutschlands durch die kirchlichen Wirren eigentlich recht. Ein Konzil konnte seinen Widersacher, den Kaiser, eigentlich nur stärken.

Damit verstrichen wertvolle Jahre. Die Chance, die Geschehnisse um die Reformation letztlich doch noch in eine durchgreifende Reform der Kirche einmünden zu lassen und dadurch eine tiefgreifende Spaltung zu verhindern, wurde dadurch endgültig vertan.

3. Die 1. Tagungsperiode (1545-1548)

Wenn Paul III. (1534-1549) im Jahre 1545 dennoch das Konzil eröffnete, dann nur, weil ihm Kaiser Karl keine Ruhe ließ und immer wieder auf die Notwendigkeit einer wirklichen kirchlichen Antwort auf die Ereignisse hinwies.

a. Trient als Konzilsort

Diese zögerliche Haltung des Papstes drückt sich letztlich auch in der Wahl des Konzilsortes aus. Ursprünglich hatte man aus Anlass der Geschehnisse einen Konzilsort vor Ort, in Deutschland also, angestrebt, um sich dort mit den Protestanten einigen zu können. Trient war ein Kompromiss. Es lag einerseits südlich der Alpen, lag aber gerade auch noch innerhalb der Grenzen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation - es war also gleichsam der südlichste Zipfel des Reiches.

b. Der Verlauf und die Verlegung nach Bologna

Die 31 Konzilsväter des Jahres 1545 begannen nun damit, die großen Themen der Reformation zu diskutieren. Man verhandelte in dieser ersten Tagungsperiode des Trienter Konzils das sogenannte "sola-scriptura-Prinzip", jenes reformatorische Prinzip also, dass allein die Heilige Schrift Richtschnur des Glaubens sei. Darüber hinaus ging man die strittigen Auffassungen über die Gnade, die Rechtfertigung und die Lehre von der Erbsünde an.

So gewann die Versammlung langsam an Bedeutung. Im Frühjahr 1547 waren bereits 67 Bischöfe und 7 Ordensobere anwesend. Dann aber unterbrach der Ausbruch einer Seuche die Verhandlungen. Deshalb sah sich Papst Paul III. gezwungen, das Konzil am 11. März 1547 nach Bologna zu verlegen.

Es hagelte Proteste. Man hatte ja immer noch gehofft, dass auch die Protestanten am Konzil teilnehmen würden. Nach Bologna aber, das einmal schon außerhalb des Reiches lag, vor allem aber zum Kirchenstaat gehörte, würden die Protestanten - das war klar - unter keinen Umständen kommen.

c. Das Ende der ersten Tagungsperiode

So stellten die Konzilsväter denn auch im Jahre 1548 ihre Arbeit ein. Beendet wurde diese erste Tagungsperiode des Konzils dann kurz darauf bezeichnenderweise wieder durch einen politischen Anlass, und zwar aufgrund einer Auseinandersetzung zwischen Papst und Kaiser.

Der Papst hatte nämlich einen Sohn, Pierluigi Farnese, und der war recht lasterhaft geraten. Nichtsdestoweniger wollte ihn sein Vater mit einem Teil des Kirchenstaates, den jener als selbstständiges Herzogtum erhalten sollte, versorgen. Das rief den Kaiser auf den Plan. Er drohte kriegerische Auseinandersetzungen an.

Unter dem Druck dieser Ereignisse wurde das Konzil von Trient am 14. September 1549 von Papst Paul III. erst einmal suspendiert. Damit endete die erste Tagungsperiode zunächst einmal - gemessen an den Erwartungen, die viele an dieses Konzil hatten - enttäuschend.

4. Die 2. Tagungsperiode (1551-1552)

Erst zwei Jahre später eröffnete Julius III. das Tridentinum neu. Und was man schon beinahe nicht mehr zu hoffen gewagt hatte: jetzt kamen auch die Protestanten. Aber die einheitliche Basis zu gegenseitigen Verhandlungen, von der der Papst noch ausging, war schon lange nicht mehr vorhanden.

Die Protestanten forderten selbstbewusst, dass die bisherigen Beschlüsse des Konzils rückgängig gemacht werden müssten. Darüber hinaus sei das Konzil nicht allgemein, weil nicht alle Nationen vertreten seien. Es sei auch nicht frei, weil es nicht vom Papst gelöst sei. Von daher wurde gefordert, dass das Konzil nicht weiter unter dem Vorsitz des Papstes stehen dürfe. Julius III. untersagte daraufhin alle weiteren Verhandlungen.

Ein Fürstenaufstand in Deutschland - also wieder ein politischer Anlass - brachte die Arbeit des Konzils bald darauf ganz zum Erliegen. So endete diese Tagungsperiode bereits im Jahre 1552 nahezu ergebnislos.

5. Die 3. Tagungsperiode (1562-1563)

Nun dauerte es sogar ganze zehn Jahre, bis man wieder zusammentrat. Im Jahre 1562 begann die dritte und eigentlich entscheidende Tagungsperiode des Konzils von Trient.

Man behandelte jetzt so wichtige Themen wie die Eucharistie, regelte die Messfeier, die Priesterweihe, klärte Fragen um die Sakramentalität der Ehe und führte mit dem berühmten Dekret "Tametsi" die Formpflicht bei der Eheschließung ein.

Als das Konzil am 3. bzw. 4. Dezember 1563 endgültig geschlossen wurde, waren 199 Bischöfe, 7 Äbte und 7 Ordensgeneräle anwesend. Ihre Beschlüsse und Dekrete wurden am 21. Januar 1564 von Papst Pius IV. ausnahmslos bestätigt.

6. Würdigung

Es ist schade und völlig unangemessen, dass das Konzil von Trient heute - vor allem im Blick auf die Reformen des II. Vatikanischen Konzils - immer wieder im Zusammenhang mit modernen traditionalistischen Strömungen genannt wird. Das Tridentinum und die tridentinische Messe werden hier vor allem als Gegensatz zum Vatikanum und der erneuerten Liturgie betrachtet. Damit erhält das Trienter Konzil einen Beigeschmack, den es absolut nicht verdient hat.

Mit Hubert Jedin können wir das Konzil von Trient vielmehr als "die Antwort des kirchlichen Lehramtes auf die protestantische Reformation" bezeichnen. Aber auch in diesem Zusammenhang ist Trient nicht einfach eine kontroverstheologische Erwiderung auf die Positionen der Reformatoren. Es stellt vielmehr eine lehramtlich klare Abgrenzung der katholischen Glaubenslehre dar, eine innerkirchliche Besinnung, eine echte Reform.

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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Letzte Änderung: 20. Juli 2000