Predigten im Jahreskreis - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

5. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr B (Ijob 7,1-4. 6-7)

Ijob ergriff das Wort und sprach: Ist nicht Kriegsdienst des Menschen Leben auf der Erde Sind nicht seine Tage die eines Tagelöhners? Wie ein Knecht ist er, der nach Schatten lechzt, wie ein Tagelöhner, der auf den Lohn wartet. So wurden Monde voll Enttäuschung mein Erbe, und Nächte voller Mühsal teilte man mir zu. Lege ich mich nieder, sage ich: Wann darf ich aufstehn? Wird es Abend, bin ich gesättigt mit Unrast, bis es dämmert. Schneller als das Weberschiffchen eilen meine Tage, der Faden geht aus, sie schwinden dahin. Denk daran, dass mein Leben nur ein Hauch ist. Nie mehr schaut mein Auge Glück. (Ijob 7,1-4. 6-7)

Insgesamt waren es sieben Monate, die ich in St. Peter im Schwarzwald verbracht habe, in der wunderschönen Umgebung der ehemaligen Benediktinerabtei, die damals ja noch als Priesterseminar diente.

War schon toll, durch diese Gänge zu gehen und irgendwo auch Geschichte ganz hautnah zu erleben.

Eines aber war anfangs etwas gewöhnungsbedürftig. In solch barocken Umgebungen begegnet man nicht selten alle paar Meter einem Totenkopf oder einem Stundenglas.

Und auch in St. Peter ist diese Erinnerung an den Tod immer wieder präsent - sogar im Speisesaal, dort wo man normalerweise an alles, nur nicht an das Sterben denkt. Im kleinen Speisesaal mahnt ein kleiner Engel mit einem Totenkopf in der Hand an die Stunde, die keiner von uns kennt.

Liebe Schwestern und Brüder,

natürlich hatte man sich bald an so etwas gewöhnt, und nach ein paar Tagen haben solche Zeichen auch ihren mahnenden Charakter verloren. Sie wurden einfach übersehen, wie man fast alles nicht mehr recht beachtet, was sich tagtäglich um einen herum befindet.

Aber nichtsdestoweniger ist solch eine Erinnerung an den Tod gar nicht ohne. Und sie ist heilsam und auch notwendig.

So wie die heutige Lesung von daher notwendig ist. In schonungslosen Worten wird uns das Leben vor Augen geführt, wie es sich doch so oft darstellt: als Monate von Enttäuschung, Nächte voller Mühsal, Unrast und Arbeit, wie die eines Sklaven in drückender Sonne. Und die Tage schwinden dahin wie ein Faden oder ein Hauch. Sie gleitet einem durch die Finger, die Zeit, wie der Sand durch ein Stundenglas.

Ich weiß, das will man Sonntag nicht unbedingt hören. Man geht schließlich in den Gottesdienst, um dem Alltag zu entfliehen. Da möchte man sich aufbauen lassen und neue Kraft schöpfen und nicht Texte über das Elend des Lebens oder den jederzeit möglichen Tod vorgesetzt bekommen - wie im Seminar in St. Peter, wo man nicht an den Tod denken möchte, wenn man zum Essen in den Speisesaal geht.

Aber gerade deshalb ist diese Mahnung ja immer wieder notwendig, auch wenn sie manchmal wie ein Schlag ins Gesicht daherkommt. Ein solcher Schlag ist manchmal wichtig: Wichtig, damit wir die Zeit eben nicht einfach durch unsere Finger rieseln lassen; wichtig, damit wir uns bewusst machen, wie wertvoll und wie einzigartig eine jede Stunde ist.

Wie viel Zeit geht uns wirklich durch die Lappen, weil wir sie einfach verstreichen lassen, weil wir uns den Ablauf diktieren lassen: von außen, von den Umständen, von dem, was man halt gemeinhin so macht.

Dabei hätten wir durchaus die Möglichkeit immer wieder einmal die Notbremse zu ziehen, Stunden ganz intensiv und ganz bewusst als das zu erleben, was sie wirklich sind: Gottes größtes Geschenk an uns Menschen nämlich.

Die heutige Lesung macht es uns wieder neu bewusst: Lebe heute, verschiebe Dinge, die wichtig sind, nicht auf später. Begreife, dass der heutige Tag dein Leben ist und dass dieses Leben nie eigentlicher werden wird, als es jetzt gerade ist. Jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde.

Heute ist wieder solch eine Möglichkeit, ein wenig in die Bremse zu treten, diesen Tag ganz bewusst anzugehen und die Zeit eben nicht einfach durch die Finger rieseln zu lassen. Und wenn das gelingt, wenn Sie jetzt auch nur ein paar Stunden dieses Tages, ihren Kindern, ihrem Partner ihren ganz persönlichen Anliegen - dem widmen, was für Sie das Allerwichtigste ist -, wenn das gelingt, dann hat die heutige Lesung eigentlich schon ihren Zweck erfüllt.

(gehalten am 8. Februar 2009 in der Peters- und Antoniuskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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