Predigten im Jahreskreis - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

17. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr A (1 Kön 3,5. 7-12)

In jenen Tagen erschien der Herr dem Salomo nachts im Traum und forderte ihn auf: Sprich eine Bitte aus, die ich dir gewähren soll. Und Salomo sprach:, Herr, mein Gott, du hast deinen Knecht anstelle meines Vaters David zum König gemacht. Doch ich bin noch sehr jung und weiß nicht, wie ich mich als König verhalten soll. Dein Knecht steht aber mitten in deinem Volk, das du erwählt hast: einem großen Volk, das man wegen seiner Menge nicht zählen und nicht schätzen kann. Verleih daher deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht. Wer könnte sonst dieses mächtige Volk regieren? Es gefiel dem Herrn, dass Salomo diese Bitte aussprach. Daher antwortete ihm Gott: Weil du gerade diese Bitte ausgesprochen hast und nicht um langes Leben, Reichtum oder um den Tod deiner Feinde, sondern um Einsicht gebeten hast, um auf das Recht zu hören, werde ich deine Bitte erfüllen. Sieh, ich gebe dir ein so weises und verständiges Herz, dass keiner vor dir war und keiner nach dir kommen wird, der dir gleicht. (1 Kön 3,5. 7-12)

Diese Woche gab es Zeugnisse und dementsprechend - da und dort - lange Gesichter. Noten entscheiden schließlich über die Zukunft. Wer nicht den entsprechenden Schnitt hat, kann nicht die gewünschte weiterführende Schule besuchen, bekommt nicht den ersehnten Studienplatz, oder steht auch nur - im Vergleich mit anderen - dumm da.

Blödes Gefühl, wenn die Mutter fragt, was denn die beste Freundin hat, und wenn die um Längen besser ist.

Liebe Schwestern und Brüder,

Noten entscheiden - und nicht nur über die Zukunft. Denn wer nicht die entsprechenden Zeugnisse vorweisen kann, nicht über verbriefte Qualifikationen verfügt, wer bestimmte Positionen nicht erreicht, der gilt eben auch weniger als andere. Und er gilt vor allem als dümmer.

Der ist klug, der studiert hat, der ist gescheit, der sein Abitur mit tollem Schnitt geschafft hat, der ist qualifiziert, der exzellente Zeugnisse vorzuweisen hat. Danach wird bei uns gemessen. Und demnach sind Zeugnisse weit mehr als nur Papier mit Zahlen darauf. Bei uns entscheiden sie nicht zuletzt über die Bedeutung und damit auch den Wert einer Person.

Und man könnte nun versucht sein, dies auch ganz in Ordnung so zu finden. Bildung, Klugheit und Intelligenz sind ja schließlich auch Güter, die in der Bibel hoch gelobt werden.

Das hat man schließlich schon im Religionsunterricht gelernt: Verstand und Klugheit hatte König Salomo gewählt. Weder Reichtum noch ein langes Leben hatte er sich von Gott erbeten. Um Klugheit und Verstand, um Wissen hatte er gebetet. Und deshalb hat er bei Gott auch solch großes Gefallen gefunden. So hat man es schließlich gelernt.

Ich war schon etwas überrascht, als ich die Stelle in den Königsbüchern einmal genauer durchgesehen habe. Da steht nämlich nichts von Klugheit, nichts von Verstand und nicht einmal etwas von Wissen.

Salomo bat um ein hörendes Herz - ein hörendes Herz, damit er das Gute vom Bösen zu unterscheiden verstehe. Und Gott schenkt ihm dieses hörende Herz. Und Salomo wird dadurch zum weisesten aller Könige in der Tradition Israels - zum Inbegriff der Weisheit in der Bibel überhaupt.

Wenn Sie wissen möchten, was die Bibel unter Weisheit versteht, dann haben Sie hier die beste Definition: Nicht eine gute Schulbildung, nicht blendende Zensuren, nicht ein gutes Zeugnis, und auch nicht die entsprechenden Kurse, Abschlüsse und Bescheinigungen machen Weisheit aus. Weise zu sein, das heißt, ein hörendes Herz zu haben.

Wer davon spricht, dass er sich Wissen erworben hat, der meint damit, dass er nun gleichsam über ein Reservoir verfügt, aus dem er schöpfen kann. Wer davon spricht, klug zu sein, der meint damit, dass er nachdenken kann und in der Lage ist, eigenständig Lösungen zu finden - Lösungen, die sein Verstand ausklügelt. Wer davon spricht, dass er entsprechende Qualifikation mitbringt, der meint damit, dass er in der Lage, ist die anstehenden Anforderungen auch wirklich selbständig zu bewältigen.

Wer weise ist, der hat ein hörendes Herz, der schaut nicht auf sein Wissen, baut nicht auf seine Klugheit oder seine in langen Jahren mühsam erworbenen Qualifikationen. Er hört, er hat ein hörendes Herz, er weiß darum, dass er alleine gar nichts vermag, dass er hören muss - auf andere.

Und er versteht das auch! Er versteht es, gut hinzuhören, Ratschläge bewerten zu können und die Geister zu unterscheiden. Er hat einen inneren Sensus für das, was andere ihm zu sagen haben, und allen voran, der Andere, der ganz Andere, jener Gott nämlich. Seine Wegweisung, seinen Rat, seine innere Eingebung vermag er zu vernehmen. Das macht einen weisen Menschen aus.

Deshalb sollte, wer Weisheit sucht und weise Menschen finden möchte, nicht zuerst auf Intelligenzquotienten schielen, nicht nach Zeugnissen fragen und sich auch nicht zuerst in den Universitäten umschauen. Sicher, er wird dort sehr viel Wissen finden, manche klugen Überlegungen und auch sehr viel Rechthaberei.

Weisheit ist etwas anderes.

Wer Weisheit sucht, muss den Menschen ins Herz schauen. Denn der ist weise, der ein hörendes Herz hat, der sich mit seiner ganzen Person auf andere einlassen kann, der spürt, was ein anderer möchte und braucht; der darum weiß, dass Wissen nie etwas Statisches ist, nie etwas, was man sich ein für alle Male erworben hat und nun für immer nutzen kann, sondern etwas, was es immer neu zu erspüren gilt, etwas, was an jedem Tag neu sein kann und deshalb auch jeden Tag neu erlauscht werden will.

Und der ist weise, der darum weiß, dass er das nie alleine schafft, dass er nie aus eigener Vollkommenheit heraus den rechten Weg findet, sondern nur im Hören auf andere - und letztlich auf den Anderen, auf Gott.

Das ist Weisheit, wie sie die Bibel umschreibt. Und die findet man eben nicht nur und nicht zuerst an Universitäten. Manchmal begegnet sie dort, wo man sie am wenigsten vermutet.

All denen, die in den letzten Tagen mit ihren Zensuren Schwierigkeiten hatten, sei dies deshalb heute mit auf den Weg gegeben. Ein schlechtes Zeugnis ist schlecht, das kann man drehen und wenden, wie man will. Dadurch wird es nicht besser. Über den Menschen aber sagt es noch lange nichts aus. Den Wert eines Menschen, seine Bedeutung und was er wirklich zu sagen hat, das bestimmen nämlich keine Noten, darüber kann nur sein Herz Auskunft geben.

Denn weise ist allein der, der über ein hörendes Herz verfügt, über eines, mit dem er das Gute vom Bösen zu unterscheiden vermag.

Amen.

(gehalten am 28. Juli 2002 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

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