Predigten in der Weihnachtszeit - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

Fest der Taufe des Herrn - Lesejahr A-C (Apg 10,34-38)

In jenen Tagen begann Petrus zu reden und sagte: Wahrhaftig, jetzt begreife ich, dass Gott nicht auf die Person sieht, sondern dass ihm in jedem Volk willkommen ist, wer ihn fürchtet und tut, was recht ist. Er hat das Wort den Israeliten gesandt, indem er den Frieden verkündete durch Jesus Christus; dieser ist der Herr aller. Ihr wisst, was im ganzen Land der Juden geschehen ist, angefangen in Galiläa, nach der Taufe, die Johannes verkündet hat: wie Gott Jesus von Nazaret gesalbt hat mit dem Heiligen Geist und mit Kraft, wie dieser umherzog, Gutes tat und alle heilte, die in der Gewalt des Teufels waren; denn Gott war mit ihm. (Apg 10,34-38)

Als vor etwas mehr als zweihundert Jahren, in den Wirren nach der Französischen Revolution, ein Schweizer Gelehrter den Straßburger Fürstbischof besuchte und ihm dabei offenbarte, dass er selbst evangelisch sei, gab ihm der Bischof zur Antwort: "Das ist einerlei! Die Liebe zum Guten macht die wahre Religion, der Name tut dazu nichts."

Liebe Schwestern und Brüder,

der Schweizer Gelehrte hat sich damals über diese Äußerung ausgesprochen gewundert. Wie kann ein katholischer Bischof so etwas sagen!

Von Theologie hatte jener Fürstbischof, der ganz im höfischen Leben verwurzelt war, offenbar wenig mitbekommen. Und die damals noch sehr vehementen Kämpfe um den wahren Glauben, waren augenscheinlich nicht seine Sache. Solch eine Äußerung aus dem Mund eines Bischofs muss damals schon recht aufsehenerregend gewesen sein.

Heute würde sie wahrscheinlich gar nicht mehr auffallen, denn so zu denken ist mittlerweile ja weithin gang und gäbe. Wie viele Menschen sagen das denn heute ganz offen: Hauptsache ist, man ist ein guter Mensch! Religion ist dabei zweitrangig.

Ich will das nicht so stehen lassen, denn ich bin sicher, dass Religion mehr ist als ein Etikett und eine vernachlässigbare Größe. Religion kann einen Halt im Leben geben, den ich nicht missen möchte.

Eines aber haben Menschen, die solche Sätze sagen, durchaus erkannt. Zuerst einmal ist es wirklich wichtig, ein guter Mensch zu sein.

Alle Religion, alle Frömmigkeit, alle Gebete, Gottesdienste und großartigen religiösen Leistungen sind hohl und nichtig, wenn ich mich dabei wie der letzte Mensch benehme.

Deshalb schaut Gott auch zuallererst darauf, was für ein Mensch ich bin. Wenn der Herr wiederkommt, wird er nicht fragen, welche Dogmen hast du geglaubt, welche Lehrsätze nachgebetet, wie oft bist du zum Gottesdienst gegangen und welche Gebete hast du auswendig gekonnt. Er wird fragen: Wo warst du, als ich nackt war, als ich hungrig war und auf deinen Besuch gewartet habe?

Und er macht damit klar, dass wahrer Gottesdienst dort stattfindet, wo Menschen für andere einstehen und anderen beistehen - denn was wir einem unserer geringsten Brüder und Schwestern getan haben, das haben wir ihm getan.

Auch Petrus musste dies erkennen. Der Apostelfürst, der immer daran geglaubt hat, dass das Heil einzig und allein dem Volk Israel galt, muss erkennen, dass Gott nicht auf Völker schaut, nicht aufs Geschlecht und auch nicht auf religiöse Vorbedingungen. Er schaut allein auf den Menschen.

In der heutigen Lesung bringt Petrus es auf den Punkt, wenn er sagt: "Wahrhaftig, jetzt begreife ich, dass Gott ... jeder Mensch willkommen ist, der ihn fürchtet und tut, was recht ist."

Denn darauf schaut Gott, darauf, dass Menschen tun, was recht ist! Durch die Botschaft aller Propheten zieht sich das durch: Gott will Barmherzigkeit, nicht Opfer, Liebe will er, nicht Brandopfer. Und Menschlichkeit ist deshalb auch die wichtigste Voraussetzung, um sich ihm nahen zu können. Denn jeder und jede sind ihm willkommen, die ihn fürchten und tun, was recht ist.

Vielleicht ist das noch nicht die Vollendung, vielleicht ist das erst der Anfang. Natürlich ist reiner Humanismus noch nicht identisch mit Christsein. Und selbstverständlich wäre es toll, wenn alle Menschen aus tiefstem Herzen religiöse Menschen wären. Ich wäre aber schon froh, wenn die Menschen auf der Welt wenigstens richtig Mensch wären, human und mitfühlend.

Ich träume nicht von einer christlichen Welt. Mir würde schon reichen, wenn sie wenigstens menschlich wäre!

Amen.

(gehalten am 7. Januar 2007 in der Paulus- und Antoniuskirche, Bruchsal)

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