Predigten im Jahreskreis - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

11. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr B (2 Kor 5,6-10)

Brüder (und Schwestern)! Wir sind immer zuversichtlich, auch wenn wir wissen, dass wir fern vom Herrn in der Fremde leben, solange wir in diesem Leib zu Hause sind; denn als Glaubende gehen wir unseren Weg, nicht als Schauende. Weil wir aber zuversichtlich sind, ziehen wir es vor, aus dem Leib auszuwandern und daheim beim Herrn zu sein. Deswegen suchen wir unsere Ehre darin, ihm zu gefallen, ob wir daheim oder in der Fremde sind. Denn wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden, damit jeder seinen Lohn empfängt für das Gute oder Böse, das er im irdischen Leben getan hat. (2 Kor 5,6-10)

Es sollte der Höhepunkt des Sommerlagers werden. Wir waren mit über achtzig neun- bis dreizehnjährigen Kindern auf einer Ferienfreizeit im Bregenzerwald. Und der absolute Höhepunkt, das sollte eine Tour durch eine Höhle werden.

Monate zuvor schon hatten wir erfahrene und ortskundige Führer geordert, die uns durch eine der vielen naturbelassenen Höhlen dort führen sollten. In zwei Gruppen mit jeweils knapp vierzig Kindern ging es in den Berg.

Liebe Schwestern und Brüder,

es wurde der Höhepunkt des Sommerlagers! Anderthalb Stunden über Geröll und unwegsames Gelände; kein ausgebauter Weg und absolute Dunkelheit. Lediglich eine Handvoll Grubenlampen - jedes vierte oder fünfte Kind hatte eine in die Hand gedrückt bekommen - beleuchteten notdürftig die Umgebung; und das alles bei eisiger Kälte - konstant 8 Grad Celsius.

Es war ein Wahnsinns-Abenteuer. - Ich würde es nie mehr wagen!

Selbst den wildesten Rabauken, rutschte das Herz in die Hose, die Gruppenleiter hatten mit am meisten Angst und ich überlegte die ganze Zeit über eigentlich nur, wie ich das den Eltern erklären würde, wenn hier irgendetwas passieren sollte.

Wahrscheinlich können Sie dieses beklemmende Gefühl nachvollziehen: nicht zu wissen, wie es weitergehen würde, ob man da heil 'rauskommt, zu spüren, dass einem jetzt niemand die Verantwortung abnimmt, und sich dabei im letzten ganz allein zu fühlen.

Vermutlich können Sie das nachvollziehen, denn auch wenn Sie noch nie mit einer Horde von Kindern in einer Höhle im Bregenzerwald gesteckt haben, dieses Gefühl, das kennen Sie mit Sicherheit trotzdem. Sie hatten es nämlich ganz sicher auch schon.

Ich habe es immer wieder; fast jedes Mal, wenn es darum geht, Wege zu beschreiten, die ich zuvor noch nie gegangen bin, Situationen zu erleben, bei denen der Ausgang unsicher ist, bei denen ich mich hilflos fühle, nicht weiß, was werden soll, oder auch nur eisige Kälte in meiner Umgebung spüre. Da habe ich immer wieder ein ganz ähnliches Gefühl, wie damals in dieser Höhle. Ein Gefühl das mit allem zu tun hat, nur nicht mit Zuversicht, ein Gefühl, das eher das genaue Gegenteil von dem beschreibt, was Paulus in der heutigen Lesung sagt.

Er spricht da nämlich ein großes Wort ganz gelassen aus. Erinnern Sie sich? "Wir sind immer zuversichtlich..." schreibt er. "Wir sind immer zuversichtlich auch wenn wir wissen, dass wir fern vom Herrn in der Fremde leben."

Ich möchte dem großen Apostel ja nicht zu Nahe treten, aber das klingt schon beinahe zu schön um wahr zu sein. Immer zuversichtlich? Ich kann mir fast nicht vorstellen, dass Paulus so etwas wie dunkle Stunden, Verlassenheit und auch Angst nicht gekannt haben soll.

Aber selbst wenn es bei ihm so gewesen wäre, selbst wenn er immer zuversichtlich war - mir hilft das wenig, denn - was soll ich machen? - ich bin es nicht.

Die Tage, an denen ich das Gefühl habe, wie im hellen Licht über weite Wiesen zu marschieren, die kann ich zählen. Die Tage, in denen ich voll Unsicherheit, voller Sorgen und Nöte, voller Fragezeichen und mancherlei Befürchtungen, wie durch eine riesige nicht enden wollende Höhle laufe, diese Tage überwiegen bei Weitem.

Was aber mache ich dann, wenn ich nicht wie Paulus voller Zuversicht bin? Paulus gibt mir auf diese Frage heute ja leider keine Antwort. Hier ist er wenig hilfreich. Dass ihm diese Zuversicht geschenkt worden ist, hilft dem, der sie nicht hat, ja herzlich wenig.

So kann ich Ihnen nur sagen, was die 40 Kinder damals in der Höhle gemacht haben. Denn das war schon hilfreich!

Wissen Sie was die getan haben? Die haben 90 Minuten lang ohne Unterbrechung aus Leibeskräften gesungen! Ich werde das nie vergessen. Wir sind anderthalb Stunden durch diese Höhle marschiert und anderthalb Stunden lang haben vierzig Kinder aus Leibeskräften "Negeraufstand ist in Kuba" und den "Lagerboogie" gesungen. Jeder von denen hatte die Hosen gestrichen voll, aber alle haben sich aneinander festgehalten und gesungen.

Ich denke, das ist eines der ältesten und vielleicht auch das beste Rezept, in solchen Situationen: immer dann nämlich, wenn ich mich fürchte, wenn ich Angst habe oder mir die Zuversicht fehlt. Wenn es andere gibt, an denen ich mich festhalten kann, und wenn ich dann mit denen zum Beispiel aus Leibeskräften singen kann, dann nimmt das nicht unbedingt die Angst, aber es lässt mich so manche Durststrecke anders überstehen. Und es lässt vor allem durchhalten, bis das Ende des Tunnels in Sicht ist, bis es wieder hell wird.

Vielleicht treffen wir uns ja gerade deshalb jede Woche hier zum Gottesdienst. Vielleicht ist das ja mit ein Grund dafür: damit wir spüren können, dass wir nicht allein sind, damit wir uns aneinander festhalten können, damit wir uns gegenseitig halten können, wenn wir wieder einmal allzu sehr spüren, dass wir fern vom Herrn in der Fremde leben.

Und wenn wir dann miteinander singen, oder manchmal einfach darauf hören, wie andere uns etwas vorsingen, und wenn wir dann miteinander feiern, dann lässt das manchmal für ein paar Minuten vergessen, dass das Leben nicht immer zum Feiern Anlass gibt. Und es lässt manchmal das, was im Alltag an Sorgen auf uns einprasselt, ein wenig besser verkraften.

Wenn Sie kein Paulus sind, keiner von denen, die immer zuversichtlich sind, dann wird es Ihnen vermutlich gar nicht anders gehen als mir, dann werden Sie, genauso wie ich, eine Gemeinschaft, die uns trägt ganz sicher brauchen.

Heute feiern wir, wir feiern als Gemeinde miteinander, wir halten uns aneinander fest und versichern uns gegenseitig, dass wir gehalten sind, von Gott und von einander. Und genau das - manchmal genügt schon genau das - und das Licht am Ende des Tunnels ist schon wieder zu sehn.

Amen.

(gehalten am 25. Juni 2000 in der Peters- und Pauluskirche, sowie der Stadtkirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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