Predigten in der Osterzeit - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

7. Sonntag der Osterzeit - Lesejahr B (Joh 17,6a. 11b-19)

In jener Zeit erhob Jesus seine Augen zum Himmel und betete: Vater, ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir. Solange ich bei ihnen war, bewahrte ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast. Und ich habe sie behütet, und keiner von ihnen ging verloren, außer dem Sohn des Verderbens, damit sich die Schrift erfüllt. Aber jetzt gehe ich zu dir. Doch dies rede ich noch in der Welt, damit sie meine Freude in Fülle in sich haben. Ich habe ihnen dein Wort gegeben, und die Welt hat sie gehasst, wie sie nicht von der Welt sind, wie auch ich nicht von der Welt bin. Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie vor dem Bösen bewahrst. Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin. Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit. Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesandt. Und ich heilige mich für sie, damit auch sie in der Wahrheit geheiligt sind. (Joh 17,6a. 11b-19)

"Ich möchte meine Gitarre umtauschen," sagte der Herr im Musikgeschäft, "Sie hat offenbar einen Fabrikationsfehler. Ich besitze sie nämlich jetzt schon seit drei Monaten und sie spielt die Melodien immer noch nicht richtig!"

Liebe Schwestern und Brüder,

ich weiß nicht, ob der junge Mann mit seiner Beschwerde Erfolg gehabt hat. Denn ob das an der Gitarre lag, dass sich die Melodien grauenhaft anhörten, das wage ich zu bezweifeln.

Die Gitarre ist nur das Instrument und ob die Töne sauber sind, harmonisch und wohlklingend, das liegt nur zu einem kleinen Teil an ihrem Preis und ihrer Qualität. Zum größten Teil liegt es an dem, der darauf spielt.

Wenn ein Radiogerät nicht mehr funktioniert, ein Fernseher oder ein Kopierer, dann mag das Umtauschen durchaus etwas bringen. Wenn eine Trompete keine Fanfare von sich gibt, liegt es in den seltensten Fällen am Instrument. Solange der, der auf dem Musikinstrument spielt, nicht die entsprechenden Fähigkeiten entwickelt, wenn er nicht wirklich damit umgehen kann, dann wird der bloße Umtausch des Instrumentes kaum was bringen.

Haben Sie sie nicht auch schon einmal umtauschen wollen? Haben Sie nicht auch schon einmal davon geträumt, eine andere zu haben, eine andere Welt? Eine, in der es gerechter zugeht, in der alle Menschen ihr Auskommen haben? Eine, die nicht von Naturkatastrophen heimgesucht wird, in der Menschen nicht einfach krank werden oder vor der Zeit sterben? Eine, in der es keine Kriege mehr gibt und alle Menschen miteinander auskommen? Haben Sie nicht auch schon einmal davon geträumt, unsere verkorkste Welt einfach gegen solch eine perfekte Welt auszutauschen?

Ich ertappe mich immer wieder bei diesem Gedanken. Und ich versuche mir dann ganz schnell klar zu machen, dass ich dann wie jener Herr mit seiner Gitarre im Musikgeschäft stehe. Unsere Welt könnte noch so oft ausgetauscht werden, wenn sich diejenigen, die auf diesem Instrument spielen, nicht ganz gewaltig ändern, dann werden die Töne, die sie erzeugt, immer die gleichen bleiben.

Ginge es mir in einer anderen Welt denn tatsächlich besser? Wäre ich anders, glücklicher, zufriedener?

Ich sitze doch jetzt schon immer wieder da und blase Trübsal, obwohl die Sonne scheint. Ich bin unzufrieden mit mir selbst, obwohl ich kerngesund und wohlgenährt bin. Und ich weiß nichts mit mir anzufangen, obwohl ich alles habe, was ich brauche. Was an meinem Leben würde sich wirklich ändern, wenn es eine andere Welt wäre, in der ich lebe?

Jesus weist im heutigen Evangelium insgeheim darauf hin. Er erteilt all den Vorstellungen, eine andere Welt vor uns auszubreiten von vorneherein eine Absage.

"Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst", formuliert er in seinem Gebet an den Vater.

Es geht nicht darum, uns aus dieser Welt herauszunehmen, uns in eine andere Welt hinein zu setzen. Diese Welt ist unser Platz. Für sie sind wir bestimmt. Sie zu gestalten, ist unsere Aufgabe. Auf ihr so zu spielen, dass die Töne, die wir ihr entlocken, eine große Symphonie ergeben, das gilt es zu lernen.

Und darum betet Jesus. "Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie vor dem Bösen bewahrst."

Und dieses Böse, das uns das Leben in dieser Welt unmöglich machen könnte, das wäre für mich etwa die Mutlosigkeit, die uns angesichts der Ungerechtigkeit verzagen lässt, die uns sagen ließe, wir können ja doch nichts tun, die uns lähmen und resignieren ließe. Es wäre die Ratlosigkeit, die uns angesichts der Aufgaben, die vor uns liegen, verzagen ließe, uns in ein planloses Gewurschtel abrutschen ließe, wo Jesus selbst uns doch ein Beispiel gegeben hat - das beste Beispiel dafür, wie sich die Welt verändern lässt. Und es wäre die Angst - die Angst davor, in die Öffentlichkeit zu gehen, den Mund aufzumachen und die Dinge beim Namen zu nennen, der Rückzug hinter verschlossene Türen, der den anderen das Feld überlässt und das Heil darin sucht, den eigenen Kopf in den Sand zu stecken.

"Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst," aber um alles bittet Jesus, was wir brauchen, um das Leben in dieser Welt zu einem gelungenen Leben werden zu lassen, nicht nur für uns, für alle Menschen.

Auch Jesus denkt an eine Welt, in der es gerechter zugeht und alle Menschen ihr Auskommen haben, eine Welt, in der es keine Kriege mehr gibt und Menschen friedlich miteinander auskommen. Aber das ist keine andere Welt. Es ist die Welt, in der wir leben, das Instrument, das uns anvertraut ist. Es muss nur richtig bespielt werden.

Wir Menschen müssen lernen, richtig mit ihm umzugehen. Und wenn wir hier es nicht lernen - wer dann sonst?

(gehalten am 23. Mai 2009 in der Peterskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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