Predigten in der Karwoche und Osteroktav - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

Die Feier der Osternacht (Mk 16,1-7)

Als der Sabbat vorüber war, kauften Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um damit zum Grab zu gehen und Jesus zu salben. Am ersten Tag der Woche kamen sie in aller Frühe zum Grab, als eben die Sonne aufging. Sie sagten zueinander: Wer könnte uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen? Doch als sie hinblickten, sahen sie, dass der Stein schon weggewälzt war; er war sehr groß. Sie gingen in das Grab hinein und sahen auf der rechten Seite einen jungen Mann sitzen, der mit einem weißen Gewand bekleidet war; da erschraken sie sehr. Er aber sagte zu ihnen: Erschreckt nicht! Ihr sucht Jesus von Nazaret, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden; er ist nicht hier. Seht, da ist die Stelle, wo man ihn hingelegt hatte. Nun aber geht und sagt seinen Jüngern, vor allem Petrus: Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat. (Mk 16,1-7)

"Was hat es jetzt eigentlich gebracht?" hat eine Viertklässlerin in den letzten Tagen gefragt. "Eigentlich hat es doch gar nichts genützt, unsere Mahnwache und die vielen Friedensgebete. Es ist ja trotzdem Krieg gekommen..."

Da beten die Kinder in unseren Kindergärten, da betet fast die ganze Welt, und allem Anschein nach hat es nichts geholfen. Eigentlich hat es ja gar nichts genützt.

Liebe Schwestern und Brüder,

es ist nicht das erste Mal, dass Menschen diese Erfahrung machen. Eigentlich gehört sie zur ständigen und traurigen Wirklichkeit unserer Beziehung zu Gott. Menschen beten, Menschen bitten inbrünstig und scheinbar nichts tut sich.

Ostern ist auch so ein Tag: Ein Tag, an dem Menschen sich gefragt haben, was das Ganze denn jetzt eigentlich gesollt hat, warum man sich jahrelang eingesetzt hatte und was man nun mit all den Hoffnungen und Erwartungen anfangen sollte.

Dieser Jesus von Nazareth, auf den man all seine Hoffnung gesetzt hatte, er war gekreuzigt worden, man hatte ihn ins Grab gelegt. Unter schweren Steinen begraben - alles war aus, nichts hatte sich getan.

Das Evangelium des Ostersonntages täuscht ein wenig. Das klingt so schön. Die beiden laufen zum Grab, gehen hinein - und wie heißt es dann: Er sah und glaubte! Aber noch nicht am Ostertag!

Johannes drängt da aus der Rückschau einen Prozess zusammen, der Wochen, wenn nicht gar Monate gedauert hat. Am Ostertag war von Glauben und vor allem von Glauben an die Auferweckung noch nicht viel zu spüren. Am Ostertag hat noch niemand Halleluja gesungen.

Das Markusevangelium, das Evangelium der diesjährigen Osternacht, dürfte noch einige Jahrzehnte näher am Geschehen gewesen sein. Und es hält die Stimmung des Ostermorgens weit authentischer fest, als es die anderen Evangelientexte tun.

Und aus den ältesten Handschriften kann man noch entnehmen, dass der Markustext ursprünglich einmal mit dem 8. Vers des 16. Kapitels zu Ende war. Diesen alten Schluss des Markusevangeliums haben wir auch als Evangelium der diesjährigen Osternacht gehört.

Sie erinnern sich. Es schließt mit dem Engel, der den Frauen sagt: "Erschreckt nicht! Ihr sucht Jesus von Nazaret, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden; er ist nicht hier. Seht, da ist die Stelle, wo man ihn hingelegt hatte. Nun aber geht und sagt seinen Jüngern, vor allem Petrus: Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat."

Erst dort, nicht schon in Jerusalem, werden sie ihn erkennen. Und jetzt kommt der letzte Satz dieses Abschnittes - und den haben die Liturgen bei der Zusammenstellung der Lesungstexte wohlweislich weggelassen. Denn es heißt jetzt weiter:

"Da verließen sie das Grab und flohen; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemand etwas davon; denn sie fürchteten sich."

Damit endet ursprünglich einmal das Evangelium nach Markus. Sie flohen und sie sagten niemand etwas davon, denn Furcht und Entsetzen hatte sie gepackt.

Das war die Stimmung des Ostermorgens. Alles war aus. Die Jünger hatten sich verkrochen, begannen schon damit, ihre Sachen zu packen und davonzulaufen. Erst in Galiläa -, erst in Galiläa würden sie - Tage später - und auch erst ganz langsam verstehen lernen, begreifen lernen, glauben lernen, was schon lange geschehen war.

Den Tod hatten viele miterlebt, davon sprach die Welt - bei der Auferstehung war niemand dabei. In aller Stille, in der Nacht, hat Jesus den Tod überwunden.

Das ist häufig so. Das Fiasko steht uns deutlich vor Augen. Wenn sich das Leben aber neue Bahn bricht, dann geschieht das fast immer im Verborgenen.

Erst viel später hat man erkannt, dass es schon am Ostermorgen, schon drei Tage nach dem Karfreitag, keinen Grund zur Trübsal mehr gab. Erst viel später hat man begriffen, dass die Erfüllung aller Hoffnung - weit größer als Menschen es sich jemals hätten ausmalen können -, schon lange geschenkt worden war.

Das hat Symbolcharakter.

Vielleicht ist auch manches Leid, das uns zu Boden drückt, schon überwunden, während wir noch den Kopf hängen lassen. Vielleicht hat Gott insgeheim, ohne dass es irgendjemand gemerkt hat, schon lange eingegriffen, während wir noch dasitzen und uns fragen, warum all unser Gebet nichts genutzt hat. Und vielleicht bin ich ganz einfach auch nur zu klein, um durchschauen zu können, welches Ziel Gott am Ende tatsächlich verfolgt.

War wirklich alles umsonst? Vielleicht bewahrheitet sich auch in unseren Tagen, dass Gott - wie bei Joseph in Ägypten - auch auf krummen Zeilen gerade schreiben kann. Vielleicht sagt er am Ende wieder einmal: "Menschen dachten es zum Bösen, ich aber dachte es zum Guten."

Das Fiasko steht uns deutlich vor Augen. Wenn sich das Leben aber neue Bahn bricht, dann geschieht das fast immer im Verborgenen. Aber es geschieht! Das Leben findet einen Weg.

Vertrauen wir ganz fest darauf. Kopf hoch - Jesus lebt!

Gott findet, nein, Gott kennt den Weg. Und auch wenn wir ihn wieder einmal nicht sehen - das heißt nicht, dass dieser Weg nicht da wäre. Gott führt ihn uns eben manches Mal auf eine Art und Weise, dass wir seinen Weg erst bemerken, wenn das Ziel schon lange erreicht ist.

(gehalten am 20. April 2003 in der Antonius- und Peterskirche, Bruchsal)

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