Predigten in der Weihnachtszeit

(Dr. Jörg Sieger)

      

Erscheinung des Herrn - Lesejahr A-C (Mt 2,1-12)

Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Betlehem in Judäa geboren worden war, kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem und fragten: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen. Als König Herodes das hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem. Er ließ alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes zusammenkommen und erkundigte sich bei ihnen, wo der Messias geboren werden solle. Sie antworteten ihm: In Betlehem in Judäa; denn so steht es bei dem Propheten: Du, Betlehem im Gebiet von Juda, bist keineswegs die unbedeutendste unter den führenden Städten von Juda; denn aus dir wird ein Fürst hervorgehen, der Hirt meines Volkes Israel. Danach rief Herodes die Sterndeuter heimlich zu sich und ließ sich von ihnen genau sagen, wann der Stern erschienen war. Dann schickte er sie nach Betlehem und sagte: Geht und forscht sorgfältig nach, wo das Kind ist und wenn ihr es gefunden habt, berichtet mir, damit auch ich hingehe und ihm huldige. Nach diesen Worten des Königs machten sie sich auf den Weg. Und der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her bis zu dem Ort, wo das Kind war; dort blieb er stehen. Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt. Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten ihm. Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar. Weil ihnen aber im Traum geboten wurde, nicht zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem anderen Weg heim in ihr Land. (Mt 2,1-12)

Der kürzeste Weg ist oftmals der mit dem Kopf durch die Wand. Und viele Menschen gehen ihn.

Und keine Angst, ich nehme mich da keineswegs aus.

Liebe Schwestern und Brüder,

deshalb weiß ich auch nur zu gut, dass dieser Weg oftmals recht schmerzhaft ist. Manchmal wäre es ganz gut, einen anderen zu wählen. Nicht immer aber sieht man ihn. Häufig glaubt man gar nicht daran, dass es noch andere Wege gibt.

Und manchmal versteift man sich auch auf genau diesen einen Weg, den ich doch so deutlich vor mir sehe. Und es bricht dann plötzlich die ganze Welt zusammen, wenn er sich am Ende doch als nicht gangbar erweist.

Sie kennen das: Ich sehe genau diesen Beruf vor mir und nur den einen und es gibt absolut keine Alternative. Und dann rückt er plötzlich - aus welchen Gründen auch immer - in unerreichbare Ferne und mein Leben ist nur noch leer.

Ich kann mir das Leben an der Seite genau dieses einen Partners vorstellen und zwar nur dieses einen - aber er entscheidet sich gegen mich oder aber nach kurzem Glück geht die Ehe dann in die Brüche und alles erscheint nur noch sinnlos.

Und ohne Kinder gibt es für mich in diesem Leben keine Erfüllung - und am Ende können wir keine bekommen.

Wie oft im Leben ist es genau so: Es gibt nur diesen einen Weg, anders kann ich mir mein Leben nicht denken, einen anderen Weg kann ich mir nicht vorstellen.

Und wie oft im Leben ist genau das der eigentliche Grund: Ich kann ihn mir eben nicht vorstellen. Einen anderen kann ich mir nicht vorstellen.

Es scheitert häufig nicht daran, dass es keine anderen Wege gibt, ganz oft ist es so, dass wir sie nur nicht sehen.

Wenn der große Lebenstraum zerplatzt, wie sollte ich auch Alternativen erkennen. Wenn ich mich so auf einen Weg fixiert, an einen Partner gebunden, in eine Idee verliebt habe, wie soll ich mich von diesem Gedanken verabschieden. Über den Schmerz und die Trauer, dass das eigentliche Ideal in unerreichbare Ferne gerückt ist, lässt sich dann eben kein klarer Gedanke mehr fassen. Dann bleibt halt nur noch der Weg durch diese sich plötzlich auftürmende Wand und sei es mit dem Kopf voran.

In den seltensten Fällen funktioniert das. Außer Blessuren bleibt da kaum etwas zurück.

Häufig hilft es wirklich nur, ein wenig Abstand zu gewinnen, ruhig zu werden, einen kühlen Kopf zu bekommen und die Dinge nüchtern zu betrachten. Und häufig hilft es, wenn Menschen mir wieder die Augen öffnen, den Blick weiten helfen, und den ein oder anderen Pfad, der sich dann doch am Horizont wieder abzeichnet, entdecken lehren. Es gibt nämlich in den allermeisten Fällen nie nur diesen einen Weg.

Daran musste ich denken, als die Magier aus dem Osten plötzlich den Rückweg in ihre Heimat verstellt sahen, als ihnen deutlich wurde, dass der eigentlich geplante Weg über den Palast des Königs Herodes unweigerlich ins Verderben führen musste. Und was taten sie?

Es begann damit, dass sie von einem anderen Weg träumten!

Es gibt ganz selten nur einen einzigen Weg. Selbst wenn der eigentliche Lebenstraum zerplatzt, über kurz oder lang lässt sich in den allermeisten Fällen durchaus wieder von anderem träumen.

Und den Weg, den die Sterndeuter dann in diesem neuen Traum entdeckten, den haben sie letztlich dann auch gewählt. Dieser eine, der ursprünglich angedachte Weg, er hätte sie wohl unweigerlich in den Tod geführt. Sie wurden ruhig, machten für einen Augenblick die Augen zu, bemühten sich um den nötigen Abstand und ließen zu, dass sich neue Träume einstellten. Sie begannen von neuem zu träumen.

Und dann wählten sie ganz einfach einen anderen Weg, einen, der ihnen das Leben neu eröffnete.

Amen.

(gehalten am 6. Januar 2014 in der Paulus- und Antoniuskirche, Bruchsal)

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