Predigten im Jahreskreis - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

16. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr A (Röm 8,26-27)

Brüder! Der Geist nimmt sich unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können. Und Gott, der die Herzen erforscht, weiß, was die Absicht des Geistes ist: Er tritt so, wie Gott es will, für die Heiligen ein. (Röm 8,26-27)

Als ich meinen ersten PC gekauft habe, war mein Budget äußerst begrenzt. Und so blickte ich in einem Geschäft ziemlich neidisch auf den drei viertel Meter hohen Tower, der als Glanzstück der Ausstellung mitten im Raum stand. Solch ein großes Teil gab mein Geldbeutel natürlich nicht her. Ich sah mich deshalb nur bei den kleinen Geräten um.

Damals war ich noch recht naiv, was Computer anging. Und ich glaubte doch wirklich, dass die kleineren Geräte auch die billigeren sein müssten. Denn je größer ein solches Gerät war, desto leistungsfähiger müsste es doch auch sein. Sie können sich vielleicht denken, dass ich ziemlich überrascht war, als ich entdecken musste, dass die kleineren Geräte oft die viel teureren waren. Dass das Aussehen eines Computers absolut nichts zu sagen hatte, das war mir damals überhaupt nicht bewusst.

Das war meine erste Entdeckung in Sachen Computer: dass man vom bloßen Augenschein her absolut nicht auf seine Fähigkeiten schließen konnte.

Liebe Schwestern und Brüder,

auf die Innereien kommt es an. Was Computer anging, musste ich das erst lernen. Und dabei ist es doch eine Binsenweisheit.

Nur haben Binsenweisheiten meist genau die Eigenschaft, dass man sich solche Zusammenhänge mit schöner Regelmäßigkeit immer wieder in Erinnerung rufen muss. Gerade die einfachsten Wahrheiten sind nämlich die, die wir am häufigsten zu vergessen drohen.

Wie oft lassen wir uns vom Schein blenden!

Da sehen wir jemanden und sind ganz fasziniert von der stattlichen Figur, der stolzen Erscheinung, der prächtigen Uniform, dem Talar, den Insignien seines Amtes - und schon haben wir für alles andere keinen Blick mehr. Und dabei sagen all diese Dinge über die Qualitäten, über die Fähigkeiten und die Bedeutung einer Person absolut nichts aus.

Das Sprichwort "Kleider machen Leute" bringt eine unangenehme Wahrheit auf den Punkt. Es sagt nämlich sehr deutlich, dass wir Menschen fast immer auf die bloße Verpackung hereinfallen. Wir sehen die Äußerlichkeiten und bleiben dabei hängen. Und wir müssen immer wieder - und manchmal sehr schmerzlich - die Erfahrung machen, dass die Verpackung eben meist nur schöner Schein bedeutet.

Auf die Innereien kommt es an.

In der Peterskirche können wir dieser Tage solch eine Erfahrung einmal mit umgekehrten Vorzeichen machen. Da steht nun im Chorraum ein kleines Örgelchen. Gut, es ist schmuck anzuschauen. Aber seine Dimensionen sind so bescheiden, dass es wohl jedem und jeder, der es zum ersten Mal hört, kaum anders ergeht als mir: Ich war ganz schön baff, als ich das Werk zum ersten Mal den Kirchenraum füllen hörte. Dass ein solch kleines Werk eine solch gewaltige Klangfülle erreichen kann, die das gewaltig dimensionierte Monstrum auf der Orgelempore der Peterskirche, das in den letzten Tagen ausgebaut wurde, richtiggehend in den Schatten stellt, das hat mir einmal mehr vor Augen geführt, dass nicht die äußere Erscheinung, nicht die in Metern gemessene Größe und auch nicht die Verpackung über die wahre Bedeutung - weder einer Sache noch eines Menschen - entscheiden.

Auf die Innereien kommt es an.

Gut zu hören, dass Gott diese Innereien kennt. Gut zu hören, dass er der ist, der die Herzen erforscht, wie es Paulus in der Lesung eben zum Ausdruck gebracht hat. Gut zu hören, dass Gott uns auf Herz und Nieren prüft und genau weiß, wie es um uns steht.

Er lässt sich nicht blenden. Er bleibt nicht beim schönen Schein. Gott kann ich nichts vormachen. Deshalb brauche ich ihm gegenüber auch gar keinen großen Wert auf die Fassaden zu legen. Bei Gott hat falscher Schein keine Chance. Der Gott, der Herz und Nieren prüft, lässt sich nicht blenden.

Auf das, was drinnen steckt, kommt es ihm an.

Und genau darum sollten wir uns denn auch kümmern. Nicht um die Fassaden, um das, was wirklich in uns steckt, darum sollten wir uns kümmern.

Und das wäre nicht nur gut für uns, es wäre ein richtiger Segen auch für alle anderen. Vieles auf dieser Welt würde sich allein schon dann zum Guten wenden, wenn wir genauso viel - nur genauso viel Energie, wie wir ansonsten auf den Schein, auf die Äußerlichkeiten und auf die Verpackung verschwenden, wenn wir nur genauso viel Energie darauf verwenden würden, um innen drin wirklich zu solchen Menschen zu werden, als die wir nach außen immer erscheinen wollen.

Amen.

(gehalten am 20./21. Juli 2002 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

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