Predigten im Jahreskreis - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

18. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr A (Mt 14,13-21)

In jener Zeit, als Jesus hörte, dass Johannes enthauptet worden war, fuhr er mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein. Aber die Leute in den Städten hörten davon und gingen ihm zu Fuß nach. Als er ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen und heilte die Kranken, die bei ihnen waren. Als es Abend wurde, kamen die Jünger zu ihm und sagen: Der Ort ist abgelegen, und es ist schon spät geworden. Schick doch die Menschen weg, damit sie in die Dörfer gehen und sich etwas zu essen kaufen können. Jesus antwortete: Sie brauchen nicht wegzugehen. Gebt ihr ihnen zu essen! Sie sagten zu ihm: Wir haben nur fünf Brote und zwei Fische bei uns. Darauf antwortete er: Bringt sie her! Dann ordnete er an, die Leute sollten sich ins Gras setzen. Und er nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis, brach die Brote und gab sie den Jüngern; die Jünger aber gaben sie den Leuten, und alle aßen und wurden satt. Als die Jünger die übriggebliebenen Brotstücke einsammelten, wurden zwölf Körbe voll. Es waren etwa fünftausend Männer, die an dem Mahl teilnahmen, dazu noch Frauen und Kinder. (Mt 14,13-21)

Es war einmal,

es war einmal vor fast 2000 Jahren, in einer sonst einsamen Gegend, an einem See, an dessen Ufer an diesem Tag weit über 5000 Menschen lagerten. An diesem besagten Tag, da standen drei Jünger wütend und auch ein wenig deprimiert beieinander.

"Jetzt ist er ganz übergeschnappt!" sagte der eine, "Wenn wir die Leute nicht nach Hause schicken, dann werden die die ganze Nacht hindurch hungern! Und vor allem die Kinder brauchen doch etwas zu essen! Ich kapiere das nicht. Wie kann er da einfach dastehen und sagen: 'Gebt Ihr ihnen zu essen!' Jetzt ist er völlig übergeschnappt! Besser ich packe mein Bündel, bevor er anfängt ganz durchzudrehen!"

"Ich verstehe das auch nicht!" sagte der zweite, "Das muss er doch wissen, dass wir das nicht können! Wir haben nur fünf Brote! Wie sollten wir damit auch nur annähernd etwas ausrichten können. Das ist absolut unmöglich. Er lässt uns da alleine stehen und verlangt von uns Dinge, an die man vernünftigerweise nicht einmal denken würde! Und - wieder einmal typisch - schaut ihn euch an: er sitzt da und rührt keinen Finger! So habe ich mir das nicht vorgestellt, als ich damals begonnen habe, mit ihm loszuziehen! Er hat uns doch versprochen, uns in eine neue Zeit zu führen! Und jetzt stehe ich da und er verlangt von mir Dinge, die ich unmöglich erfüllen kann! Noch nie bin ich von jemandem so überfordert worden wie gerade von ihm!"

Liebe Schwestern und Brüder,

so ähnlich stelle ich mir das vor, so ähnlich müssten die Jünger - denke ich - damals an diesem See reagiert haben. Wenn man da mit fünf Broten in der Hand vor einer solch hungrigen Meute steht, wie sollte man da auch anders reagieren. Da kann ich mir sehr gut vorstellen, dass da mehr als nur ein Jünger an diesem Jesus zu zweifeln begann. Und ich kann es mir deshalb so gut vorstellen, weil ich mich manchmal ganz ähnlich fühle, weil ich mich von diesem Jesus manchmal genauso überfordert fühle, wie wenn der zu mir sagen würde, mach mir mit fünf Broten fünftausend Leute satt!

Wenn Jesus hinsteht und zu jedem Einzelnen von uns sagt: "Liebt diesen Gott, und zwar mehr als alles in der Welt, mehr als eure Kinder, ja sogar mehr als euer eigenes Leben!" Dann muss ich mich wirklich fragen, ob ich das kann. Ich glaub' nicht, dass ich das packe.

Und wenn er dann weiter sagt: "Ihr müsst gut sein zu den Menschen, und zwar zu allen, sogar zu euren Feinden!" Dann kann ich nur sagen, das schaff ich nicht, das ist zu viel verlangt.

Und wenn er dann von uns will, dass wir so leben sollen, dass andere durch unser Leben zum Glauben an ihn kommen können, dann muss ich ganz einfach und ganz ehrlich sagen, da bin ich restlos überfordert. Das ist für mich, wie wenn ich mit zwei drei Broten Hunderte von Mäulern stopfen müsste. Das ist schlechterdings unmöglich da verlangt er zu viel von mir. Was Jesus Christus von mir möchte, das kann ich nicht leisten. Ich schaff es einfach nicht!

Wenn ich damals am See an jenem Abend mit den 5000 dabei gewesen wäre, vielleicht wäre ich einer von denen gewesen, die sehr schnell ihr Bündel gepackt hätten, einer von denen, die weggegangen wären, die gesagt hätten: "Was du da verlangst, das kann ich nicht!"

Zum Glück scheint es damals, an diesem besagten Abend am See, aber auch noch andere Jünger gegeben zu haben. Zu den zweien, von denen ich eingangs erzählt habe, zu denen, die da schon richtig verzweifelten und erst gar nicht anfangen wollten, zu denen scheint glücklicherweise mindestens noch ein weiterer hinzugekommen zu sein, einer nämlich, der gesagt hat: "Ihr habt ja vollkommen recht! Das schaffen wir nicht. Mit unseren fünf Broten können wir die 5000 nicht satt machen, das ist nicht zu leisten. Aber wer sagt uns denn, dass uns Jesus tatsächlich nicht hilft, dass er wirklich nichts tut! Auch wenn es jetzt so aussieht, auch wenn er jetzt den Eindruck erweckt, als würde er nur dasitzen und gar nichts tun, als würde er erwarten, dass wir alles alleine hinbekommen, wer sagt uns denn, dass das auch wirklich so ist. Vielleicht wartet er ja nur darauf, dass wir den Anfang machen. Vielleicht wartet er ja nur darauf, dass wir mit dem, was wir eben haben, so wenig es auch sein mag, dass wir mit dem, was wir haben, in Gottes Namen halt einmal anfangen. Natürlich schaffen wir es nicht, natürlich wissen wir, dass unsere fünf Brote nie und nimmer ausreichen. Aber hindert uns das denn daran, mit diesen fünf Broten wenigstens zu beginnen? Was verlieren wir denn, wenn wir mit dem, was wir haben, ganz einfach anfangen?"

Tun wir das, was wir können. Natürlich können wir nicht mehr tun, aber weniger - weniger als das, was wir können -, weniger sollten wir unter keinen Umständen tun. Und wenn wir alles getan haben, was wir tun konnten, vielleicht entdecken wir dann ja, dass Jesus den Rest, all das, was uns dann noch fehlt, dass er all das dann schon lange selbst getan hat.

Amen.

(gehalten am 4. August 1996 in der Pauluskirche, Bruchsal)

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