Predigten in der Karwoche und Osteroktav

(Dr. Jörg Sieger)

      

Predigt am Karfreitag

 

Liebe Schwestern und Brüder,

ich war gerade 10 Jahre alt, als ich die Schule gewechselt habe und als kleiner Sextaner aufs Gymnasium gekommen bin. Vieles von dem, was damals gewesen ist, habe ich im Lauf der Jahre natürlich vergessen, eines jedoch ist in meiner Erinnerung hängen geblieben, als wenn es gerade gestern gewesen wäre. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich nämlich - dort an meiner neuen Schule - zum ersten Mal habe ich da einen jungen Pfarrer kennengelernt. Er war Schülerseelsorger an unserer Schule und so jung und dynamisch wie junge Pfarrer halt sind. Und wir alle haben ihn, unseren neuen Reli-Lehrer, ungemein verehrt.

Die Erinnerung an ihn, die ist im Gegensatz zu der an all die anderen Lehrer, die ich gehabt habe, immer lebendig geblieben und vielleicht sogar immer lebendiger geworden. Und das liegt nicht etwa daran, dass sein Unterricht so außergewöhnlich gewesen wäre. Es liegt daran, dass er ein passionierter Bergsteiger gewesen ist und in den Sommerferien mit ein paar von denen aus der Oberstufe in die Alpen fahren wollte. Jetzt, im Frühjahr, jetzt wollte er sich mit ihnen darauf vorbereiten und die Gruppe fuhr zum Kletter üben an den Feldberg.

Wir erfuhren am anderen Tag davon im Unterricht. Unser Klassenlehrer musste es uns mitteilen, er unterrichtete uns davon, dass unser Religionslehrer tags zuvor beim Klettern am Feldberg abgestürzt und tödlich verunglückt ist. Und wir erfuhren - auf Umwegen - auch, was er am Schluss noch gesagt haben soll. Seine letzten Worte, die machten an diesem Tag die Runde durch die Schule und waren das Gesprächsthema unter uns Schülern, während der Pausen und selbst während des Unterrichts: "Kommt gut runter!", soll er der Gruppe, mit der er unterwegs war, noch zugerufen haben. "Kommt gut runter!", soll er gerufen haben, als er selbst schon im Fallen gewesen ist. Und das soll das Letzte gewesen sein, was er gesagt hat.

Dieser Satz hat mich nie mehr richtig losgelassen, obwohl ich erst viel später, sehr viel später begonnen habe zu begreifen, was mich da jetzt tatsächlich so gepackt hatte. Hier ist ein Mensch, und nicht etwa irgendjemand, der vergeistigt durchs Leben geschwebt wäre, hier ist jemand, den ich kennenlernen durfte, hier ist ein Mensch ohne alle Abstriche selbst ganz am Ende in den Fußspuren gegangen, die Jesus hinterlassen hat. Hier hat jemand ganz am Schluss nicht an sich selbst, nur an die anderen gedacht.

Der Tod dieses jungen Pfarrers hat mir später sehr geholfen, ein klein wenig zu verstehen, was für eine Bedeutung jene kleine Szene aus diesem großen Geschehen der Passion und der Kreuzigung für uns hat. Er hat mir sehr geholfen, zu verstehen, was das bedeutet, wenn Jesus - ganz am Ende, bereits am Kreuz - nach all dem, was er selbst jetzt durchgemacht hat, den eigenen Tod vor Augen, wenn Jesus jetzt auf die Menschen schaut, die bei ihm sind. Er blickt da - nein, nicht auf sich - er blickt auf Maria und auf den Johannes. Und seine einzige Sorge scheint es zu sein, dass sein Mutter jemanden hat, der sich jetzt um sie kümmert. Er sagt zu Johannes, dass sie jetzt seine Mutter sei, und dass er sich um sie annehmen soll. Und er sagt zu ihr, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauche, weil sich der Johannes jetzt schon um sie kümmern wird.

Was ist das für ein Mensch, der - selbst ganz am Ende -, der da nur an die anderen denkt? Was ist das für ein Gott, der von sich sagen kann, dass er sein Leben hingibt, nicht weil er in die Enge getrieben würde, nicht weil er nicht anders könnte, schlicht und ergreifend, weil er uns unendlich liebt! Was für ein Gott, der das für uns tut

Und was für ein Mensch müsste ich da wohl sein, wenn ich ihm nachfolgen möchte, wenn ich wirklich in seinen Fußspuren gehen möchte, in den Fußspuren von jemandem, der - selbst am Kreuz -, der immer zuerst an die anderen gedacht hat. "Kommt gut runter!" hat mein Lehrer damals denen, die bei ihm waren, voll Sorge zugerufen, da, als er selbst schon im Fallen war. Und ich bin ihm dankbar für das, was er mich damals gelehrt hat.

Damals hat er mir - ohne dabei viele Worte zu machen - viel mehr beigebracht, als ich im ganzen Rest meiner Schulzeit zusammengenommen gelernt habe. Damals hat er mir beigebracht, was Jesus Christus nachzufolgen wirklich bedeutet.

Amen.

(gehalten am 24. März 1989 im St. Stephans-Münster, Breisach)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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