Predigten in der Karwoche und Osteroktav

(Dr. Jörg Sieger)

      

 

2. Sonntag der Osterzeit - Lesejahr A (1 Petr 1,3-9)

Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus: Er hat uns in seinem großen Erbarmen neu geboren, damit wir durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten eine lebendige Hoffnung haben und das unzerstörbare, makellose und unvergängliche Erbe empfangen, das im Himmel für euch aufbewahrt ist. Gottes Macht behütet euch durch den Glauben, damit ihr das Heil erlangt, das am Ende der Zeit offenbart werden soll. Deshalb seid ihr voll Freude, obwohl ihr jetzt vielleicht kurze Zeit unter mancherlei Prüfungen leiden müsst. Dadurch soll sich euer Glaube bewähren, und es wird sich zeigen, dass er wertvoller ist als Gold, das im Feuer geprüft wurde und doch vergänglich ist. So wird (eurem Glauben) Lob, Herrlichkeit und Ehre zuteil bei der Offenbarung Jesu Christi. Ihn habt ihr nicht gesehen, und dennoch liebt ihr ihn; ihr seht ihn auch jetzt nicht; aber ihr glaubt an ihn und jubelt in unsagbarer, von himmlischer Herrlichkeit verklärter Freude, da ihr das Ziel des Glaubens erreichen werdet: euer Heil. (1 Petr 1,3-9)

Eigenartig - alle Welt scheint Schwierigkeiten mit Einbahnstraßen zu haben.

"Geben Sie acht, das ist eine Einbahnstraße", heißt es, wenn man nach dem Weg fragt. Und: "Vorsicht, Einbahnstraße!" warnt die Beifahrerin, bevor man in besagte Straße abbiegt.

Liebe Schwestern und Brüder,

sie scheinen etwas Bedrohliches zu haben, diese Straßen. Man ist schließlich festgelegt, wenn man in sie einbiegt. Es gibt kein Zurück. Wenden ist ausgeschlossen.

Und ganz schlimm scheint es zu werden, wenn es um den beruflichen Bereich geht, wenn sich dort Einbahnstraßen abzeichnen - im übertragenen Sinn.

"Wenn du diese Stelle annimmst, dann hast du kaum noch 'ne Chance!" warnt dann der Freund, "das ist eine berufliche Einbahnstraße!" Und das meint, dass es kaum noch Möglichkeiten gibt, sich zu verändern, kaum noch Chancen, sich weiter zu entfalten.

Solche Assoziationen verbinden wir meist mit einer Einbahnstraße. Und Einbahnstraßen haben deshalb die Aura des Bedrohlichen, des eher Unangenehmen.

Heute hören wir von solch einer Einbahnstraße. Aber wir hören von einer Einbahnstraße, die mir absolut keine Angst macht:

Der 1. Petrusbrief spricht von unserem Lebensweg, unserem Glaubensweg. Und er malt diesen Weg sehr realistisch aus: Es gibt Freudenzeiten, Zeiten der Hoffnung, manche Prüfungen und Zeiten, in denen sich der Glaube vor ganz harte Bewährungsproben gestellt sieht.

Es ist ein sehr realistisches und recht konkretes Bild unseres Lebensweges, das dieser neutestamentliche Brief zeichnet. Und er zeichnet diesen Glaubensweg obendrein als Einbahnstraße. Er spricht von keinen Abzweigungen, keinen Kreuzungen, und keinen Wendeplätzen. Er spricht von einem Weg, der mit der neuen Geburt in Jesus Christus begonnen hat und nun weitergeht, der nun so weitergeht wie eine Einbahnstraße.

Und Gott sei Dank tut er es! Es gibt kaum eine schönere Botschaft als die von der Einbahnstraße unseres Glaubensweges.

Manche sprechen vom Lebensweg als einem Labyrinth. In einem Labyrinth gibt es Irrwege und es gibt Abzweigungen, die ins Leere laufen. Es gibt falsche Wege, aus denen man kaum noch herausfindet, und tausenderlei Möglichkeiten, die es ungeheuer schwer machen, auch nur einen Ausgang, geschweige denn ein Ziel zu erreichen.

Die Bibel spricht nicht von einem Labyrinth. Sie spricht davon, dass wir das Ziel des Glaubensweges erreichen werden, dass wir das Heil erlangen werden und zwar so sicher wie das Amen in der Kirche.

Es gibt nämlich keine Abzweigungen auf diesem Weg. Unser Glaubensweg ist eine Einbahnstraße! Wir müssen sie nur zu gehen beginnen. Und sie führt ohne Umschweife zum Ziel - über unebenes Pflaster vielleicht, durch Baustellen hindurch und manchmal auch mitten durch unangenehme Pfützen, aber nichtsdestoweniger direkt zum Ziel. Unser Glaubensweg ist nämlich eine Einbahnstraße!

Und das ist gut so.

Vor Einbahnstraßen habe ich nämlich keine Angst. Angst habe ich vor Sackgassen, denn Sackgassen führen nicht weiter. In einer Sackgasse bleibt man stecken. Und wenn kein Platz zum Wenden vorhanden ist, dann sitzt man unweigerlich fest, dann kommt man nicht mehr heraus.

Eine Einbahnstraße aber, wenn man nur einmal richtig in sie eingebogen ist, eine Einbahnstraße führt zum Ziel - und was unseren Glauben angeht - das verheißt uns der 1. Petrusbrief -, da führt sie sogar ohne Umschweife zum Ziel.

Amen.

(gehalten am 6. April 2002 in der Peterskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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