Predigten in der Osterzeit - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

5. Sonntag der Osterzeit - Lesejahr A (Joh 14,1-12)

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott, und glaubt an mich! Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten? Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin. Und wohin ich gehe - den Weg dorthin kennt ihr. Thomas sagte zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie sollen wir dann den Weg kennen? Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich. Wenn ihr mich erkannt habt, werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Schon jetzt kennt ihr ihn und habt ihn gesehen. Philippus sagte zu ihm: Herr, zeig uns den Vater; das genügt uns. Jesus antwortete ihm: Schon so lange bin ich bei euch, und du hast mich nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen. Wie kannst du sagen: Zeig uns den Vater? Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch sage, habe ich nicht aus mir selbst. Der Vater, der in mir bleibt, vollbringt seine Werke. Glaubt mir doch, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist; wenn nicht, glaubt wenigstens aufgrund der Werke! Amen, amen, ich sage euch: Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen, und er wird noch größere vollbringen, denn ich gehe zum Vater. (Joh 14,1-12)

Liebe Schwestern und Brüder,

"Dreimal umgezogen, das ist wie einmal abgebrannt!" so sagt es das Sprichwort. Und als unmittelbar Betroffener kann ich da nur sagen: da steckt eine ganze Menge Wahrheit drin. Es gibt wohl kaum etwas, was mehr Bauchschmerzen bereitet als so ein Umzug. Viele von Ihnen haben das sicher selbst schon am eigenen Leib verspürt, und alle anderen müssen sich nur einmal vorstellen, was das heißt, alles, was man besitzt, was sich so im Laufe der Jahre angesammelt hat, in Schachteln zu verpacken und an einen anderen Ort zu transportieren. Ein Umzug, ganz egal ob ein kleiner oder ein großer, so ein Umzug, das ist eine Tortur. Und jemand, der vor solch einem Gewaltakt kein komisches Gefühl hätte, den kann ich mir eigentlich gar nicht vorstellen.

Es würd' mir schon schwer fallen, jemandem zu glauben, der mir weiß machen möchte, dass ihm ein Umzug keinen Druck bereitet, dass er etwa keine Angst davor haben würde, ob da auch alles gut geht, die schönsten Stücke nicht etwa zu Bruch gehen, ob die Möbel auch rechtzeitig angeliefert werden, die Wohnung zum ausgemachten Zeitpunkt auch wirklich fertig wird. Ich kann's mir kaum vorstellen, dass es Leute geben soll, denen all dies nicht so manche schlaflose Nacht bereiten würde. Umziehen tut man nicht gerne. Das ist vielmehr eines von diesen notwendigen Übeln, an die man am liebsten überhaupt nicht denken möchte. Ein notwendiges Übel, um das man halt ab und an ganz einfach nicht drum 'rum kommt.

Mittlerweile verstehe ich das ganz gut. Und ich verstehe deshalb auch, was Jesus wohl damit sagen möchte, wenn er im heutigen Evangelium vom Umziehen spricht. Das ist mir früher so gar nicht aufgefallen, aber Jesus vergleicht ja in dieser Stelle, die wir gerade eben gehört haben, das Sterben, den Tod des Menschen, tatsächlich mit einem Umzug! Er spricht davon, dass er uns vorausgeht, dass er hingeht, um eine Wohnung zu bauen, um uns im Hause seines Vaters eine Wohnung einzurichten. Und in diese Wohnung sollen wir dann einziehen, wenn sie fertig ist, dann sollen wir ihm dorthin folgen, in diese neue Wohnung umziehen. Sterben, für Jesus ist das offensichtlich so etwas wie Umziehen.

Ich finde das großartig, dieses Bild zeugt für mich von einer ganz großen Menschenkenntnis. Jesus weiß offensichtlich ganz genau, dass ein Wohnungswechsel für uns Menschen absolut nichts Schönes ist. Er weiß darum, dass uns so etwas Druck und Bauchschmerzen bereitet. Und wenn er vom Sterben im Bild vom Umzug spricht, dann nimmt er offensichtlich ganz deutlich zur Kenntnis, dass wir Angst haben, dass uns unser Sterben und unser Tod Angst macht. Gott weiß sehr wohl darum, dass auch für den Christen der Tod eine schaurige, ja grausige Sache ist, ein unangenehmes, schreckliches Erleben.

Es stimmt also nicht, wenn manche sagen, die Christen, die müssten doch freudig auf den Tod zugehen. Christen haben schließlich eine Hoffnung, und deshalb müssten sie sich doch auf das Jenseits freuen, deshalb dürften sie doch keine Angst vor dem Sterben haben. Das stimmt ganz offensichtlich nicht! Christus weiß darum, was Sterben für uns Menschen bedeutet.

Auch wenn uns die Botschaft vom neuen Leben, das uns Christus bereitet, die Botschaft vom Reich Gottes, diesem Ort, wo es dann kein Leid und keinen Schmerz mehr geben wird, auch wenn uns diese Botschaft noch so fasziniert, der Gedanke, dass wir zuvor sterben werden, dass wir davor durch den Tod wie durch solch einen Umzug hindurchgehen müssen, dieser Gedanke, der wird Menschen immer Furcht und Entsetzen einflößen. Und das ist normal, das ist kein Zeichen von schwachem Glauben, das gehört zu uns Menschen dazu, und Jesus weiß darum. Diese Furcht kann auch er uns im Letzten nicht ganz wegnehmen.

Er weiß aber, was uns bei all diesen Ängsten noch am ehesten hilft. Und genau das versucht er seinen Jüngern im heutigen Evangelium deutlich zu machen. Wenn es um einen Wohnungswechsel geht, dann ist noch am ehesten hilfreich, wenn man darum weiß, dass die Handwerker, die das neue Zuhause richten, dass die zuverlässig sind, dass man sich wirklich auf sie verlassen kann. Und wenn es um einen Wohnungswechsel geht, dann ist es äußerst hilfreich, wenn man darum weiß, dass das ganze Projekt in der Hand eines guten Architekten ruht. Das nimmt einem nicht die Angst vor dem Umzug, aber es beruhigt, es lässt einen gelassener, etwas ruhiger in diese ungewisse Zukunft blicken.

Darum weiß Jesus sehr wohl, Er weiß darum, dass er uns die Angst vor dem Sterben im letzten nie ganz nehmen kann. Aber er macht uns deshalb ganz besonders deutlich: Das mit der neuen Wohnung, das mit eurem neuen Zuhause, das geht in Ordnung. Vertraut darauf, dass da mit Sicherheit nichts schief gehen wird. Denn dieses neue Zuhause, das liegt in der Hand eines guten Architekten.

Jesus selbst ist dieser Architekt. Er ist der Architekt dieses neuen Lebens. Er selbst geht hin, um für uns dieses neue Zuhause beim Vater zu schaffen. Und selbst wenn uns der Umzug dorthin, wenn uns das Sterben eine noch so große Gänsehaut bereitet. Auf dieses neue Zuhause, darauf dürfen wir uns freuen, denn davon können wir ausgehen, bei diesem Architekten, wenn Jesus selbst die Planung übernommen hat, wenn Gott selbst die Bauaufsicht führt, dann kann da wirklich am Ende absolut nichts schief gehen.

Amen.

(gehalten am 4./5. Mai 1996 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

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