Eine verfolgte Kirche?

Das bisher gesagte provoziert natürlich die Frage, wie eine selbstsicher auftretende Kirche zu dieser Zeit im römischen Imperium möglich gewesen sei. Wir kennen doch alle die zahlreichen Märtyrerberichte und die Überlieferungen von den großen Verfolgungen. Schließt sich das nicht gegenseitig aus?

Damit kommen wir zu einem weiteren Themenkomplex. Die Kirche der ersten drei Jahrhunderte ist in der Vorstellung vieler nämlich eine verfolgte Kirche, ganz besonders geprägt durch Christenverfolgung und Martyrium. Von Anfang an hätten die Christen unter Verfolgungen zu leiden gehabt und erst die große Konstantinische Wende zu Beginn des 4. Jahrhunderts hätte diesem wüsten Treiben der Christenverfolger ein Ende gemacht.

Dies stimmt so nicht, dies ist ein weitverbreiteter Irrtum. Schauen wir uns die ersten drei Jahrhunderte deshalb unter diesem Aspekt einmal näher an.

1. conquirendi non sunt ["Man soll sie nicht aufspüren."]

a. Eine jüdische Sekte

Für den römischen Staat waren die Christen anfangs nichts anderes als eine jüdische Sekte. Damit galten sie, wie die Juden, als nicht einfach; aber das gab den Römern noch keinerlei Anlass die Christen irgendwie zu behelligen. Die jüdische Religion genoss im toleranten römischen Reich den Status einer "religio licita", sie war erlaubte Religion und sogar mit staatlichen Privilegien und staatlichem Schutz versehen. In diesem Schutz konnten sich demnach auch die Christen anfangs ungestört ausbreiten.

Natürlich gab es von Anfang an Spannungen mit den Juden. Das war für die Römer aber kein Grund die Christen zu verfolgen. Als im Jahre 49 n. Chr. in Rom Streitereien zwischen Juden und Christen auftreten betrachten die Römer dies als innerjüdische Angelegenheit und weisen einfach alle Juden - und damit dann natürlich auch Christen - aus Rom aus.

b. Nero und der Brand Roms

Der erste "böse Christenverfolger" ist nun Kaiser Nero, der von 58-68 n. Chr. das Imperium beherrschte. Ein Mann, mit dem auch die Römer selbst keine rechte Freude hatten. Sueton urteilt über ihn:

"Ein solches Scheusal ertrug der Erdkreis vierzehn Jahre auf dem Kaiserthron!"

Aber dieser Nero verfolgt nun die Christen, nicht etwa um ihres Glaubens willen.

Tacitus berichtet uns in seinen Annalen (15,44) darüber, dass im Jahre 64 n. Chr. Rom plötzlich in Flammen aufging. Die Ursache dafür bleibt ungewiss und bald verbreitet sich das Gerücht, dass Nero die Stadt selbst angezündet habe. Er hatte den Plan, den imperialen Willen in greifbare Architektur ausführen zu lassen, Rom also neu erstehen zu lassen. Dabei störten die alten Häuser. Sie mussten weg.

Nero bekommt nun, durch die Gerüchte, dass er selbst den Brand gelegt habe, vermutlich Angst und er verbreitet eine Gegenmeldung: Nicht er, sondern eine Minderheit habe den Brand angesteckt, die Christen!

Man hat also eine scheinbar nicht sonderlich beliebte, sogar eher allgemein unbeliebte Minderheit für die Rolle des Sündenbocks gefunden. Die Christen hatten sich - vielleicht schon kurz nach der Ausweisung der Juden, nun als eigenständige Gruppe in Rom etablieren können und sie hatten sich profiliert. Als Minderheit waren sie aber - wie alle Minderheiten - suspekt und beargwöhnt. Tacitus berichtet, dass diese Christen

"wegen ihrer Schandtaten bekannt waren."

Dementsprechend ließ Nero diese Übeltäter nun wegen der Brandstiftung in Rom aufgreifen und nach der Verurteilung in Volkshinrichtungen bestrafen.

"Flagitia", "Übeltaten", waren also der Anlass zur Verurteilung. Die Christen, denen man "Menschenhass" vorwarf , wurden also als Verbrecher eingestuft. So werden sie im Vorfeld der Ermittlungen als Christen, als Menschen, die das römische Volk hassen, aufgestöbert und formal als Brandstifter ("flagitium") verurteilt.

Sie werden also nicht als Christen verurteilt, nicht deswegen, weil sie Christen sind, das ist sehr wichtig. Sie sind zwar bereits durch ihr Christsein suspekt, aber die Hinrichtung erfolgt aufgrund der "rechtlichen" Verurteilung als Brandstifter. Ob dies nun zutreffend ist oder nicht.

Nicht die Ausübung ihrer Religion wird ihnen zum Verhängnis, sondern das factum, dass sie als wenig beliebte Minderheit in die Rolle des Sündenbocks gedrängt wurden.

Die erste Verfolgung der Christen war also keine Verfolgung, die religiös motiviert war. Die Christen in Rom hatten - sarkastisch gesprochen - eben das Pech, dass man ihnen ein Verbrechen in die Schuhe schob, das in Wahrheit vermutlich der Kaiser zu verantworten hatte.

c. Die Verfolgung unter Domitian (81-96 n. Chr.)

Nach Nero wurde vor allem Domitian, der von 81 bis 96 n. Chr. herrschte, von den Apologeten als typischer Christenverfolger gebrandmarkt. Aber auch hier scheinen die Christen nicht wegen des Namens Christi verfolgt worden zu sein. Ihnen wurde vielmehr Gottlosigkeit vorgeworfen. Sie weigerten sich schließlich den Kaiser als "dominus et deus", als Herrn und Gott zu verehren. So müssen wir hier als Anklagepunkt wohl zuallererst von einer religiös motivierten Majestätsbeleidigung ausgehen. Die Verurteilung von Christen, so sie denn in dieser Zeit zu belegen ist, entspränge dann nicht einer organisierten Verfolgung einer anderen Religion, sondern vielmehr einem kranken Herrscherhirn sowie einer kaiserlichen Profilneurose.

d. Die Haltung Trajans (98-117 n. Chr.)

Von Interesse ist für uns dann vor allem die Haltung des Kaisers Trajan, der um den Jahrhundertwechsel an die Macht kam. Sein Statthalter in Bithynien, Plinius, unterhielt nämlich einen regen Briefwechsel mit dem Kaiser. Und aus diesen Briefen wissen wir, daß im Gebiet des Plinius Christen lebten.

Ihren Glauben bezeichnet Plinius als "superstitio", als "Aberglaube". Er weiß aber nicht so recht, was er mit ihnen anstellen soll. Wenn er bisher mit Christen konfrontiert worden war, dann sei er nur darauf aus gewesen, dass sie ihrem Glauben abschworen. Dann habe er sie wieder laufen lassen. Nun wandte sich Plinius an den Kaiser mit der Frage, wie er sich denn den Christen gegenüber verhalten solle.

Trajan antwortete:

"conquirendi non sunt" - ["Man soll sie nicht aufspüren."]

Es soll also gerade keine Christenhetze stattfinden. Nur wenn sie angezeigt und überführt würden, dann seien sie zu verurteilen und zwar aufgrund ihres Aberglaubens. Dabei macht Trajan ausdrücklich klar, dass keine anonymen Anzeigen angenommen werden dürfen.

Als Nachlass für das Christsein reicht es aus, den traditionellen Göttern zu opfern.

e. Zusammenfassung

Das ist die erste halbwegs brauchbare Auskunft über die tatsächliche Haltung des römischen Staates gegenüber den Christen.

Da und dort haben sicher Prozesse gegen Christen stattgefunden, aber von einer geordneten Verfolgung kann nicht gesprochen werden. Erst recht kann nicht die Rede davon sein, dass die Christen generell als Verbrecher oder Verschwörer betrachtet wurden.

Dennoch ist auch aus der Auskunft Trajans zu entnehmen, dass das "nomen Christianum", dass also allein der Name Christ schon Grund für eine regelrechte Anklage war.

Was aber macht allein schon den Namen "Christ" für die Römern suspekt?

Die Christen treten mit dem Anspruch der "religio vera", der "religio absoluta", also mit dem Anspruch auf, die einzig wahre Religion zu sein. Sie erwiesen sich demnach als wenig tolerant. Dieser Anspruch und diese Haltung aber schaffte eine Antistimmung in der Bevölkerung und führte hier und dort letztlich zu pogromartigen Verfolgungen.

Das Einschreiten des Staates liegt also im Grunde darin begründet, dass die Christen durch ihren Anspruch die öffentliche Ruhe stören. Das ist die eigentliche Motivation des römischen Staates, gegen Christen vorzugehen. Wo Christen Widerspruch erregen, wo sie zu Unruhen Anlass geben, da ist nämlich die "salus publica" angegriffen und da reicht dann das bloße "nomen Christianum" zur Verurteilung schon aus.

2. "ecclesiam esse delendam" [die Kirche ist zu vernichten"]

Bisher ist also unbedingt festzuhalten: Christsein bedingt nicht in jedem Fall das Martyrium. Natürlich bestand in manchen Gegenden des römischen Imperiums das Risiko als Märtyrer zu sterben, bis 250 n. Chr. aber starben auch die Christen - wie sich das auch gehört - in aller Regel normalerweise im Bett.

a. Ein neues Selbstbewusstsein

Im 3. Jahrhundert aber war die Kirche - wir haben das im Blick auf die Entwicklung der Altkatholischen Bischofskirche bereits gesehen - eine selbstsichere Größe geworden. Sie war bereits zu einem Machtfaktor herangewachsen und hatte ein extrem starkes Selbstbewusstsein entwickelt. Dies machen die Schriften eines Cyprian von Karthago oder eines Tertullian nur überdeutlich.

Der nordafrikanische Kirchenvater Tertullian schreibt beispielsweise:

"Wir wären imstande gewesen, auch ohne Waffen, auch ohne Aufstand, als bloße Unzufriedene schon durch unseren Hass und Absonderung gegen Euch zu kämpfen. Denn, wenn wir - eine solche Anzahl von Menschen - uns von Euch (also den übrigen Menschen im Imperium Romanum) losgerissen und nach irgend einem abgelegenen Winkel des Erdkreises begeben hätten, so würde der Abgang einer solchen Zahl von Bürgern jeder Art Eure ganze Regierung in Verruf gebracht, ja sogar bestraft haben durch die bloße Lossagung. Ohne alle Zweifel wäret Ihr sehr erschrocken gewesen bei Eurer Verlassenheit, bei dem Stillstande des Verkehrs und dem unheimlichen Anblick des ausgestorbenen Erdkreises..."

Wenn die Christen also nur aus der Gesellschaft ausziehen würden, dann würden sie schon dadurch ein solches Loch hinterlassen, dass man die Erde schon gleichsam als ausgestorben bezeichnen müsste.

Das ist natürlich Rhetorik, das ist übertrieben, das steht in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Bedeutung der Kirche in der damaligen Zeit. Aber es macht deutlich, dass dieses neue Selbstbewusstsein der Christen eine andere Reaktion der nichtchristlichen Gesellschaft provozieren musste, als dies noch in den ersten Jahrhunderten der Fall war. Die Rolle der Christen wurde von den eigentlichen Machthabern nun selbstredend anders bewertet, als in der Frühzeit.

b. Die Schwäche des Imperiums

Und dies um so mehr, als dieses neue, selbstbewusste Auftreten der Kirche auf der anderen Seite auf ein ungeheuer geschwächtes Staatswesen stieß. In der Zeit von 235 bis 284 n. Chr., also in nicht einmal 50 Jahren, haben wir nämlich insgesamt 30 Kaiser auf dem römischen Thron. Eine Zahl die schon von sich aus die Schwäche des Imperiums in der damaligen Zeit überdeutlich macht.

Von daher lässt sich die Vorgehensweise der einzelnen Kaiser gegen die Christen erklären. Schauen wir dazu über einen bestimmten Zeitraum hinweg die Reaktion der jeweiligen Kaiser einmal an:

c. Alexander Severus und Maximinus Thrax

Alexander Severus etwa war ein Zeuge modern anmutender Toleranz. Er verhielt sich den Christen gegenüber äußerst wohlwollend. Seine Mutter war sogar bereit zum Religionsgespräch mit dem Kirchenvater Origenes.

Sein Nachfolger Maximinus Thrax, der von 235-248 n. Chr. regierte, war hingegen grundsätzlich antichristlich eingestellt. Und dies hing wahrscheinlich allein damit zusammen, dass er sich von seinem Vorgänger absetzen musste. Weil sein Vorgänger eine christenfreundliche Politik betrieben hatte, unter seinen Parteigängern und Freunden daher auch sicher etliche Christen waren, betrieb Maximinus Thrax demnach also eine eher christenfeindliche Politik. Er suchte seine Anhänger unter denen, die sich von seinem Vorgänger vor den Kopf gestoßen fühlten.

Hinzu kam, dass die Truppen, die Maximinus Thrax an die Macht gebracht hatten, von ihrer Herkunft her kaum christliche Kontigente enthielten. Auch von daher stütze eine christenfeindliche Politik eher seine Anhängerschaft.

d. Christentum als Objekt des politisches Kalkül

Das Christentum spielt in der Politik jetzt also eine besondere Rolle. Es wird zum Objekt des politischen Kalküls, zum Spielball einer politischen Profilierung. War der Vorgänger ein Christenfreund, wurde man selbst zum Christenfeind, allein um sich von der Politik des Vorgängers abzusetzen.

So war beispielsweise Philippus Arabs, der auf Maximinus Thrax folgte, wieder ein durchweg christenfreundlicher Kaiser. Unter seinen Leuten waren denn auch wahrscheinlich eine Reihe Christen.

Das Christentum rutscht also um die Mitte des 3. Jahrhunderts ab zur Größe politischer Berechnung.

e. Die Verfolgung des Decius (248-251 n. Chr.)

Der Nachfolger des Philippus Arabs, der - wie bereits gesagt - durchweg christenfreundlich eingestellt war, war nun Kaiser Decius. Er war denn auch wieder christenfeindlich. Decius, der selbst gar kein Römer war, orientierte sich - vielleicht in Überwindung eines Minderwertigkeitsgefühls - ganz an der alten römischen Tradition. Die religio spielt in dieser Tradition aber eine ganz große Rolle. Die alten Götter sind für Decius daher auch die Garanten der "salus publica" und des Heils des Kaisers. Und deshalb muss die Verehrung der alten Götter auch wirklich reichsweit durchgesetzt werden. Dies sind die Wurzeln der ersten wirklich reichsweiten Verfolgung der Christen. Die erste wirklich reichsweite Verfolgung der Christen findet demnach erst im Jahre 250 n. Chr. statt.

Decius lässt dabei die ganze Bevölkerung nach Steuerlisten antreten, kontrollieren und opfern. Die Opfernden erhalten danach Opferscheine ausgestellt, mit denen sie nachweisen können, dass sie ihrer Bürgerpflicht Genüge getan haben.

f. Die Reaktion der Christen

Auf diese Aktion, die urplötzlich über das Reich hereinbrach, waren die Christen absolut nicht vorbereitet. Und so haben wir es am Ende dieser Verfolgungswelle nicht so sehr mit einer hehren Kirche der Märtyrer zu tun. Wir begegnen vielmehr einer peinlich großen Zahl von schwach gewordenen Christen.

Die Zahl derer, die ihrem Glauben abgeschworen haben oder sich durch Bestechung - gleichsam auf dem Schwarzmarkt - eine Opferbescheinigung erschlichen haben, ist groß. Sie wird in der Folge zu einem großen theologischen Problem. Wie soll man mit diesen Menschen, mit der großen Zahl der Abgefallenen nun umgehen? Diese Frage wird ganz kontrovers diskutiert. In der Folge ist sie aber genau der Ansatz für die Entwicklung einer eigenen Bußpraxis in der kirchlichen Pastoral. Hier liegen die geschichtlichen Wurzeln der konkreten Ausgestaltung des Bußsakramentes.

Für die Christen war es ein Glück, dass Kaiser Decius nicht sehr lange lebte. Sein früher Tod beseitigt das Problem der reichsweiten Verfolgung glücklicherweise recht rasch.

g. Die Großaktion des Valerianus (253-269 n. Chr.)

Nach dem Tod des Decius erfreuten sich die Christen - beinahe könnten wir jetzt schon sagen: der Regel entsprechend - zunächst auch wieder einer Zeit der Ruhe. Kaiser Valerianus war zu Beginn seiner Regierungszeit, bis zum Jahre 257 n. Chr., recht christenfreundlich eingestellt.

Vier Jahre aber nach seinem Regierungsantritt musste Valerianus erhebliche außenpolitische Schwierigkeiten bewältigen. Möglicherweise waren auch damals die Christen ein besonders dankbares Objekt der Ablenkung von diesen außenpolitischen Misserfolgen. Im Jahre 257 ging Valerianus dementsprechend systematisch gegen die Christen vor.

Aber auch hier haben wir es zunächst nicht mit einer großangelegten Massenvernichtung zu tun. Valerianus setzte nämlich gezielt am Klerus an. Er hatte das Funktionieren der Altkatholischen Bischofskirche klar erkannt. Er wusste, dass die kirchliche Organisation mit den Bischofsgestalten stand und fiel. So versuchte er aus der Kirche eine kopflose Masse zu machen. Er versuchte die Organisation der Kirche an ihrem Nerv zu treffen.

Ein Jahr später aber wurden die Edikte gegen die Christen ausgeweitet. Damit begann dann tatsächlich eine großangelegte Verfolgung in weiten Teilen des Imperiums. Die Verfolgungszeit des Valerian ist denn auch eine der durchgreifendsten und grausamsten.

Dass solch ein schrecklicher Kaiser nicht eines natürlichen Todes sterben kann, das liegt natürlich klar auf der Hand. Die christliche Propaganda in Gestalt des Kirchenvaters Laktanz bemüht sich denn auch in allen Farben auszumalen, dass dieser grausige Kaiser selbst ein noch grausigeres Ende fand. Damit sollte aller Welt ganz klar gezeigt werden, wohin man mit solch einem üblen Tun gegenüber den Christen kommt. So schreibt Laktanz:

"Diesen (den Valerian) suchte Gott mit einer neuen und ungewöhnlichen Art der Strafe heim. Er sollte späteren Geschlechtern zu Warnung dienen, dass die Widersacher Gottes immer den gebührenden Lohn für ihre Frevel empfangen. Er geriet in Gefangenschaft der Perser und verlor nicht nur die Herrschaft, die er zügellos missbraucht, sondern auch die Freiheit, die er anderen entrissen hatte, und führte in der Knechtschaft ein schimpfliches Leben. So oft nämlich der Perserkönig Sapor, der ihn gefangen genommen hatte, den Wagen oder das Ross besteigen wollte, musste sich der Römer vor ihm niederkrümmen und ihm den Rücken darbieten; dann setzte ihm der König den Fuß auf den Nacken... So lebte er, dem Hohn des Siegers verdientermaßen preisgegeben, eine geraume Zeit... Nachdem er dann sein schimpfliches Leben in solcher Schmach geendigt hatte, wurde ihm die Haut abgezogen und mit roter Farbe getüncht, um ihm Tempel der barbarischen Götter zum Andenken an den herrlichsten Triumph aufbewahrt zu werden."

h. Die Zeit des Diokletian

Nach der Verfolgung durch Valerian begann der sogenannte "kleine Friede", der sich bis in das Jahr 285 n. Chr. erstreckte und den Christen eine größere Ruheperiode brachte.

Dann aber bestieg Diokletian den Thron der Caesaren. Diokletian, ein außerordentlich tüchtiger Politiker und weitsichtiger Mensch, gab dem Reich eine neue Verfassung, um das immer schwerer zu lenkende Imperium wieder regierbar zu machen. In die Einzelheiten dieses komplizierten Systems einzugehen, würde unseren Rahmen selbstredend sprengen. Für uns ist zunächst auch nur wichtig, dass Diokletian dieses Regierungssystem wieder auf die Grundlage der alten Religion zu stellen versuchte. Er selbst - als Führer einer Tetrarchie - galt fortan als Verkörperung des Jupiter, des obersten Gottes.

Als typischer Restaurator und Verfechter eines alt-nationalen Romanismus begann Diokletian denn auch wieder eine dezidiert christenfeindliche Politik. Sie führte zu einer gewaltigen Verfolgungswelle in den Jahren 303-305 n. Chr. Das Vermögen der Christen wurde eingezogen und der Klerus sollte eliminiert werden. Durch den alten Opfertrick, den schon Kaiser Decius benutzt hatte, wurden die einzelnen Christen ausfindig gemacht.

i. Grenzen der reichsweiten Verfolgungen

Aber auch im Blick auf die Verfolgung des Diokletian ist - wie im übrigen für alle reichsweiten Verfolgungen - zu sagen, dass diese Christenpogrome nicht überall gleich hart zu spüren waren. Die diokletianische Verfolgung griff vor allem im Ostteil des Reiches - dort hatte Diokletian seinen Regierungssitz aufgeschlagen. Hier lief die Verfolgung auch recht grausam ab. Aus diesen Gegenden haben wir erschreckende Zeugnisse von Martyrien vorliegen. Im Westen des Reiches war es vielerorts dagegen vergleichsweise ruhig. An nicht wenigen Orten des Imperiums war von der Verfolgung wahrscheinlich gar nichts zu spüren.

Als Kaiser Diokletian, wie er es in seinem Regierungssystem vorgesehen hatte, konsequent nach zwanzig Jahren der Regierung im Jahre 305 n. Chr. zurücktrat und die Führung des Reiches der nächsten Tetrarchie überließ, ließen die Verfolgungen sofort nach. Im Westen hörten sie gar schlagartig auf, im Osten sind sie vereinzelt noch bis ins Jahr 311 n. Chr. nachzuweisen.

3. "ut denuo sint Christiani" ["so mögen sie denn Christen sein"]

Am 30. April 311 kapituliert der römische Staat dann gänzlich, was die Frage der Christenverfolgungen angeht. Kaiser Galerius sieht das Scheitern dieser Art von Religionspolitik ein und erlässt ein Edikt, das in den Satz mündet: "ut denuo sint Christiani", "so mögen sie denn Christen sein".

Die Christen werden fortan toleriert. Sie sollen halt für das Wohl und Heil des Kaisers und des Staates beten. Damit ist die christliche Religion endgültig eingereiht in die Zahl der übrigen nützlichen Religionen im römischen Imperium.

Kaiser Konstantin setzt mit seinem Edikt im Frühjahr 313 n. Chr. nur noch einmal einen bestätigenden Schlussstrich unter diese Entwicklung. Im sogenannten "Toleranzedikt", wird den Christen die Religionsfreiheit noch einmal ausdrücklich zugesichert.

Konstantin hat demnach nicht - wie man immer wieder hören kann - eine großartige Konstantinische Wende heraufbeschworen, er hat im Grunde lediglich den Schlusspunkt unter eine lange Entwicklung gesetzt.

4. Die Kirche unter Kaiser Konstantin

Konstantin selbst dürfte in dieser Frage durchaus von machtpolitischen Gesichtspunkten getrieben worden sein. Er hatte erkannt, dass die Christen zu einer solchen Größe im Imperium herangewachsen waren, dass man ganz einfach mit ihnen zu rechnen hatte. Gegen die Christen konnte man das Imperium nicht mehr führen.

Andererseits hielt sich Konstantin alle Türen offen. Er versuchte, es sich mit niemandem zu verderben. Als er beispielsweise den Sonntag zum Feiertag machte, konnte er auf die Zustimmung der Christen bauen, die an diesem Tag die Auferstehung ihres Herrn feierten. Er konnte sich aber auch genauso des Beifalls eines Großteils der Soldaten sicher sein. Denn der Sonntag war auch der Tag des unbesiegbaren Sonnengottes, den viele Soldaten verehrten.

Die Ambivalenz dieses Feiertages wird schon in der Namensgebung deutlich. Unser deutsches Wort Sonntag leitet sich vom "dies solis", vom Festtag des unbesiegbaren Sonnengottes ab. In den romanischen Sprachen hingegen hat sich die christliche Bezeichnung "domenica", "Herrentag", durchgesetzt.

All dies ändert jedoch nichts daran, dass Konstantin innerlich immer mehr den Christen zuneigte. Auf dem Totenbett ließ er sich denn auch taufen.

Nicht sein sogenanntes Toleranzedikt, seine Haltung vielmehr brachte demnach so etwas wie eine Konstantinische Wende mit sich. Die Kirche wurde vom Kaiser fortan nicht nur geduldet, sie hatte in ihm nun auch einen mächtigen Schutzherrn, mit allen Vor- und Nachteilen, die das mit sich brachte.

So war die Kirche demnach auf dem Weg vom Urchristentum über die frühkatholische Kirche und die Altkatholischen-Bischofskirche, letztlich im Stadium der Reichskatholischen Kirche angelangt.

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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Letzte Änderung: 18. Juli 2000