Predigten in der Osterzeit - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

5. Sonntag der Osterzeit - Lesejahr B (Apg 9,26-31)

In jenen Tagen, als Saulus nach Jerusalem kam, versuchte er, sich den Jüngern anzuschließen. Aber alle fürchteten sich vor ihm und konnten nicht glauben, dass er ein Jünger war. Barnabas jedoch nahm sich seiner an und brachte ihn zu den Aposteln. Er erzählte ihnen, wie Saulus auf dem Weg den Herrn gesehen habe und dass dieser mit ihm gesprochen habe und wie er in Damaskus mutig und offen im Namen Jesu aufgetreten sei. So ging er bei ihnen in Jerusalem ein und aus, trat unerschrocken im Namen des Herrn auf und führte auch Streitgespräche mit den Hellenisten. Diese aber planten, ihn zu töten. Als die Brüder das merkten, brachten sie ihn nach Cäsarea hinab und schickten ihn von dort nach Tarsus. Die Kirche in ganz Judäa, Galiläa und Samarien hatte nun Frieden; sie wurde gefestigt und lebte in der Furcht vor dem Herrn. Und sie wuchs durch die Hilfe des Heiligen Geistes. (Apg 9,26-31)

Hätten Sie ihn reingelassen, diesen Paulus?

Der hat ihre Freunde ins Gefängnis geworfen, Verfolgungen initiiert, vielleicht sogar selbst Hand angelegt und Steine geworfen!

Hätten Sie ihm in die Augen sehen können, sich neben ihn gesetzt und mit ihm Mahl gehalten? Und vor allem: Hätten Sie ihm getraut? So ganz? Wirklich ehrlichen Herzens?

Liebe Schwestern und Brüder,

das muss man sich wirklich mal vorstellen: Der, der wohl einer der ersten Christenverfolger gewesen war, steht plötzlich da und möchte zur Gemeinde gehören. Man kann es wohl niemandem verdenken, dass er da mehr als reserviert gewesen ist.

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und selbst wenn er die Wahrheit spricht. Und wer ein wirklicher Verbrecher geworden war, wie kann man so jemandem noch über den Weg trauen.

Warum sollte es dem Paulus da besser gehen als vielen Strafgefangenen, die nach ihrer Entlassung dann an der Pfarrhaustür klingeln und ein paar Euros erbetteln, weil sie keine Arbeit mehr finden, kein Dach über dem Kopf mehr haben und in dieser Gesellschaft keinen Tritt mehr zu fassen in der Lage sind.

Ich weiß, dass es Wunden gibt, die niemals heilen, dass Vergessen manchmal unmöglich ist und Vergeben bisweilen unendlich schwer. Ich weiß aber auch, dass Menschen sich ändern können. Und dass sie manchmal auch eine zweite Chance brauchen.

Aber welche Chancen haben Strafgefangene, nach Verbüßung ihrer Haft, wirklich bei uns? Wer heutzutage einmal auf die Nase gefallen ist, der kommt ganz selten - eigentlich fast nie - wieder richtig auf die Beine. Unsere Gesellschaft ist nicht dafür bekannt, Menschen eine zweite Chance einzuräumen.

Jetzt malen Sie sich aber einmal aus, was gewesen wäre, wenn man den Paulus damals nicht hineingelassen hätte, wenn es genau so gelaufen wäre, wie man sich das unter normalen Bedingungen eigentlich auch hätte ausrechnen können, wenn niemand für diesen Paulus gesprochen hätte. Die Heidenmission - sie wäre wohl kaum in Gang gekommen; zumindest nicht in diesem Umfang und auch nicht mit dieser Geschwindigkeit. Ohne Paulus wäre das Christentum vermutlich eine kleine jüdische Sekte in Palästina geblieben.

Was alles wäre wohl nie geschehen, wenn man Paulus damals nicht eine zweite Chance gegeben hätte!

Und was geschieht wohl alles nicht, weil Menschen wie Paulus eine solche Chance heute verweigert wird! Denn heute wird Paulus mehr als einmal bei uns ausgesperrt: all die Menschen etwa, die schief angeschaut werden nach dem Scheitern einer Beziehung, nach dem Verlust ihres gesellschaftlichen Umfeldes, nachdem sie sich in den Augen der Allgemeinheit einen unübersehbaren Makel eingehandelt haben.

Wie schnell gehen auch christliche Gemeinden ganz deutlich auf Abstand. Wie schnell wird Menschen der Platz in unserer Mitte dann mehr als nur schwer gemacht! Wie sieht's aus mit einer zweiten Chance?

Und was ist mit uns? Was, wenn wir eine solche zweite Chance plötzlich einmal nötig hätten? Würde man uns sie wirklich geben?

Paulus hat sie erhalten. Nicht weil die Menschen damals großzügiger waren als heute, nicht weil man über seine Vergangenheit einfach hinweggesehen hat. Paulus erhielt seine zweite Chance, weil da jemand gewesen ist, der für ihn gesprochen hat. Und vor allem, weil Gott diesen Jemand ganz kräftig geschubst hat, weil Gott selbst für diesen Paulus Partei ergriffen hat. Denn das bringt die Geschichte des Paulus ganz besonders deutlich zum Ausdruck: Auch wenn wir Menschen eine zweite Chance oft nicht gewähren, auch wenn wir es nicht tun, Gott tut es!

Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft des heutigen Sonntages - Und es ist eine frohe Botschaft.

Amen.

(gehalten am 14. Mai 2006 in der Antoniuskirche, Bruchsal)

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