Predigten in der Osterzeit - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

4. Sonntag der Osterzeit - Lesejahr A (1 Petr 2,20b-25)

Liebe Brüder, wenn ihr recht handelt und trotzdem Leiden erduldet, das ist eine Gnade in den Augen Gottes. Dazu seid ihr berufen worden; denn auch Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Spuren folgt. Er hat keine Sünde begangen, und in seinem Mund war kein trügerisches Wort. Er wurde geschmäht, schmähte aber nicht; er litt, drohte aber nicht, sondern überließ seine Sache dem gerechten Richter. Er hat unsere Sünden mit seinem Leib auf das Holz des Kreuzes getragen, damit wir tot seien für die Sünden und für die Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr geheilt. Denn ihr hattet euch verirrt wie Schafe, jetzt aber seid ihr heimgekehrt zum Hirten und Bischof eurer Seelen. (1 Petr 2,20b-25)

Liebe Schwestern und Brüder,

mit der heutigen Lesung habe ich schon meine Schwierigkeiten. Vor allem wenn ich berücksichtige, dass man da einen Teil weggeschnitten hat.

Als man die Leseordnung zusammenstellte, hat man die ersten Sätze dieses Abschnittes einfach ausgelassen. Wenn ich die aber dazunehme, dann wird der Text noch viel schwieriger als er jetzt schon ist.

Es heißt nämlich im ersten Petrusbrief:

"Ihr Sklaven, ordnet euch in aller Ehrfurcht euren Herren unter, nicht nur den guten und freundlichen, sondern auch den launenhaften. Denn es ist eine Gnade, wenn jemand deswegen Kränkungen erträgt und zu Unrecht leidet, weil er sich in seinem Gewissen nach Gott richtet. Ist es vielleicht etwas Besonderes, wenn ihr wegen einer Verfehlung Schläge erduldet? Wenn ihr aber recht handelt und trotzdem Leiden erduldet, das ist eine Gnade in den Augen Gottes."

Allein schon, dass es hier um Sklaverei geht, dass es nicht heißt: "Ihr Herren, lasst eure Sklaven endlich frei, denn Sklaverei ist ein Gräuel vor dem Herrn!" - allein schon, dass es heißt: "Ihr Sklaven bleibt ruhig, was ihr seid, und erduldet still, was euch schlechte Herren antun!" - allein das schon weckt in mir allen nur denkbaren Widerspruch.

Aber was noch viel schlimmer ist, das ist der Satz mit der "Gnade in den Augen Gottes". Dass Menschen leiden, unter ungerechten Verhältnissen alle mögliche Pein erdulden müssen, dass das eine "Gnade in den Augen Gottes" sein soll, da kann ich nicht mit.

Das ist Neues Testament!

Ich könnte jetzt noch zu erklären versuchen, dass Sklaverei eben so stark in der damaligen Gesellschaft verwurzelt war, dass selbst die neutestamentlichen Autoren nicht über diesen Horizont hinauszudenken in der Lage waren, dass sie in diesem Punkt ganz einfach die Grundsätze der damaligen Ethik und die moralischen Vorstellungen ihrer Zeit übernommen haben. Das ändert aber nichts an der ganz massiven Aussage, dass das ungerechte Leid eine Gnade in den Augen Gottes sein soll.

Wie soll ich mit solch einem Satz umgehen.

Ich hoffe nicht, dass Sie eine Antwort von mir erwarten. Ich habe nämlich selbst auch keine. Und ich weiß nicht, ob es überhaupt jemanden gibt, der uns auf diese Frage eine Antwort geben kann.

Kann Leid wirklich Gnade sein? Was sich Gott dabei gedacht hat, als er zuließ, dass Menschen leiden, das werde ich ihm, wenn es mir irgendwann einmal möglich sein sollte, vermutlich als eine der ersten Fragen stellen.

Warum er es zulässt, dass Ungerechtigkeit, Katastrophen und grausame Schicksalsschläge Menschen zu Boden drücken - ich habe keine Antwort darauf. Weiß weder etwas Gescheites noch etwas Dummes darauf zu sagen.

Ich ahne mittlerweile nur eines: Offenbar ist es so. Offenbar hat Gott nichts gegen das Leid.

Er verschont uns nicht davor. Er verhindert es nicht. Er macht nicht, dass es keine Ungerechtigkeit mehr gibt. Er sagt uns vielmehr, dass wir lieber die andere Wange hinhalten sollen, als uns dagegen aufzulehnen. Er verhindert nicht, dass Menschen andere Menschen quälen und dass Menschen furchtbare Schmerzen erleiden. Er geht vielmehr selbst in den Tod, um uns vor Augen zu führen, dass dies unser Weg ist und offenbar keiner daran vorbeiführt. Er sagt uns nicht warum. Er sagt uns nur: "Ihr müsst da durch." Er lässt uns nicht allein. Er geht mit uns. Er selbst geht den Weg durch das Leid und er hilft uns zu gehen.

Eines aber tut er nicht: Er zeigt uns keinen Pfad daran vorbei. Und er sagt uns nicht einmal genau: Warum.

Gott hat offenbar nichts gegen das Leid. Er unternimmt zumindest nichts dafür, dass es aus dieser Welt verschwindet. Er hilft es uns tragen, aber er nimmt es uns nicht weg.

Ich hatte Ihnen gesagt, dass ich keine Antwort weiß. Nicht auf das Warum, nicht auf das Wozu, nicht eine einzige.

Ich kann Gott nur bitten, inständig darum bitten, dass er mir und Ihnen hilft, dieses Fragen nach dem Warum, dieses quälende und bohrende Fragen einfach auszuhalten.

Amen.

(gehalten am 16. April 2005 in der Pauluskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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