Die Weiterentwicklung der altkirchlichen Theologie

Das Ringen um die Person Jesu Christi und wie man über ihn sprechen könne, ging auch  im 5. Jahrhundert unvermindert weiter.

1. Der Streit um die Naturen Jesu Christi

Hatte man bisher danach gefragt, in welchem Verhältnis der Sohn zum Vater steht, so ging es nun vor allem um die Frage, wie es sich mit Jesus Christus selbst verhält. Wenn dieser Jesus Christus eines Wesens mit dem Vater ist, wenn er Gott selbst ist, war er dann also kein Mensch, war er dann etwa nur scheinbar Mensch?

Es entbrannte nun also die Auseinandersetzung über die Frage nach dem Verhältnis von Gottheit und Menschheit in Jesus Christus, also die Frage nach der göttlichen und menschlichen Natur Christi.

a. Die Position der Monophysiten

Und wenn ich von Auseinandersetzung spreche, dann ist damit schon angedeutet, dass genau hier der nächste große Streit in der Theologie entbrannte. Die erste Lösung, die für dieses Problem formuliert wurde, lautete nämlich - ganz verkürzt gesagt: Jesus Christus war so sehr Gott, dass von seiner Menschheit eigentlich fast gar nichts mehr übrigbleiben konnte. Der Gottessohn Jesus von Nazareth, der konkret geschichtlich auf Erden lebte, hatte nur eine Natur, und zwar eine gottmenschliche Natur. Und in dieser Natur war der göttliche Anteil so dominant, dass er den menschlichen Anteil fast ganz aufgesogen hat.

Die Gruppe von Theologen, die diese Position vertrat, nennt man nach ihrer Auffassung, dass Jesus nämlich nur eine Natur, also nur eine Physis hatte, Monophysiten. Und um diese Theologen entbrannte nun der Streit um den sogenannten Monophysitismus. Er beherrschte die theologische Diskussion der ganzen ersten Hälfte des 5. christlichen Jahrhunderts.

b. Die Auseinandersetzung um die Monophysiten

Denn natürlich standen den sogenannten Monophysiten andere Theologen gegenüber, die ganz stark betonten, dass in Jesus Christus nicht eine, sondern vielmehr zwei Naturen vorhanden wären. Natürlich eine göttliche Natur, aber auch genauso eine menschliche Natur.

Beide Positionen waren beinahe unversöhnlich. Und nach mehreren, schon regelrecht peinlichen Synoden, darunter der sogenannten "Räubersynode" des Jahres 449, auf der es tatsächlich so zuging, dass sie diesen Namen auch verdient, nach all diesen gescheiterten Versuchen berief Kaiser Marcian (450-457 n. Chr.) im Jahre 451 n. Chr. ein allgemeines Konzil nach Chalcedon ein.

c. Chalkedon und der "tomus Leonis"

Rund 350 Bischöfe kamen zu dieser größten ökumenischen Synode des Altertums zusammen. Und absolutes Novum war dieses Mal, dass die Vertreter des Bischofs von Rom, die Vertreter Papst Leos d. Gr., dieser Synode vorstanden. Und Leo d. Gr. war es auch, der letztlich den Streit beizulegen vermochte und zwar durch seinen berühmten Brief, den er an Flavian, den Patriarchen von Konstantinopel, schickte.

Leo sagte ganz einfach: Wenn dieser Jesus von Nazareth Gottes Sohn war, wenn er Gott und Mensch gewesen ist, dann müssen in ihm auch eine göttliche und einen menschliche Natur gewesen sein. Die Lehre von der einen gottmenschlichen Natur wies Leo also zurück.

Die Gottheit und Menschheit Christi sei also nicht miteinander vermischt, wie die Monophysiten behaupteten. Aber - und das macht wohl die Bedeutung des Schreibens Leos d. Gr. aus - er sagt gleichzeitig, dass Gottheit und Menschheit in Christus auch nicht voneinander zu trennen seien. Die Naturen in Christus seien unvermischt, aber auch ungetrennt.

Damit brachte Leo gleichsam eine Kompromissformulierung ins Spiel, die auf Zukunft hin geeignet war, die Wogen der christologischen Auseinandersetzung zu glätten.

2. Große Theologen im Westen

Ich habe das einerseits wegen der theologischen Bedeutung dieser Frage etwas eingehender entfaltet, andererseits aber vor allem deswegen, weil an diesem Punkt deutlich wird, dass wir plötzlich in eine ganz neue Dimension der Geschichte unserer Kirche eintreten. Erstmals spielt hier nämlich in der Theologieentwicklung der Westen des römischen Imperiums eine entscheidende Rolle.

Alles Wesentliche ist bisher schließlich im Osten gedacht und vorwärts getrieben worden. Die alten Konzilien fanden ja nicht umsonst allesamt im Vorderen Orient statt. Der Brief Leos d. Gr. aber macht nun deutlich, dass im Westen des römischen Reiches mittlerweile auch Theologen und vor allem auch eine Theologie herangereift sind; und zwar eine Theologe mit der man auf Zukunft hin verstärkt rechnen musste.

a. Ambrosius

Wir sind das letzte Mal bereits auf Cyprian von Karthago und auch Tertullian gestoßen, zwei Theologen des 3. Jahrhunderts, die einen ersten Höhepunkt der Theologie des Westens markieren. Jetzt, im 4. und 5. Jahrhundert, begegnen uns verstärkt Persönlichkeiten aus dem Weströmischen Reich, die Theologiegeschichte machten. Stellvertretend für sie sei hier zunächst einmal Ambrosius von Mailand genannt.

339 n. Chr. vermutlich in Trier geboren , wurde er im Jahre 374 zum Bischof von Mailand gewählt. Mit ihm bestieg ein Theologe ersten Ranges den Mailänder Bischofsstuhl.

Und das hat nicht zuletzt deshalb ganz besondere Bedeutung, weil in Mailand zu dieser Zeit der Kaiser des Weströmischen Reiches residierte. Als Bischof der kaiserlichen Residenzstadt hatte Ambrosius nicht zu unterschätzenden Einfluss, zumal er kein Blatt vor den Mund nahm. Auch vor dem Kaiser schreckte er nicht zurück.

"Der Kaiser ist in der Kirche, aber nicht über der Kirche"

Mit diesem Satz markiert Ambrosius letztlich bereits einen anderen Weg, als den, den man im Osten des römischen Imperiums ging. Wir haben ja bereits mehrfach gesehen, dass sich die Kaiser des 4. Jahrhunderts gleichsam als Ordnungs-Instanz auch in der Kirche verstanden haben. Nicht von ungefähr waren es die Kaiser, die die großen Konzilien einberufen haben.

Wenn Ambrosius den Kaiser hier in seine Schranken verweist, dann markiert dies schon den Anfang eines neuen Verhältnisses zwischen staatlicher und kirchlicher Gewalt. Wir werden sehen, dass dieser Neuansatz im Westen, auch durch die weitere politische Entwicklung bedingt, Folgen haben wird.

b. Augustinus

Die faszinierende Persönlichkeit des Ambrosius von Mailand war letztlich auch ein entscheidender Faktor dafür, dass ein zweiter, in der Folge ungeheuer wichtiger Mann, seinen Weg zum Christentum gefunden hat - und damit meine ich natürlich keinen anderen als Augustinus.

Augustinus, der 354 in Tagaste in Numidien geboren worden war, lernte den Bischof von Mailand persönlich kennen. Und diese Begegnung mit dem großen Theologen war ein wichtiger Punkt für dessen Bekehrung zum Christentum.

In seiner Jugend war Augustinus ja alles andere als vorbildhaft. Äußerst ausschweifend, zuweilen ja sogar lasterhaft, hat er erst im Laufe vieler Jahre und über viele Stationen hinweg einen Zugang zum christlichen Glauben gefunden. Auf diesem Weg aber erwuchs unserer Kirche einer ihrer brillantesten Köpfe, ein Mann, der wie wohl kein zweiter zu seiner Zeit die Geschichte der Theologie geprägt hat.

395 wurde er Bischof in Hippo, in Nordafrika. Von dort aus gingen seine Schriften und theologischen Traktate in die ganze westliche Welt. Kaum ein Thema, zu dem sich Augustinus nicht geäußert hat; kaum eine Frage, die man nicht an ihn herantrug, damit er dazu Stellung nehmen solle.

Bei aller Gelehrsamkeit und aller Bedeutung aber, muss eines hier doch angeführt werden: Augustinus hatte bereits kaum noch eine Ahnung von der griechischen Sprache. Er hatte sie zwar in seiner Jugend noch erlernt, so wie manche heute eben in der Schule halt noch Latein lernen, er sagt aber selbst, dass er im Grunde kaum etwas davon behalten hatte. Mit dem Gedankengut, das die Kirchenväter im Osten entwickelt hatten, konnte er zeitlebens nie sehr viel anfangen. Ja und selbst die Heilige Schrift benutzte er fast ausschließlich in ihrer lateinischen Übersetzung.

Das ist ein Umstand, der nicht genug betont werden kann. Mit einer Sprache ist schließlich nie nur eine bestimmte Ausdrucksweise verbunden. Eine Sprache umschließt ja immer auch eine ganz bestimmte Art zu denken. Und wir können hier demnach festhalten, dass Augustinus - und mit ihm die westliche Welt - nicht mehr griechisch dachten. Man dachte nun lateinisch. Und damit bekam auch die Theologie einen ganz eigenen, einen neuen, einen anderen Akzent.

Wir haben hier ein weiteres Indiz dafür, dass sich der Osten und der Westen des römischen Imperiums nicht nur politisch, sondern auch religiös, theologisch, langsam auseinanderentwickelten. Dies beginnt eben schon mit der Sprache. Man begann den anderen und sein Denken nicht mehr zu verstehen - und das im wahrsten Sinne des Wortes.

c. Hieronymus

Diese sprachliche Entwicklung muss man auch berücksichtigen, um die Bedeutung des Werkes eines anderen Theologen voll ermessen zu können. Ich denke hier an Hieronymus, der von 347 bis 420 lebte. Er war vielleicht einer der letzten Kirchenväter, der sowohl in der griechischen, der hebräischen, als auch in der lateinischen Sprache zu Hause war.

Und seinem Sprachgenie ist es zu verdanken, dass die Theologen des Westens sich nunmehr auf eine ordentliche und ausgereifte lateinische Bibelübersetzung stützen konnten.

In erstaunlicher Geschwindigkeit übersetzte Hieronymus nämlich die Schrift aus den Originalsprachen ins Lateinische und schuf damit einen Text, der bis in die Neuzeit für die Theologie bestimmend geblieben ist.

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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Letzte Änderung: 18. Juli 2000