Predigten an Pfingsten

(Dr. Jörg Sieger)

      

Pfingstsonntag (Joh 14,15-16. 23b-26 mit 1 Kor 12,3b-7. 12-13)

Brüder! Keiner kann sagen: Jesus ist der Herr!, wenn er nicht aus dem Heiligen Geist redet. Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist. Es gibt verschiedene Dienste, aber nur den einen Herrn. Es gibt verschiedene Kräfte, die wirken, aber nur den einen Gott: Er bewirkt alles in allen. Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt. Denn wie der Leib eine Einheit ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden: so ist es auch mit Christus. Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt. (1 Kor 12,3b-7. 12-13)

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten. Und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll. Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen. Wer mich liebt, hält an meinen Worten nicht fest. Und das Wort, das ihr hört, stammt nicht von mir, sondern vom Vater, der mich gesandt hat. Das habe ich zu euch gesagt, während ich noch bei euch bin. Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. (Joh 14,15-16. 23b-26)

Kleine Kinder und dann ein vornehmes Restaurant. Und zu allem Überfluss ist es auch noch so kühl, dass die Kinder absolut nicht auf die Terrasse hinaus wollen. Mit dummem Gefühl im Magen nimmt man also im Lokal Platz. Der Kellner ist höflich, aber korrekt.

"Zweimal Apfelsaft für die Kinder bitte. Und wir haben gesehen: Sie haben den Saft in kleinen Flaschen, bringen Sie uns vielleicht jeweils ein kleines Glas dazu, bitte?"

"Tut mir leid", antwortet höflich der Kellner, "die Flaschen servieren wir nur auf der Terrasse, im Lokal gibt es den Saft nur im Glas!" Und auf den erstaunten Blick der Eltern fügte er noch hinzu: "Kann ich nicht ändern, ich hab‘ da meine Anweisungen!"

Er brachte den Apfelsaft, in zwei großen Gläsern - gut eingeschenkt, wie es sich für ein ordentliches Lokal eben gehört. Und wenig später hatte eines der Kinder das große Glas auch schon umgekippt und der Saft floss von der Tischdecke über die Schuhe auf den Teppich... Er hatte halt seine Vorschriften, dieser Kellner.

Liebe Schwestern und Brüder,

ein Beispiel von vielen. Eine von vielen unsinnigen Vorschriften, die uns tagtäglich begegnen und über die man eigentlich nur den Kopf schütteln kann. Und dabei sind Vorschriften, bei denen am Ende der Apfelsaft auf dem Teppichboden landet, noch die harmlosesten. Da sind wir von weit unsinnigeren Anordnungen umgeben. Und viele davon haben weit verheerendere Folgen, als die in jenem kleinen Beispiel.

Und daran ändert sich selbst nichts, wenn am Anfang durchaus eine lobenswerte Absicht hinter solchen Anordnungen steht. Die beste Absicht etwa hilft dem Landwirt wenig, wenn Verordnungen ihn daran hindern, die nötigen Erntehelfer einzusetzen. Der Spargel schießt dann eben ins Kraut.

Und noch einmal fataler wird es, wenn solche Vorschriften dann über die Zukunft von Menschen entscheiden, wenn aufgrund solch geistloser Anordnungen die ganze Zukunft eines Menschen verbaut wird, wenn dann bestimmte Scheine und Zertifikate wichtiger werden als das, was einer wirklich kann.

Schlimm wenn dies im staatlichen Bereich immer wieder zu erleben ist und man kaum etwas dagegen tun kann. Und noch viel schlimmer, wenn geistlose Vorschriften auch im kirchlichen Bereich immer häufiger anzutreffen sind.

Wenn ich mit unserem Ordinariat zu tun habe, dann höre ich in letzter Zeit immer häufiger die Auskunft: "Wir haben halt unsere Richtlinien! Wir haben unsere Vorschriften und da ist halt nichts zu machen!" Und dabei ist es dann völlig egal, ob es um irgendwelche Bauten oder um ganz konkrete Menschen und deren Zukunft geht.

Mich ärgern solche Sätze und sie erinnern mich immer wieder an den Prozess Jesu, als Jesus selbst schließlich solch pervertiertes Denken am eigenen Leib verspüren musste. "Wir haben ein Gesetz und nach diesem Gesetz muss er sterben!" hatten sie geschrien. Mit Blick auf Verordnung und Gesetz wurden schon damals alle Versuche der Menschlichkeit am Ende gleichsam totgeschlagen. Vorschriften, Gebote und Gesetze, die den Menschen aus dem Blick verlieren, die machen Leben eng und manchmal töten sie sogar.

Der Geist aber macht lebendig! Und deshalb entlarvt er auch den Ungeist solcher seelenlosen Vorschriften und Gebote. Es ist der Sturmesbraus des Pfingsttages, der solche starren Regelwerke schon so oft durcheinander gewirbelt hat.

Schon ganz am Anfang unserer Kirche hat er es getan. Als die ersten Christen nämlich Gott so falsch verstanden hatten, dass sie glaubten, man müsse erst Jude werden, um die Taufe empfangen zu können. Als sie denen zur Auskunft gaben, die sich zu Christus bekehrt hatten, aber nicht Jude werden wollten, dass dies halt nicht geht, dass es ein Gebot gebe, ein göttliches Gebot sogar, und dass man da nichts machen könne, da hat Gott selbst eingegriffen, da hat er dem Heiden Kornelius - wie es die Apostelgeschichte schildert - ganz einfach seinen Geist verliehen. Und Petrus musste erkennen, dass Gott weit größer ist als Anordnungen und Vorschriften, und er konnte dem Heiden die Taufe nicht länger verweigern.

Gottes Geist macht überdeutlich, dass Gott nie bei den Vorschriften und Anordnungen stehen bleibt, dass Gott immer den Menschen im Blick hat, die ganz konkrete Situation. Und er macht auch deutlich, dass es noch lange keine Gerechtigkeit ist, wenn man alle eben gleich behandelt und einfach irgendeiner allgemeinen Vorschrift folgt. Gerechtigkeit heißt, den Menschen in seiner Situation ernst zu nehmen und nicht einem Gebot, sondern dem Menschen gerecht zu werden.

Vielleicht wäre genau dies ja eine der ganz modernen Gaben des Heiligen Geistes, eine, ganz zugeschnitten auf unsere Zeit: uns nämlich, unsere Gesellschaft und auch unsere Kirche wieder einmal so durcheinander zu wirbeln, wie der Geist die Welt an Pfingsten mit seinem Sturmesbraus aufgemischt hat. Vielleicht ist ja einzig und allein Gottes Geist in der Lage, tote Regelwerke und starre Gebote und Vorschriften aufzubrechen und mit seinem Leben, mit wirklichem Geist zu erfüllen.

Um diesen Geist bete ich heute, und ich wünsche mir, dass wir uns diesem Geist auch wirklich öffnen. Ich sag’ damit natürlich nicht, dass Sie jetzt plötzlich anfangen sollen einfach alle Vorschriften über Bord zu werfen; so geht’s natürlich nicht. Aber ich wünsche mir, dass wir anfangen, sehr hellhörig zu werden, hellhörig für Dinge, deren Unsinn eigentlich offensichtlich ist. Ich wünsche mir, dass wir solchen Unsinn dann auch benennen, über das, was falsch läuft, auch sprechen, damit sich auch wirklich etwas ändern kann.

Und ich wünsche mir vor allem, dass wir dann, wenn wir es in der Hand haben, dass wir uns dann nicht einfach damit herausreden, dass wir halt unsere Vorschriften haben und dass uns die Hände gebunden seien. Ich wünsche mir, dass wenigstens wir, dort, wo wir es in der Hand haben, dass wir nicht den gleichen Unsinn weiter treiben. Ich wünsche mir, dass wir vielmehr den Mut haben, hinter die Dinge zu blicken, den Menschen zu sehen, die Umstände zu berücksichtigen und dem Geist, nicht dem Buchstaben der Verordnung zu folgen.

Hören wir auf die Stimme des Gottesgeistes, die auch in uns spricht, hören wir auf unsere Gewissensstimme. Und geben wir dem Geist Raum. Beten wir am Pfingsttag, am Festtag des Geistes und des Gewissens, darum, dass Gottes Geist bei uns einkehre, dass der Schöpfergeist auch unter uns neues Leben schafft.

Amen.

(gehalten am 30./31. Mai 1998 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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