Predigten im Jahreskreis - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

33. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr B (Mk 13,24-32)

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: In jenen Tagen, nach der großen Not, wird sich die Sonne verfinstern, und der Mond wird nicht mehr scheinen; die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. Dann wird man den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit aus den Wolken kommen sehen. Und er wird die Engel aussenden und die von ihm Auserwählten aus allen vier Windrichtungen zusammenführen, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels. Lernt etwas aus dem Vergleich mit dem Feigenbaum! Sobald seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, wisst ihr, dass der Sommer nahe ist. Genauso sollt ihr erkennen, wenn ihr all das geschehen seht, dass das Ende vor der Tür steht. Amen, ich sage euch: Diese Generation wird nicht vergehen, bis das alles eintrifft. Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen. Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater. (Mk 13,24-32)

Ein Rohr war gebrochen. Der Keller lief voll Wasser. Voller Verzweiflung rief der Besitzer des Hauses die Nachbarn an: "Kommt schnell, ich brauche Eure Hilfe! Und bringt bitte ein paar Eimer mit, wir müssen den Keller ausschöpfen. Wenn das Wasser noch höher steigt, dann gehen alle Geräte kaputt."

Er nahm seinen Eimer, der hilfsbereite Nachbar, und er eilte zu besagtem Keller. Dort stieg er die Kellertreppe herab und fand bereits einen anderen Helfer. Dieser saß ganz ruhig unten auf der Treppe und hatte seinen Eimer neben sich gestellt. "Er ist noch nicht da", sagte er, und meinte den Besitzer des Kellers, "ich dachte, wir warten hier ganz einfach auf ihn!" - "Ist gut", meinte der hilfsbereite Nachbar, stellte seinen Eimer auch auf die Treppe, und setzte sich ebenfalls hin. Das Wasser stieg, als ein dritter Helfer herbeieilte! Als auch er hörte, dass der Besitzer des Kellers noch nicht gekommen war, stellte er seinen Eimer auf die Treppe und setzte sich zu den anderen.

Das Wasser stieg. Als der Besitzer des Kellers endlich ganz abgehetzt eintraf, saßen zehn bereitwillige Helfer auf der Treppe. Und vor ihnen umspielte das Wasser bereits die große Tiefkühltruhe.

Liebe Schwestern und Brüder,

das scheint wieder einmal eine ganz unrealistische Geschichte zu sein. Es geht schließlich keiner hin und setzt sich einfach auf die Treppe, um zu warten - und das in solch einer Situation. Das ist doch eigentlich sonnenklar.

Gut, wenn ich nicht genau weiß, was ich tun soll, wenn das, was der andere von mir erwartet irgendwie unklar ist, dann muss ich warten, bis jemand kommt, der eine Ahnung hat, der dann sagen kann, was jetzt genau erforderlich ist. Ich will schließlich nichts falsch machen.

Aber in solch einer Situation, wo jeder doch genau weiß, was jetzt nötig ist, wo es ganz einfach darauf ankommt, mit dem Schöpfen zu beginnen, da kann ich mich doch nicht ruhig hinsetzen und abwarten. Da gilt es doch so schnell als möglich ganz einfach anzufangen, mit dem Schöpfen einfach zu beginnen. Das ist doch eigentlich sonnenklar.

Warum aber fällt es uns Christen dann so schwer?

Ich habe nämlich immer mehr den Eindruck als würden wir, wie diese Helfer aus der Geschichte ganz einfach auf der Treppe sitzen, obschon wir doch alles, was wir brauchen, bei uns tragen; obschon wir doch alles, was wir wissen müssen, gesagt bekommen haben!

Der Herr hat es ganz klar gesagt: Er kommt, Jesus Christus wird kommen. Und er wird dann - sie haben es im Evangelium eben gehört, er wird dann die Engel aussenden und die Menschen aus allen vier Windrichtungen zusammenführen, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels. Er wird kommen und die Menschen zusammenführen. Die ersten Christen haben gedacht, dass er bald kommt, dass er sehr bald kommt, dass er dieses Wort schon nach wenigen Wochen und Monaten wahr machen würde. Sie haben sich getäuscht. Der Herr lässt auf sich warten, er lässt immer noch auf sich warten. Und die Christen sitzen da, und warten, wie die Helfer aus jener Geschichte, die auf der Treppe sitzen und doch eigentlich nur anzufangen bräuchten.

Fangen wir doch ganz einfach schon einmal an! Wenn der Herr dann, wenn er kommt, die Menschen sammeln möchte, dann rücken wir doch ganz einfach jetzt schon einmal zusammen. Wenn der Herr die Menschen sammeln möchte, dann fangen wir doch schon jetzt damit an über unseren Tellerrand hinauszublicken, den Menschen jenseits unserer Gemeindegrenzen schon jetzt und immer mehr die Hände zu reichen.

Wer mir heute noch sagt, ich bin Paulaner, was geht mich St. Peter an, und ich bin Peterskirchler oder gehöre zur Stadtkirche, was hab' ich mit St. Paul zu schaffen, der hat die große Herausforderung unserer Zeit immer noch nicht verstanden. So verschlafen wir nicht nur die Gegenwart, so verschlafen wir die Erwartung Christi.

Wer mir heute sagt, wir haben genügend Probleme hier, was hab ich mit den Schwierigkeiten anderswo am Hut, der hat nicht begriffen, worauf es diesem Herrn, der kommen wird, ankommt.

Wir beten im Glaubensbekenntnis, dass wir eine katholische Kirche, eine weltumspannende Kirche glauben.

Wir gehören als Christen zusammen. egal an welchem Ende der Welt wir uns befinden. Wir sind als große christliche Gemeinschaft, als Gemeinschaft der Menschen im letzten ganz tief verbunden.

Wie wichtig ist es, dass wir uns gegenseitig immer mehr mit diesem Bewusstsein beschenken! Überall auf der Welt, wo Menschen zu echten Partnern werden, in nah und fern, wo Menschen zusammenrücken, sich gar im Namen Jesu Christi sammeln und immer näher kommen, überall dort werden sie nämlich zu Hoffnungsträgern; zu Hoffnungsträgern in einer Welt, in der die Hoffnungslosigkeit immer mehr grassiert.

Schön, dass es Menschen gibt, die schon damit begonnen haben, die damit begonnen haben zusammenzurücken, schöpferisch die Probleme unserer Gegenwart anzugehen. Solche Menschen bereiten den Boden dafür, dass es unser Herr Jesus Christus sehr leicht haben wird, dann, wenn er kommt, wenn er dann wirklich kommt, um die Menschen aus allen vier Windrichtungen zusammenzuführen, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels.

Amen

(gehalten am 16. November 1997 in der Stadtkirche "Unserer Lieben Frau", Bruchsal)

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