Predigten in der Weihnachtszeit

(Dr. Jörg Sieger)

      

Fest der Taufe des Herrn - Lesejahr A-C (Apg 10,34-38)

In jenen Tagen begann Petrus zu reden und sagte: Wahrhaftig, jetzt begreife ich, dass Gott nicht auf die Person sieht, sondern dass ihm in jedem Volk willkommen ist, wer ihn fürchtet und tut, was recht ist. Er hat das Wort den Israeliten gesandt, indem er den Frieden verkündete durch Jesus Christus; dieser ist der Herr aller. Ihr wisst, was im ganzen Land der Juden geschehen ist, angefangen in Galiläa, nach der Taufe, die Johannes verkündet hat: wie Gott Jesus von Nazaret gesalbt hat mit dem Heiligen Geist und mit Kraft, wie dieser umherzog, Gutes tat und alle heilte, die in der Gewalt des Teufels waren; denn Gott war mit ihm. (Apg 10,34-38)

Es war zur Zeit der Donaumonarchie: Wenn damals ein Kaiser gestorben war, dann wurde der Sarg nach der Trauerfeier im Dom in einer feierlichen Prozession zur Kapuzinergruft geführt.

Vor dem verschlossenen Tor der Gruft stoppte der Zug, ein Herold trat vor und klopfte an. Von drinnen ertönte dann eine Stimme, die nachfragte, wer denn Einlass begehre. Der Herold verkündete "Der Kaiser", und er fügte in feierlicher Sprache all dessen Titel hinzu. Das Tor blieb verschlossen.

Ein zweites Mal klopfte der Herold, und wieder ertönte von drinnen die fragende Stimme, wer denn Einlass begehre. "Der König", antwortete der Herold dieses Mal, und nannte all dessen Besitzungen. Wieder blieb das Tor verschlossen.

Noch einmal klopfte der Herold, und erneut fragte die Stimme von drinnen, wer Einlass begehre. "Ein armer Sünder", antwortete der Herold jetzt ganz demütig, und sogleich öffnete sich das Tor und der Sarg konnte in die Gruft hinuntergetragen werden.

Liebe Schwestern und Brüder,

ein uraltes Ritual, das man bis vor etwas über 100 Jahren in Österreich erleben konnte.

Ein sehr eindrucksvolles Ritual, ein Ritus, der auf sehr drastische Weise deutlich macht, welche Bedeutung Titel, Besitzungen, Ehrenabzeichen und Ämter im Letzten wirklich haben. Vor Gott bedeuten sie nichts. Im Tod sind der Kaiser, der Manager, der Geschäftsmann, die Hausfrau, der Papst und das Kind nichts anderes als ein Mensch, ein Mensch, der nun vor Gott steht und plötzlich nach Maßstäben gemessen wird, die so ganz anders sind als die, die wir normalerweise anlegen.

Im Tod sind alle gleich.

Und nicht erst dann. Vor Gott gilt das nämlich von Anfang an, zu jeder Zeit.

Petrus hat das offenbar im Haus des Kornelius erfahren müssen. Kornelius war ein Heide, ein Fremder, einer, den Petrus absolut nicht als gleichwertig betrachtete. Gott hatte ihn eines besseren belehrt. Und so bleibt Petrus nichts anderes übrig als zu sagen: "Wahrhaftig, jetzt begreife ich, dass Gott nicht auf die Person sieht, sondern dass ihm in jedem Volk willkommen ist, wer ihn fürchtet und tut, was recht ist."

Vor Gott sind alle gleich.

Wir hören das, wir lassen uns das als Lesung in schöner Regelmäßigkeit immer wieder sagen, wir wissen es, aber Auswirkungen hat dieses Wissen recht wenig.

Trotz jenes eindrucksvollen Rituals in Österreich wurde auch dort der Kaiser ganz anders zu Grabe getragen als ein normaler Sterblicher - vom Aufheben, das um seine Person zu Lebzeiten gemacht wurde, ganz zu schweigen.

Trotz unseres Wissens, dass Gott keine Unterschiede macht, halten wir auch heute noch manche Menschen für besonders wichtig - für wichtiger als andere, erstarren schon in Ehrfurcht, wenn wir nur ihren Namen nennen, und veranstalten einen Rummel um sie, über den Gott bestenfalls den Kopf schütteln dürfte.

Und auch Kirche ist da keine Ausnahme.

Wie hat man überhaupt auf die Idee kommen können, jemanden allen Ernstes "Hochwürden" zu nennen, oder gar noch vom "hochwürdigsten Herrn" zu sprechen - und das in einer Kirche, die schon ganz am Anfang von Gott selbst darauf gestoßen wurde, in der Petrus schon in den ersten Jahren die Erfahrung machen musste, "dass Gott nicht auf die Person schaut, sondern dass ihm (...) willkommen ist, wer ihn fürchtet und tut, was recht ist."

Es mag viel Merkwürdiges und manch Merkwürdigen auch in unserer Kirche geben, hochwürdig, ist mit Sicherheit keiner, denn die Würde, die wir von Gott her erhalten haben, die ist uns allen gemeinsam: Menschen sind wir, von Gott geliebte Menschen, das und auch nur das zeichnet uns aus - und zwar jeden Einzelnen in genau der gleichen Weise.

Amen.

(gehalten am 12./13. Januar 2002 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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