Predigten in der Osterzeit

(Dr. Jörg Sieger)

      

Christi Himmelfahrt - Lesejahr A-C (Apg 1,1-11)

Im ersten Buch, lieber Theophilus, habe ich über alles berichtet, was Jesus getan und gelehrt hat, bis zu dem Tag, an dem er in den Himmel aufgenommen wurde. Vorher hat er durch den Heiligen Geist den Aposteln, die er sich erwählt hatte, Anweisungen gegeben. Ihnen hat er nach seinem Leiden durch viele Beweise gezeigt, dass er lebt; vierzig Tage hindurch ist er ihnen erschienen und hat vom Reich Gottes gesprochen. Beim gemeinsamen Mahl gebot er ihnen: Geht nicht weg von Jerusalem, sondern wartet auf die Verheißung des Vaters, die ihr von mir vernommen habt. Johannes hat mit Wasser getauft, ihr aber werdet schon in wenigen Tagen mit dem Heiligen Geist getauft. Als sie nun beisammen waren, fragten sie ihn: Herr, stellst du in dieser Zeit das Reich für Israel wieder her? Er sagte zu ihnen: Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat. Aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch herabkommen wird; und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde. Als er das gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken. Während sie unverwandt ihm nach zum Himmel emporschauten, standen plötzlich zwei Männer in weißen Gewändern bei ihnen und sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor? Dieser Jesus, der von euch ging und in den Himmel aufgenommen wurde, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen. (Apg 1,1-11)

"Wenn der Hans zur Schule ging,
Stets sein Blick am Himmel hing.
Nach den Dächern, Wolken, Schwalben
Schaut er aufwärts allenthalben:
Vor die eignen Füße dicht,
Ja, da sah der Bursche nicht,
Also dass ein jeder ruft:
'Seht den Hans Guck-in-die-Luft!'"

Liebe Schwestern und Brüder,

Sie alle kennen diese Geschichte aus dem guten alten Struwwelpeter. Und sie wissen auch, wohin es am Ende führt:

"Also dass er kerzengrad
Immer mehr zum Flusse trat.
Und die Fischlein in der Reih'
Sind erstaunt sehr, alle drei.
Noch ein Schritt! und plumps! der Hans
Stürzt hinab kopfüber ganz!"

So geht es halt, wenn man nicht schaut, wo man langgeht, dann fällt man irgendwann einmal zumindest auf die Nase, wenn nicht gar, wie der Hans Guck-in-die-Luft, hinab in den Graben.

"Schau, wo du hintrittst!" sagt man einem Kind deshalb nicht umsonst immer wieder. Und wenn ich es mir recht überlege, dann wäre es wahrscheinlich manchmal nicht weniger gut, wenn man uns das ab und an auch wieder einmal sagen würde.

Die heutige Lesung zumindest, die scheint mir genau dies zu tun. Sie erinnern sich an die Männer in den weißen Gewändern und das, was sie am Himmelsfahrtstag den Jüngern zugerufen haben: "Was steht ihr da und schaut zum Himmel?"

Als ob sie uns sagen wollten: Schaut auf den Boden, schaut wo ihr hintretet. Denn wer dauernd in die Wolken starrt, der fällt am Ende wie der Hans Guck-in-die-Luft auf die Nase! Deshalb: Schaut nicht auf den Himmel, schaut auf den Boden!

Mag sein, dass der eine oder die andere jetzt am liebsten einwerfen würden: "So kann das ja aber wirklich nicht stimmen! Ein Christ muss doch auf den Himmel blicken." Wir müssen doch unser eigentliches Ziel in den Blick nehmen.

Alle Welt schaut doch nur auf irgendwelche Ziele, die einzig und allein in diesem Leben eine Rolle spielen: auf irdischen Profit, Glanz und Glamour und von der Werbung vorgegaukeltes falsches, weil allzu kurzfristiges Glück. Da ist es doch mehr als geboten, den Himmel in den Blick zu nehmen.

Nicht umsonst heißt es ja in zig Gebeten: Richtet Euren Blick nicht auf das Irdische, nicht auf das Vergängliche, blickt auf das Unvergängliche und - wie es nachher im Gabengebet heißt -: "Lasst uns suchen was droben ist!" Ein Christ, das muss doch einer sein, der zum Himmel schaut.

Das mag stimmen, wenn man damit meint, dass wir für unser Leben eine klare Orientierung brauchen, dass wir Zeiten der Ruhe nötig haben, in denen wir uns das Ziel vor Augen führen und klar machen, was wirklich wichtig ist und was Bedeutung hat für unser Leben. Aber das heißt noch lange nicht, dass wir zum "Christ Guck-in-die-Luft" werden dürfen!

Wenn wir als Christen nämlich nur noch auf den Himmel schauen, all dem, was hier um uns herum geschieht, nur noch mindere Bedeutung beimessen würden, wenn wir uns vormachen würden, dass es vor allem auf Gebet und Gottesdienst ankäme und die Menschlichkeit, das Miteinander, die Sorge mit und für den anderen nur noch eine untergeordnete Rolle spielen, wenn wir anfangen würden zu glauben, dass Christsein zu praktizieren, Gottesdienst besuchen bedeutet, und was ich außerhalb der Kirche mache, allein meine Sache sei, die niemanden etwas angeht, wenn wir es so verstehen würden, dann wäre das ein mehr als fataler Irrtum.

Steht ja nicht da und schaut so zum Himmel! Schaut auf den Boden, denn hier spielt die Musik!

Der Himmel mag das Ziel sein und das Ziel darf man nicht aus den Augen verlieren. Aber hier, vor uns, hier ist der Weg dorthin. Und wer nicht auf den Weg schaut, fällt über kurz oder lang auf die Nase!

Wer Christus sucht und ihm folgen will, der darf nicht nach oben schauen. Denn wo zwei oder drei von uns, wo die versammelt sind, dort ist er mitten unter uns und dort ist er deshalb auch zu finden. Und was wir irgendjemandem von denen, die mit uns unterwegs sind, was wir einer oder einem von ihnen getan haben, das haben wir ihm getan - oder wir haben es ihm am Ende auch nicht getan.

Hier spielt die Musik, hier ist der Weg, hier begegnen wir Christus - nicht in einem fernen Himmel. Deshalb: Schaut nicht hinauf, der Herr ist hier bei uns.

Das - denke ich - bedeutet im Letzten der Rat dieser Männer mit den weißen Gewändern. Und wer diesen Rat befolgt, der darf gewiss sein, dass er am Ende mit Sicherheit nicht fehlgehen wird. Denn wer den zum Himmel Aufgefahrenen in den Menschen sucht, der wird entdecken, dass Jesus bei uns ist. Und er ist nicht nur da, er geht uns voran und er tut dies, damit wir das Ziel sicher erreichen.

Der "Christ Guck-in-die-Luft" wird ihn kaum bemerken und er wird deshalb auch nur schwerlich an sein Ziel gelangen. Denn wer dauernd in die Luft guckt, der fällt schließlich höchstens in den Graben, und da fressen einen am Ende ja bekanntlich nur die Raben.

Amen.

(gehalten am 1. Juni 2000 in der Peterskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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