Predigten in der Osterzeit

(Dr. Jörg Sieger)

      

Christi Himmelfahrt - Lesejahr A -C

 

Da sitzt man nun, angeschnallt auf ergonomisch geformten Sitzen, zusammen mit 35 anderen, und wird langsam nach oben gezogen.

Liebe Schwestern und Brüder,

ich rede vom Silver Star, der größten Achterbahn Europas.

Schon von weitem hört man sie schreien, diese insgesamt 36 Menschen, die da in einem Wagen sitzen und unter lautem Gekreisch vornüber in die Tiefe stürzen.

Größte Achterbahn Europas, das heißt: allen Mut zusammennehmen und in die lange Schlange der Wartenden einreihen. Und ganz besonders Mutige stellen sich dann in die separate Schlange für die "erste Reihe".

Und da sitzt man dann, niemanden mehr vor sich, keine Lehne, hinter der man sich verstecken könnte, und ganz langsam wird der Wagen nach oben gezogen. Und spätestens so in 30, 40 Metern Höhe realisiert man, dass das ja erst die Hälfte ist, dass es ja auf über 70 Meter hinaufgeht. Und allerspätestens jetzt überkommt mich dann regelmäßig das Gefühl: Ach Gott, alles, was es jetzt nach oben geht, das geht es auf der anderen Seite wieder runter.

Ab dann frage ich mich jedes Mal aufs Neue, warum tue ich mir das eigentlich an? Auf 70 Meter Höhe hinaufziehen lassen, um dann in die Tiefe zu starren und mit über 100 Kilometern in der Stunde in genau diese Tiefe hinabzusausen. Jedes Mal frage ich mich aufs Neue: Warum tue ich mir das an?

Aber kaum ist die Fahrt zu Ende, kaum ist man wieder am Zielbahnhof angekommen, ist es jedes Mal wieder das Gleiche: Gleich noch einmal anstellen, gleich noch einmal fahren! Es war ja so toll!

Dieses Gefühl kann eigentlich nur ermessen, wer selbst einmal gefahren ist.

Wie grandios es ist, so durch die Kurven zu sausen, mag man sich vom Boden aus vielleicht ausmalen, wirklich vorstellen kann man es sich aber erst dann, wenn man es tatsächlich einmal erlebt hat.

Deshalb ist es ja auch so schwierig, jemandem, der noch nie Achterbahn gefahren ist, zu vermitteln, was daran so toll sein soll. Deshalb ist es ja auch so kompliziert, jemandem, der sich nie trauen würde, solch ein Gefährt zu besteigen, die Angst davor zu nehmen. Man kann die Sache selbst einfach nicht beschreiben. Erst im Nachhinein, erst, wenn man wirklich gefahren ist, wenn man es einmal erlebt hat, erst dann weiß man nämlich, wie es letztlich ist.

Als wir vergangenen Samstag unseren Ministrantenausflug gemacht haben, gingen mir diese Gedanken durch den Kopf. Und als ich dann wieder einmal in solch einem Wagen saß und nach oben gezogen wurde, musste ich ganz unwillkürlich an den Himmelfahrtstag denken.

Und nicht etwa, weil ich jetzt selbst gleichsam in den Himmel hinaufgezogen wurde, nein, weil es mit der Himmelfahrt eigentlich gar nicht so viel anders ist. Und ich meine jetzt nicht mit Christi Himmelfahrt, sondern mit der unseren.

Wir gehen auf sie zu, jeden Tag einen Schritt näher - Es dauert noch, manchmal erscheint es einem, als würde es ewig dauern. Und je näher es drauf zugeht, desto eigenartiger werden die Gefühle im Bauch.

Manchmal hat man unbändige Angst, manchmal ist einem zum Schreien zumute, manchmal kribbelt es auch nur ganz einfach in der Magengegend. Und niemand kann einem dieses Gefühl nehmen.

Was einen wirklich erwartet, wie genau es dann sein wird, wenn es dann soweit ist, wenn es ans Sterben geht, wenn diese Schwelle überschritten wird, das weiß keiner von uns zu sagen. Ich muss es wohl erst selbst erlebt haben, um ermessen zu können, wie das ist.

Kann sein, dass ich dann nicht mehr davon lassen will. Mag sein, dass ich dann alles möchte - nur nicht mehr zurück. Im Augenblick hilft mir das aber herzlich wenig, denn momentan graut es mir lediglich davor. Und selbst Christus kann da noch so begeistert berichten, er kann noch so viele Bilder verwenden, in noch so vielen Gleichnissen ausmalen, wie toll es sein wird, dass wir auf die Fülle des Lebens zugehen, dass es ein Fest sein wird, eine turbulente Feier, wie eine rasante, aufregende, begeisternde Fahrt - am bedrängenden Gefühl in meiner Magengegend ändert das nichts. Da ist Christus wie jemand, der mir ganz begeistert berichtet - und ich stehe nur da und mache ein Gesicht wie ein Fragezeichen.

Bei einer Achterbahn hilft da nur eines: mich an der Hand nehmen und einfach mit mir gehen.

Und vielleicht ist das auch das Einzige, was man überhaupt machen kann, was Christus tun kann.

Er wird mir die Angst vor dem Sterben kaum nehmen können, er wird es kaum fertig bringen, dass ich mit fliegenden Fahnen und riesiger Begeisterung diesem Tag entgegeneile.

Aber vielleicht braucht es das auch gar nicht. Bei der Achterbahn hilft es schon, wenn einer mitgeht, wenn einer neben mir sitzt und mir das Gefühl gibt, nicht allein zu sein. Dann verliert die Zeit davor etwas von ihrer Bedrohung und leichter ist es dann auch.

Der heutige Tag will vielleicht genau das tun. Christi Himmelfahrt feiern, das heißt vielleicht nichts anderes, als sich vor Augen zu führen, dass Jesus Christus selbst zu uns sagt: Ich bin diesen Weg schon gegangen, ich habe es erlebt, ich weiß, wie es ist. Und komm, ich geh mit dir, ich nehm' dich an der Hand, und wir geh'n den Weg zusammen.

Das Kribbeln ist dadurch nicht weg, die Beklemmung wird dadurch nicht kleiner, und die Begeisterung hält sich in Grenzen. Aber manch einer hätte den Weg wohl nicht gehen können, nicht zu seiner ersten Achterbahnfahrt, und erst nicht den Weg durch die noch vor uns liegende Lebenszeit, wenn er nicht genau so ganz einfach an die Hand genommen worden wäre.

Amen.

(gehalten am 17. Mai 2007 in der Peterskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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